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Interview

25.11.2020

Corona und Grippe: Krumbacher Hausärzte sehen die Zukunft im Schnelltest

Die Drs. Maximilian Sedlmeier, Maximilian Drexel und Reiner Posch (von links) sind seit Beginn der Pandemie gelistetes Testzentrum. Sie haben täglich mit Corona zu tun und berichten von ihren Erfahrungen.
Foto: Georg Drexel

Plus Wann ein Corona-Test Sinn macht, warum die Grippe weniger folgenreich ist und was sie sich vom Gesundheitsamt und den Krankenkassen wünschen, erklären drei Krumbacher Hausärzte im Interview.

Die Corona-Pandemie hat den Landkreis Günzburg voll erwischt, ist in Kitas, in Altenheimen, im Bekanntenkreis angekommen. Der Landkreis gehört deutschlandweit zu den Kreisen mit den höchsten Inzidenzwerten. Die Gemeinschaftspraxis Drs. Maximilian Drexel, Reiner Posch und Maximilian Sedlmeier in Krumbach ist seit Beginn der Pandemie ein gelistetes Testzentrum. Wir sprachen mit Maximilian Drexel, dem früheren Ärzteobmann des südlichen Landkreises, über die Erfahrungen der Ärzte mit der Krankheit.

Wie viel Raum nimmt Corona im Praxis-Alltag ein?

Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Tagesarbeitsleistung, sowohl von den Ärzten als auch vom Personal, von Corona bestimmt wird.

Woran liegt es, dass im Landkreis so viele infiziert sind?

Das ist sehr schwierig. Schulen, Familie, Arbeitsplatz sind sicher ein Thema – und wahrscheinlich sind auch Reiserückkehrer relevant.

Gibt es einen Rückgang der Patientenzahlen mit anderen Erkrankungen?

In der Zeit vom März bis etwa Ende April beziehungsweise Anfang Mai gab es einen deutlichen Rückgang der Patientenzahlen mit anderen Erkrankungen. Dies hat sich jedoch seit Mitte Mai wieder normalisiert. Die Sommerferien waren dafür umso arbeitsreicher, da viele Patienten nicht wie üblich in der Zeit zwischen Juli und September in den Urlaub fuhren und deshalb aufgeschobene Arztbesuche nachholten.

Das sind die Erfahrungen der Krumbacher Hausärzte mit Corona

Ist es sinnvoll, derzeit auf einen Arztbesuch zu verzichten?

Notwendige Arztbesuche sollten nicht aufgeschoben werden. Sinnvoll ist es natürlich, vorab zu überlegen, welche Medikamente und Überweisungen ich die nächsten Wochen brauche, damit ich nicht jede Woche wegen einem einzelnen Rezept in die Praxis muss. Akute Erkrankungen sollten zeitnah behandelt werden, chronische Krankheiten regelmäßig kontrolliert werden und Vorsorgeleistungen unverändert in Anspruch genommen werden. Patienten mit Infekten sollten die Praxis bei der Terminvergabe genau informieren, welche Symptome bestehen, damit diese Patienten gesondert in der Infektsprechstunde untersucht werden können.

Von welchen Erfahrungen berichten Patienten, die Corona haben?

Der Großteil der Patienten, insbesondere Jüngere, haben häufig milde Verläufe oder teilweise auch keine Symptome. Es gibt jedoch auch eine ganze Reihe von Patienten, die schwere Krankheitssymptome mit Pneumonie (Lungenentzündung) entwickeln und mehrere Wochen richtig krank sind. Ein kleiner Prozentsatz muss stationär behandelt werden.

Wie lange muss man zu Hause bleiben, wenn man erkrankt ist? Was sagt das Gesundheitsamt und wie sieht die Realität aus?

Derzeitiger Stand der Dinge ist: Wer Krankheitssymptome hat und positiv getestet wird, muss zehn Tage in Quarantäne. Wie lange ein Patient jedoch zu Hause bleiben muss, hängt von seinen Beschwerden und dem Krankheitsverlauf ab. Patienten mit Pneumonie sind in der Regel nicht nach zehn Tagen so fit, dass sie arbeiten könnten. Neuere Studien zeigen, dass Menschen bis zu 83 Tage nach einer Infektion noch Virusmaterial ausscheiden können. In keiner Studie waren jedoch vermehrungsfähige Viren neun Tage nach Einsetzen erster Symptome aus Proben im Labor züchtbar. Deshalb gelten derzeit die Isolationsempfehlungen von zehn Tagen. Kontaktpersonen ersten Grades müssen laut Gesundheitsamt 14 Tage in Quarantäne und zwei negative Abstriche nachweisen.

Gibt es auch bei uns schon Erfahrungen mit Langzeitfolgen?

Patienten mit schweren Corona-Erkrankungen haben häufig lange anhaltende Leistungsminderungen, Geschmacksstörungen und Atemnot bei Belastung.

