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Buchbesprechung

10.03.2021

Corona trifft Literatur

Autor Florian L. Arnold ließ sich von den Erfahrungen des ersten Lockdowns literarisch inspirieren und schrieb eine Novelle.
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Autor Florian L. Arnold ließ sich von den Erfahrungen des ersten Lockdowns literarisch inspirieren und schrieb eine Novelle.
Foto: Georg Drexel

Wie die Pandemie Florian L. Arnold zu einer utopisch-apokalyptischen Novelle inspirierte

Geschrieben wird viel über die Corona-Pandemie. Avantgardistisch gibt sich in der großen Fülle an journalistischen und wissenschaftlichen Corona-Publikationen die Novelle „Die Zeit so still“. Ihr Autor Florian L. Arnold ließ sich von den Erfahrungen des ersten Lockdowns literarisch inspirieren. Zwar kommt das Wort Corona im Buch nicht vor, doch der Text entwickelt die Vision einer Welt, in der sich infolge einer Serie verheerender Seuchen alles verändert hat. Längst haben hier die Menschen das diffuse Gefühl einer neuen Bedrohung, wie wir es vom ersten Lockdown her kennen, hinter sich. Es ist der depressiven Stimmung eines end- und perspektivlosen Notstands gewichen. Von Grundrechten, Moral und Menschenwürde gibt es allenfalls noch ein paar Restbestände. Die Menschen vegetieren im Eintönigen, in dauerhafter Isolation, von der Staatsmacht eingesperrt und überwacht, versorgt mit steriler, genau berechneter und künstlicher Nahrung, für den Geist wie für den Körper. Das ist das Szenario, aus dem Max, der eine der beiden Protagonisten des Buches, ausbricht. Er verlässt, die strengen Ausgangssperren ignorierend, seine Wohnung, wagt sich hinaus auf die entvölkerten Straßen, hinaus in Nacht und klirrende Kälte. Jede Begegnung dort wird zu einer radikal neuen Erfahrung, bekommt dadurch etwas Abenteuerliches. Er trifft auf einen Hund, ein streunendes Kind und schließlich auf Garham, den Fahrer einer Straßenbahn, der stets ohne Passagiere seine Runden durch die Geisterstadt dreht und damit einen letzten Schein von Zivilisation wahrt. Die beiden verbindet, wie sich im Gespräch herausstellt, der frühe Widerstand gegen eine Staatsgewalt, die den Notstand nutzte, um die Standards von Menschenwürde und Moral zu reduzieren. Fluchtpunkt der Novelle ist ein Buch, das Garham wie einen Schatz hütet. Das Buch gibt Hinweise auf eine künftige Welt, ersetzt aber schließlich die Buchstaben des Alphabets durch Vogelpiktogramme. In Günther Grass apokalyptischem Roman „Die Rättin“ gehört den Nagetieren die Zukunft. In Arnolds Novelle regenerieren sich die Vogelbestände. Den Vögeln, Synonym für „wahre Bewohner des Paradieses“ gehört die Zukunft. Am Ende verlassen die beiden Protagonisten die Straßenbahn, um Vögel zu beobachten. Sie fühlen sich als „freie Wesen, die freien Wesen zusehen“.

„Die Zeit so still“ ist, wie der Titel schon anzeigt, kein reißerisches Buch, durchaus aber eines, das unter die Haut geht. Es beschränkt sich auf wenige Schauplätze, Personen und Handlungen. Die sorgsame Analyse von Befindlichkeiten und die Vermittlung von Atmosphärischem, das sind seine Stärken. Was in einem Menschen vorgeht, der perspektivlos isoliert ist, welchen Zwiespalt von Angst und Neugier er auszuhalten hat, wenn er ausbricht, wie die Angst immer wieder herananschleicht, aber letztendlich dem starken Impuls, Mensch zu sein, unterliegt, all das entwickelt der Autor bilderreich, feinfühlig und wortgewaltig. Beeindruckend, erschütternd und befreiend zugleich wirken die Impressionen einer Fahrt durch eine entvölkerte Stadt, die von der Natur zurückerobert wird. Neben den Text sind Zitate, Kommentare und Aussagen montiert, die den Bedeutungs- und Beziehungsreichtum des Textes potenzieren. Zudem hat Florian L. Arnold sein Buch illustriert. Schon das Titelbild ist Blickfang: der einsam auf einer Betonbank lesende Mensch, eingerahmt von Betonmauern, in der Schwebe zwischen grüner Natur und unendlichem Kosmos. Dergestalt präsentiert sich „Die Zeit so still“ als Werk einer echten Mehrfachbegabung.

Florian L. Arnold: Die Zeit so still. Novelle. Mirabilis-Verlag 2020. 106 Seiten, Florian L. Arnold, geboren 1977 in Ulm, Studium der Kunstwissenschaft und Volkskunde an der Universität Augsburg, Tätigkeiten als Schriftsteller, Kulturjournalist, Verleger, freier Zeichner, Dozent für Zeichnung und Grafik, zeitweise Mitarbeit am Mittelschwäbischen Heimatmuseum Krumbach, Auftritte mit der Kleinkunstformation „Theatrino“ und der Sängerin Alexandra Jörg

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