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Landkreis Günzburg

13.07.2020

Bike-Boom im Kreis Günzburg dank Corona: "Nachfrage war gigantisch"

Mit dem Fahrrad die Heimat erkunden statt mit dem Auto in die Ferne schweifen: Die Corona-Krise hat einen wahren Zweirad-Boom ausgelöst.
Bild: Alois Thoma

Plus Auch im Kreis Günzburg ist die Nachfrage nach Fahrrädern stark gestiegen. Vor allem E-Bikes sind gefragt. Das bringt für die Kunden aber auch Nachteile.

„Die Corona-Krise kann auch etwas Gutes haben“ – diesen Satz konnte man in den vergangenen Wochen immer wieder, vor allem aus berufenem Politiker-Munde, hören. Dass die Krise etwas Gutes hat, das können – von der finanziellen Warte aus betrachtet – vor allem die Fahrradhändler vollauf bestätigen. Sie nämlich zählen zweifelsohne zu den Gewinnern der Pandemie. Auch Händler aus dem Landkreis Günzburg streiten dies nicht ab. Sie berichten von einem noch nie da gewesenen Run auf die Zweiräder, auf den kaum einer vorbereitet gewesen sei.

Wie andere Geschäfte und Firmen machte der Lockdown Mitte März auch die Fahrradläden dicht. Ab da ging so gut wie nichts, die Ware war da, jedoch keine Kunden. „Aber allen Bedenken zum Trotz konnte der Lockdown aufgefangen werden“, berichtet Bernhard Schwab, Filialleiter bei Radlbauer in Günzburg. Wolfgang Schulz, der in Deisenhausen seit 23 Jahren im Nebenerwerb einen Fahrradhandel betreibt, hat zum Beispiel die Zeit mit Internetaktionen, Telefonberatung und Besuch der Kunden vor Ort so gut es ging überbrückt.

Kunden stehen vierspurig vor Fahrradladen in Jettingen-Scheppach

Doch mit dem Virus kam die Lust aufs Rad. Als die Läden wieder geöffnet werden durften, wurden die Radgeschäfte buchstäblich überrannt. So jedenfalls war es beim „Der Fahrradladen“ in Jettingen-Scheppach. „Es war gigantisch, so etwas gab es in den 29 Jahren seit Bestehen des Geschäftes noch nie. Die Leute sind vierspurig vor dem Geschäft angestanden“, schildert Inhaber Gottfried Süß die Situation.

Bike-Boom im Kreis Günzburg dank Corona: "Nachfrage war gigantisch"

Schulz kann dem nur beipflichten und bestätigt: „Die ersten vier Wochen nach der Öffnung waren brutal.“ Der Ansturm sei wie ein Wasserfall gewesen und habe ihm im Vergleich zu einem normalen Jahr ein Umsatzplus von etwa 50 Prozent beschert, wovon zwei Drittel davon auf dem Verkauf von E-Bikes beruhen.

Auch beim Radlbauer war das nicht anders. „Die Kundenschlange endete erst auf dem Parkplatz“, sagt Bernhard Schwab. Freilich lag das auch zum Teil an den coronabedingten Abstandsgeboten. Trotz des enormen Ansturms betonen die von unserer Zeitung befragten Händler und der Filialleiter, dass die Auswahl an Normalrädern und E-Bikes in allen Einsatzvarianten in ihren Geschäften nach wie vor noch groß ist.

Ansturm bedeutet für Fahrradläden im Kreis Günzburg viel Arbeit

Bei der Frage nach dem Grund für den Run auf die Zweiräder müssen Süß, Schulz und Schwab nicht lange überlegen. Die Menschen hätten keinen Fernurlaub machen können und außer Laufen und Radfahren keine anderen Möglichkeiten gehabt, aktiv zu werden. Ihr Aktionsradius sei eingeschränkt gewesen und da habe man das Naheliegende gesucht.

Für die Beschäftigten im Jettinger Fahrradladen bedeutete dies nach Aussage des Chefs, dass sie mitunter 100 Stunden pro Woche arbeiten mussten, um dem Ansturm Herr zu werden. Der Run hat aber auch andere Begleiterscheinungen: Wer an seinem E-Bike eine größere Reparatur anstehen hat, muss zum Beispiel beim Jettinger Händler schon sechs Wochen Wartezeit einkalkulieren. „Kleinere Reparaturen“, so Gottfried Süß, „versuchen wir zwischendurch zu erledigen, während wir Kunden mit nicht so akuten Aufträgen auf die Wintermonate vertrösten müssen.“ Auch beim Radlbauer kommt es zu Wartezeiten bei Reparaturen wegen sehr hoher Auslastung.

