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Krumbach

11.09.2019

„Das alles ging mir sehr nahe“

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2 Bilder
Sie beschäftigten sich mit dem Kriegsende 1945 in Krumbach (von links): Leonie Andrasch, Leonie Böck und Sarah Jansen.
Bild: Monika Losher-Bschorr

Wie Krumbacher Schülerinnen das Kriegsende dokumentieren und welche hohe Auszeichnung es jetzt gibt.

„Stunde Null“: Geradezu unzählige Male ist dieser Begriff im Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Frühjahr 1945 zitiert worden. Doch was ist die „Stunde Null?“ Die totale Kriegsniederlage der Deutschen? Oder die Stunde der Befreiung von Terror und dem Schreckensregime der Nazis? Ist es beides? Und wie haben die Menschen es damals in Krumbach und Umgebung empfunden? Schülerinnen des Krumbacher Simpert-Kraemer-Gymnasiums – die Arbeitsgemeinschaft „Krumbacher Geschichte(n)“ – setzten sich in einem Projekt über mehrere Monate intensiv mit diesem Thema auseinander. Und am heutigen Donnerstag gibt es dafür eine besondere Auszeichnung. Die Körber-Stiftung lädt gemeinsam mit dem Stadtarchiv München zur Landespreisverleihung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten in das Alte Rathaus in München ein. Unter den elf Landessiegern sind auch die Schülerinnen des Krumbacher Gymnasiums. Betreut wurde das Projekt von Geschichtslehrerin Monika Losher-Bschorr.

Als Leonie Andrasch und Leonie Böck über ihre Arbeit berichten, wird schnell spürbar, wie viele Stunden, Tage, Wochen sie in dieses Projekt investiert haben. Sie sprachen mit etlichen Zeitzeugen, suchten im Stadtarchiv Krumbach nach Quellen, die Aufschluss über die dramatischen Ereignisse des Jahres 1945 geben. Von Zeitzeugen wie etwa Trudi Hilber bekamen sie zahlreiche alte Fotos zur Verfügung gestellt. Eines der Fotos zeigt einen amerikanischen Soldaten, der 1945 bei der Familie Hilber entspannt auf einem Sofa liegt. Doch es gab nur wenige solcher schönen Momente in dieser Zeit. Die 15-jährige Leonie Andrasch aus Krumbach erzählt von den Bildern, die verschleppte Zwangsarbeiter zeigen. „Das alles ging mir sehr nahe“, sagt sie. „Ich habe mich dann immer wieder gefragt, was ich in dieser Zeit gemacht hätte.“

Zahlreiche Publikationen zum Jahr 1945 in Krumbach

Geschichte? Ihre Kenntnis fängt mit Daten und Fakten an. Und da gibt es zur NS-Zeit in Krumbach und Umgebung mittlerweile zahlreiche Publikationen. Allein das Durcharbeiten dieser Literatur gleicht einer Sisyphusarbeit. Die 16-jährige Leonie Böck aus Neuburg, Leonie Andrasch und eine Zeit lang auch Sarah Jansen (sie ist mit ihrer Familie inzwischen aus Krumbach weggezogen) pflügten sich regelrecht durch diese Werke, sie haben schließlich einen detaillierten „Zeitstrahl“ mit der Chronologie der Ereignisse zwischen 1933 und 1945 erstellt. Genutzt wurde auch Material des Deutschen Historischen Museums Berlin. Schnell wurde den Schülerinnen klar, wie eng „große“ nationale und internationale Ereignisse mit den Geschehnissen vor Ort zusammenhängen. Ergebnisse ihrer Arbeit waren längere Zeit in den Räumen des Gymnasiums ausgestellt.

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Dann die Gespräche mit Menschen, die wir Zeitzeugen nennen. Eine von ihnen ist die 78-jährige Oma von Leonie Böck aus dem Neuburger Ortsteil Halbertshofen, die sich noch gut an den Einmarsch der Amerikaner erinnern kann. Leonie Andraschs Opa (Jahrgang 1937) wurde aus dem Sudetenland vertrieben.

Die Krumbacherin Marianne Niedermair erzählte, wie Amerikaner das Haus in der heutigen Blockhausstraße beschlagnahmten, in dem sie mit ihrer Mutter lebte. Ihr Vater – damals an der Ostfront. Die beiden fanden in einer Kammer in einem benachbarten Haus in der Theodor-Einsle-Straße einen provisorischen Unterschlupf. Die Amerikaner richteten im beschlagnahmten Haus einen Soldatentreff ein. Marianne Niedermair erinnert sich, wie die US-Soldaten ihre Spielsachen rüde zur Seite stießen, aber sie denkt auch gerne an die ersten Orangen ihres Lebens.

Mit Unterstützung des Krumbacher Heimatvereins

Bei der Zeitzeugensuche war der Krumbacher Heimatverein sehr behilflich. So mancher Zeitzeugen wie Georg Hofmeister (Jahrgang 1933) fasste seine Erinnerungen schriftlich zusammen. Es gab ein Gespräch mit Erwin Bosch (Jahrgang 1933), ein Interview mit Karl Kling (Jahrgang 1928) steht demnächst noch an. Entstanden ist am Ende ein rund 50-seitiges Dokument, das beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten eingereicht wurde.

Bundesweit beteiligten sich etwa 5600 junge Menschen an diesem Wettbewerb, es kamen etwa 2000 Beiträge zusammen. Thema des Wettbewerbs war „Krise, Umbruch, Aufbruch“. Als Preisträgerin konnte sich Leonie Andrasch für das mehrtägige sächsische Geschichtscamp in Leipzig (hier arbeiten die Bundesländer Sachsen und Baden-Württemberg) eng zusammen) bewerben. Und – sie wurde eingeladen. Die friedliche Revolution von 1989 ist in zahlreichen Workshops und anderen Veranstaltungen das große Thema. Es gibt die Möglichkeit, Stasi-Akten einzusehen. Die besondere „Krumbacher Begegnung“ mit der Geschichte – sie geht weiter.

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