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Krumbach

15.06.2016

Buenos Aires, Chicago, München, Krumbach

Einblicke in ein bemerkenswertes Leben zwischen Europa und Amerika: Der Künstler Michael Likan war in der Krumbacher Galerie Rakel zu Gast.
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Einblicke in ein bemerkenswertes Leben zwischen Europa und Amerika: Der Künstler Michael Likan war in der Krumbacher Galerie Rakel zu Gast.
Bild: Petra Nelhübel

Künstler Michael Likan gibt Einblicke in ein bemerkenswertes Leben zwischen Emigration, Neuanfang und Rückkehr. Von einer ungewöhnlichen Reise zu sich selbst.

Ein bisschen sieht er aus wie Ben Cartwright, der Vater aus der legendären US-Fernsehserie Bonanza. Der gleiche graue Haarschopf, das gleiche verwitterte, vom Leben gezeichnete Gesicht, blitzeblaue Augen, derbes Schuhwerk. Dazu Jeanshose und Jeanshemd. Ein gut gefülltes Glas Whiskey würde eindeutig besser in seine Hand passen als das Sektglas, das er nun, zur Eröffnung seiner Vernissage in der Krumbacher Galerie Rakel mit sich trägt. Zu Sigurd Rakel gibt es eine ungewöhnliche Verbindung und so wird der Aufenthalt des Künstlers Michael Likan in Krumbach zur Begegnung mit einer bemerkenswerten Biografie.

Bei einem persönlichen Gespräch mit dem Maler Michael Likan, bestätigt sich das Bild eines Mannes voll von gelebtem Leben, voll von Ereignissen und immer ganz nah an der Geschichte seiner Zeit. Geboren 1944 in Olmütz/Tschechien absolvierte der einige Monate alte Knabe mit seinen aufgrund der Wirren des zu Ende gehenden Krieges urplötzlich staatenlos gewordenen Eltern (die Mutter aus Breslau, der Vater aus Kroatien) bereits den ersten Umzug. Im österreichischen Bad Gastein und in Zell am See fand die junge Familie für die folgenden vier Jahre eine Zuflucht. Die Mutter fand dort Arbeit bei den amerikanischen Streitkräften, der Vater malte Porträts von US-Soldaten und der kleine Michael ging in den Kindergarten in Zell am See. Irgendwann jedoch sah sich die Familie gezwungen, in Österreich ihre Zelte abzubrechen und nach Argentinien auszuwandern. „Das war aber nicht wie heutzutage“, erinnert sich Michael Likan zurück, „wo so ein Flüchtlingsstrom halbwegs organisiert abläuft und für Unterkunft gesorgt wird. Meine Eltern liefen mit mir auf dem Arm durch die Straßen von Buenos Aires auf der Suche nach Unterkunft und Essen. Die Strapazen der Reise hatten mich Vierjährigen so erschöpft, dass ich krank und meine Mutter in tiefer Sorge war.“

Einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass die Eltern in einem Restaurant einen Mann trafen, der ihnen ein Haus zur Miete anbot. Gleichzeitig suchte Evita Peron, Argentiniens charismatische Präsidentengattin per Wettbewerb einen Maler, der die Schulen des Landes mit Fresken ausschmückte. Vater Gustav Likan bewarb sich mit entsprechenden Werken in einer persönlichen Vorstellung. Nach Hause kam er mit der siegessicheren Botschaft: „Ich werde den Job bekommen.“ Auf die Frage seiner Frau, wie er das schon wissen könne, antwortete er: „Ich habe die Arbeiten der Anderen gesehen.“

Er bekam den Job und wurde einer der begehrtesten Porträtmaler der argentinischen High Society. Trotzdem folgten die Eltern nach sechs Jahren der Einladung des Bruders der Mutter, sich doch endlich in Amerika niederzulassen. Michael Likan erinnert sich: „Chicago war nach der eher tristen Atmosphäre in Argentinien schon ein Grund aufzuatmen. Mein Vater fand sofort eine Arbeit als Porträtmaler in einem sehr guten Hotel und meine Mutter arbeitete für eine deutsche Zeitung. Und ich musste mich an eine neue Schule und nach Deutsch und Spanisch wieder an eine neue Sprache gewöhnen.“

Zu den Faxenmachern habe er gehört, erinnert sich der Maler, und dass Physik und Spanisch zu seinen Lieblingsfächern gehörten. Da war es ein Glück, dass sich die Zeitung, bei der die Mutter arbeitete, sich nicht mehr die teuren Fotografen leisten konnte und nach einem preisgünstigeren Ersatz suchte. Mutter Likan empfahl ihren mittlerweile 14-jährigen Sohn. Der war überglücklich, wenn die Zeitung ihn aus dem Schulunterricht herausbeorderte, um ihn, kamerabewehrt, auf Einsätze zu schicken: „Mein allererster Auftrag war, den deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss zu fotografieren. Der kam 1958 auf seiner Amerikareise auch nach Chicago als einer Stadt mit sehr vielen Deutsch-Amerikanern.“