Fahrrad-Boom im Kreis Günzburg: Händler kämpfen mit Lieferschwierigkeiten

Die Lieferschwierigkeiten der Lieferanten beschränken sich nicht nur auf die Fahrräder, sondern auch bei den Ersatzteilen läuft es nur schleppend – vor allem wenn die Ware aus dem Ausland kommt. Doch selbst der deutsche Markt ist leer gefegt. Bei Fahrrad-Schulz, der nur deutsche Ware anbietet, hat man in der 23-jährigen Firmengeschichte noch nicht erlebt, dass von keinem deutschen Großhändler Bremsscheiben geliefert werden konnten. „Trotzdem hatten wir keinen Engpass, weil wir Gott sei Dank ersatzteilmäßig gut aufgestellt waren und sind“, betont Wolfgang Schulz, der nebenbei ein gesteigertes Sicherheitsbewusstsein der Kunden erfahren hat. „Denn noch nie haben wir so viele Helme aller Preisklassen verkauft wie in jüngster Zeit.“

Der Boom bei den E-Bikes ist aber nicht ganz allein auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Schon zuvor bestand eine steigende Nachfrage auf die Zweiräder mit Elektro-Unterstützung. Ganz einfach, weil der Kundenkreis größer geworden ist. Früher lag dieser bei der Generation 60 beziehungsweise 70 plus, heute fahren schon Jugendliche Räder mit Stromunterstützung. Zudem haben die Hersteller bei der technischen Entwicklung in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht.

Händler aus Deisenhausen: "E-Biker fährt 30 mal so viel wie Normalradler"

Die Motoren, Bremsen und Schaltungen sind besser und somit zuverlässiger, die Optik wurde schöner, die zum Teil voll integrierten Akkus haben eine wesentlich höhere Laufleistung als früher und reichen bei normaler Beanspruchung bis zu 120 Kilometer. Dass die Räder mit der entsprechenden Elektronik und Software ausgestattet sind, versteht sich heutzutage fast von selbst. Auch gewichtsmäßig hat sich etwas getan. Dazu Gottfried Süß: „Ein normales vollausgestattetes E-Bike wiegt heute nur noch 25 Kilo, plus minus ein Kilo.“

Eine enorme technische Entwicklung gab es in den letzten Jahren im Fahrradbereich. Der Deisenhauser Fahrradhändler Wolfgang Schulz präsentiert hier ein E-Bike, das komplett nur noch 14,8 Kilogramm wiegt, mit kaum noch sichtbaren Antrieb und Akku ausgestattet ist und sowohl mit als auch ohne Antrieb gefahren werden kann
Bild: Alois Thoma

Und es gibt mittlerweile nicht mehr nur Normalräder mit Stromunterstützung, sondern es sind auch die sportiven Fahrzeuge wie etwa Renn- und Crossräder mit Motor erhältlich. „Die Billig-Schiene gehört der Vergangenheit an“ weiß Wolfgang Schulz. So etwa ab 2000 Euro aufwärts müsse man für ein brauchbares E-Bike hinblättern.

Der Deisenhauser Händler weist auch darauf hin, dass es beim E-Bike nicht ohne Kundendienst geht, der normalerweise – abhängig von der Fahrweise – bei 2000 bis 3000 Kilometern fällig sei. Sein Beispiel: „Ein E-Biker fährt 30 mal so viel wie ein Normalradler, er fährt 30 mal so lang aber auch 30 mal so teuer weil er schneller und agiler fährt und deshalb der Verschleiß auch höher ist.“

E-Bikes dürfen nur bis zu 25 Stundenkilometer schnell fahren

Wer sich ein E-Bike zulege, sollte sich vor dem Kauf nicht nur gut beraten lassen, sondern auch überlegen, für was er das Rad nutzt – ob er damit nur auf Straßen unterwegs sein wird oder ob er ins Gelände geht und nicht zuletzt wo er sich hinwenden kann, wenn der Kundendienst ansteht.

Diesen sollte am besten der Händler vornehmen, bei dem man das Rad gekauft hat, denn, so Schutz, „das ist eine haftungsrechtliche Sache“. Dazu muss man wissen, dass der Gesetzgeber nur bis zu 25 Stundenkilometern (plus zehn Prozent Kulanz) Stromunterstützung erlaubt. Bei höherem Tempo muss der Motor automatisch aussetzen. Funktioniere das nicht, könnte die Werkstatt – vor allem wenn es zu einem Unfall kommt – Schwierigkeiten bekommen.

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