Wann man bei einer Infektion mit Corona in ein Krankenhaus sollte

Wer muss mit Corona ins Krankenhaus? Wird man auch zu Hause medizinisch betreut?

Stationär müssen in der Regel nur Patienten mit schweren Lungenentzündungen und zunehmender Atemnot. Alle anderen können zu Hause hausärztlich betreut werden.

Werden Menschen aus Altenheimen prinzipiell ins Krankenhaus eingewiesen?

Auch aus dem Altenheim werden prinzipiell nur Schwerkranke stationär eingewiesen. Alle anderen werden in einer Isolierstation im Altenheim betreut.

Es wird vor allem in den sozialen Medien auch immer wieder auf die zahlreichen Grippetoten verwiesen. Beim Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet wurden seit Oktober 2019 130 Grippefälle für unseren Landkreis, alle ohne Todesfolge. Aus unseren Altenheimen ist beim RKI gar kein Grippefall bekannt. Diese Zahlen hat das Landratsamt genannt. Ist die Dunkelziffer bei Grippe so hoch oder entspricht das Ihren Erfahrungen aus der Praxis?

Hierzu lässt sich von Hausärzteseite Folgendes sagen: Der größte Teil der Altenheiminsassen wird jährlich gegen die saisonale Grippe geimpft und ist somit dagegen geschützt. Deshalb ist die Zahl an Grippepatienten in den Alters- heimen nicht besonders hoch. In unseren Praxen sehen wir tatsächlich meist jüngere Patienten mit typischen echten Grippe-Symptomen. Die Anzahl variiert von Jahr zu Jahr. Häufigstes Auftreten meist in den Monaten Januar bis März. Schwere Verläufe sind glücklicherweise selten. Der Unterschied zwischen einer echten Virusgrippe und einem grippalen Infekt besteht insbesondere im deutlich unterschiedlichen Verlauf. Eine Grippe beginnt meist schlagartig mit hohem Fieber und schwerem Krankheitsgefühl, Husten, wenig Schnupfen, starken Kopfschmerzen und Gliederschmerzen. Ein grippaler Infekt beginnt meist langsam mit Halskratzen, Schnupfen, Gliederschmerzen und mäßigem Krankheitsgefühl.

Die Krankheit ist überstanden und eigentlich ist alles wieder gut. Betroffene berichten jedoch, dass sie gemieden oder sogar angefeindet werden ...

Ja. Regelmäßig berichten Patienten über soziale Ausgrenzungen und Diffamierungen aufgrund der Erkrankung.

Wann ein Corona-Test nach Meinung der Krumbacher Ärzte wirklich Sinn macht

Die Modalitäten des Corona-Tests ändern sich ständig. In welchen Fällen macht der Test Sinn?

Primär macht der Test natürlich Sinn, wenn Patienten erste Krankheitssymptome aufweisen oder innerhalb der Familie enger Kontakt mit einem positiv Getesteten bestand. Diese sollten umgehend, möglichst am gleichen Tag, getestet werden. Sinnvoll wäre es auch, wenn sich die Kontaktpersonen mit sehr engem Kontakt oder im gleichen Haushalt lebende Angehörige selbstständig in Quarantäne begeben würden, insbesondere dann, wenn es durch Überlastung der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes manchmal doch einige Tage dauert, bis diese Kontaktpersonen kontaktiert werden. Wir von hausärztlicher Seite würden uns auch dringend eine engere Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt wünschen. Eine direkte Leitung wäre für uns niedergelassene Hausärzte dringend wünschenswert.

Wo soll man sich testen lassen?

Patienten mit Krankheitssymptomen sollten sich beim Hausarzt testen lassen, denn dieser kann auch gleichzeitig eine entsprechende körperliche Untersuchung durchführen und klären, ob beispielsweise eine beginnende Pneumonie besteht. Alle anderen, insbesondere Kontaktpersonen, können sich zeitnah, möglichst am selben Tag, entweder beim Hausarzt oder in einem Testzentrum testen lassen. Mittlerweile haben die Labore sehr gut aufgerüstet und liefern die Ergebnisse nach ein bis zwei Tagen. Noch deutlich schneller geht es natürlich mit Schnelltests. Die liefern die Ergebnisse meist nach 15 Minuten. Dies kann ebenfalls während der Infektsprechstunde beim Hausarzt erfolgen. Für Angehörige medizinischer Berufe kann das abgerechnet werden. Die Schnelltests haben jedoch nicht die Hundertprozentigkeit der PCR-Tests, aber die Verlässlichkeit ist mittlerweile sehr hoch. Ein Riesenvorteil ist die Schnelligkeit. Deshalb sehen wir die Zukunft in den Schnelltests. Damit werden wir schneller reagieren können. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen wäre wünschenswert. Dabei sind die Schnelltests kostengünstiger als PCR-Tests.

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