Später kam auch Franz Josef Strauß dazu, Richard Nixon, Wernher von Braun oder Mies van der Rohe. „Ich hab irgendwo zuhause noch ein ganz zerfleddertes Album mit meinen Bildern von damals“, sagt Michael Likan. Diese schöne Zeit ging zu Ende, als sich Amerika 1963 aktiv in den Vietnamkrieg einmischte. Der mittlerweile 18-jährige sollte eingezogen werden. „Ich entschied mich aber“, erzählt Michael Likan, „wie viele amerikanische Pazifisten, mit meinen Eltern nach Kanada auszuwandern. Dort schrieb ich mich in die School of Fine Arts in Banff/Alberta ein. Damals noch für das Fach Fotografie. Erst ein Jahr später entdeckte ich in Montreal meine Leidenschaft fürs Malen und trat damit in Vaters Fußstapfen.“

Als den jungen Studenten ein Brief aus Amerika erreichte, in dem er zum Ausfüllen einiger Formulare aufgefordert wurde, schickte Michael Likan die Unterlagen zurück mit einem Vermerk außen auf dem Briefumschlag: „Stoppt den Krieg in Vietnam!“

Postwendend kam das Rückschreiben, ob man davon ausgehen könne, dass er mit dieser Aussage nicht am Krieg teilnehmen wolle. „Ich betrachtete diesen Brief als Einverständnis meiner Verweigerung“, erzählt Michael Likan, „und kehrte daraufhin 1968 nach Amerika zurück. Dort wurde ich auf der Stelle zur Tauglichkeitsuntersuchung geschickt.“ Alles Herumkaspern und Irretun habe nichts genutzt. Michael Likan wurde für tauglich befunden und nur das Attest eines mit dem Vater befreundeten Psychiaters rettete ihn vor dem Kriegseinsatz.

Schnell und überstürzt entschloss sich Michael Likan als Seemann anzuheuern, „weil ich über den Maler Paul Gauguin gelesen hatte, dass der ebenfalls mal zur See gefahren war“. Ein Jahr auf einem Frachter als Kellner bei einer recht rauen Mannschaft reichten dem jungen Mann jedoch, um auch dieses Kapitel abzuschließen.

Nach München wollte er. An die Kunstakademie. „Dort hatte schon mein Vater studiert und dort wurde ich Schüler von Professor Josef Oberberger, einem Studienkollegen meines Vaters.“ Und hier begann auch die bis heute andauernde Freundschaft zum seit Langem in Krumbach lebenden Künstler und Galeristen Sigurd Rakel, der damals Assistent von Professor Oberberger war. Michael Likan erinnert sich: „Der Sigurd hat mir immer in meine Bilder reingemalt. Ich hab mich nicht getraut, was zu sagen, weil er der Assistent vom Professor war. Erst später hab ich mitbekommen, dass er ja gerade mal ein Jahr älter war als ich. Aber da waren wir schon Freunde.“

Cool sei der Sigurd Rakel gewesen. Souverän und nicht so verkrampft wie die anderen Studenten. Seit Ende der Studienzeit besteht das Leben von Michael Likan aus zwei Komponenten. Reisen und Malen. Mexiko und Texas, mit dem Wohnmobil durch Griechenland, Spanien und Italien. Die Sahara war sein eindrücklichstes Erlebnis. „Diese bombastische Einsamkeit muss man aushalten können“, ist sein Resümee. Dann das Malen. „Ich male nach den Reisen, dann, wenn die Eindrücke verarbeitet sein wollen. Ich bin keiner, der mit der Staffelei in der Landschaft sitzt.“

So entstehen Bilder, die einen Firnis der Erinnerung zu tragen scheinen. Und fast immer ein das ganze Bild zerteilender, mächtiger Lichtstrahl. Wie von einem Suchscheinwerfer etwa. Was er denn sucht? „Eigentlich mich“, sagt der Maler. „Von Henry Miller stammt der Ausspruch, man müsse das ganze Universum bereisen, um bei sich selber anzukommen. Vielleicht ist es das.“

Und sein Vehikel dazu ist die Malerei? Likan lächelt: „Das, und ab und zu einen Kaffee, einen Ouzo und eine Zigarre. Mehr brauche ich nicht.“ Der Wunsch, bei sich selbst anzukommen: Dafür steht auch die Krumbacher Ausstellung mit Michael Likans Bildern.

Die neue Ausstellung „Wegbegleiter“ mit Werken von Michael Likan, Sigurd Rakel und Basilius Kleinhans ist noch bis zum 3. Juli jeweils am Mittwoch und Sonntag von 15 bis 17 Uhr für Besucher zugänglich.

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