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Thannhausen

11.06.2015

Deutsch für den Alltag

Der Deutschkurs nach dem „Thannhauser Modell“ orientiert sich ganz an den Bedürfnissen und Herausforderungen, mit denen Asylbewerber in Deutschland konfrontiert sind. Markus Landherr (Zweiter von rechts) und Isabell Streicher (Fünfte von rechts) wirkten maßgeblich an der Erstellung des Arbeitshefts mit.
Bild: Karl Landherr

 Ehrenamtliche aus Thannhausen haben ein Arbeitsheft für den Unterricht für Asylbewerber entwickelt.  Nachfrage kommt von Helfern aus ganz Deutschland.

Der Unterricht beginnt wie immer mit gut 15 Minuten Verspätung, daran hat sich Karl Landherr schon gewöhnt. Der ehemalige Rektor der Thannhauser Grundschule versucht zusammen mit vielen anderen Helfern, den Asylbewerbern in Thannhausen die deutsche Sprache näher zu bringen. In erster Linie geht es in dem Unterricht um die Vermittlung ganz praktischer Deutschkenntnisse, die sich an den alltäglichen Bedürfnissen der Flüchtlinge orientieren.

Heute geht es um das Thema „Einkaufen“. Landherr hält zur Wiederholung der bereits gelernten Begriffe eine Gurke hoch. „Was ist das?“ Sofort rufen alle durcheinander: „Das ist eine Gruke, no, eine Guuke.“ Landherr wiederholt geduldig: „Gurrr-ke“. Deutsch ist schwer – die Menschen, die sich im einstigen Gastraum des ehemaligen Restaurants „Hirsch“ versammelt haben, sind aber mit großem Eifer bei der Sache. Kayse, ein junger Somalier mit spitzbübischem Lächeln, hilft seit Kurzem im Kreisaltenheim aus. Sein Deutsch wird von Tag zu Tag besser. Omar ist erst seit drei Wochen hier. Der studierte Zahnarzt aus Syrien ist besonders wissbegierig und macht bereits große Fortschritte. Beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, wirkt er ein bisschen angespannt, so als könnte es ihm gar nicht schnell genug gehen.

Damit der Deutschunterricht den Asylbewerbern leichter fällt, haben Landherr, sein Sohn Markus, Hans Dieter Hörtrich und Isabell Streicher ein Arbeitsheft konzipiert, das speziell auf den Alltag der Asylbewerber zugeschnitten ist. Die gängigen Lehrbücher auf dem Markt sind Landherr zufolge oft viel zu kompliziert und gehen an der Lebenswelt der Asylbewerber vorbei. Daher überlegte sich der Thannhauser Helferkreis, welche Themen für die Erstorientierung besonders wichtig seien. Die Einführung beginnt ganz klassisch mit Begrüßungsformeln und der Namensnennung. Über die Wochentage, den Tagesablauf, Zahlen und Uhrzeiten führt das Heft ganz lebenspraktische Tipps etwa den Einkauf von Lebensmitteln oder Kleidung auf und spielt den Besuch bei Behörden und Ämtern oder beim Arzt durch. Viele Bilder und teilweise englische Untertitel sollen das Verständnis erleichtern. Zusätzlich bietet der Helferkreis auf seiner Homepage im Internet ein kostenloses Lehrerhandbuch an. Demnächst sollen auch Sonderthemen behandelt werden. Aus aktuellem Anlass etwa ein Blatt mit Hinweisen zum richtigen Verhalten an Badeseen.

Es scheint, als hätten die Thannhauser mit ihrem Workbook den Nerv der Zeit getroffen. Überall in ganz Deutschland suchen die Helfer nach Unterrichtsmaterialien für die Asylbewerber. Erst kürzlich habe ihn ein Mann aus Freilassing angerufen und 50 Hefte bestellt. „Die haben einfach nichts“, sagt Landherr. Auch er hatte sich anfangs bei einem überregionalen Treffen der Helfer beschwert, dass der Staat sich auf die Ehrenamtlichen verlasse, ihnen aber keinerlei Mittel an die Hand gebe. Irgendwoher drang aus dem Plenum eine entnervte Stimme: „Mach doch selber was“. Landherr nahm den unbekannten Rufer beim Wort. Anfangs erstellten die Thannhauser Helfer Arbeitsblätter, die sie kostenlos im Rathaus kopieren konnten. Doch die herumfliegenden Blätter erwiesen sich sehr bald als unpraktisch für den Unterricht. Außerdem meldeten sich immer mehr Helfer aus der ganzen Region, die darum baten, die Arbeitsblätter benutzen zu dürfen. So kam die Idee auf, ein Heft zu drucken und zum Unkostenbeitrag von 6,50 Euro zu verkaufen. Die erste Auflage mit 1000 Exemplaren war binnen drei Wochen vergriffen. In den kommenden Tagen erscheint eine zweite Auflage mit weiteren 2000 Heften. Markus Landherr gründete eigens eine Firma, um den Vertrieb zu organisieren, und auf eine rechtlich einwandfreie Basis zu stellen.

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