Newsticker

Rekord bei Corona-Zahlen: 14.714 Neuinfektionen in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Krumbach)
  3. Die Krumbacher Metzgerei Bader und ihr Lehrling aus Nigeria

Krumbach

28.08.2020

Die Krumbacher Metzgerei Bader und ihr Lehrling aus Nigeria

Der Nigerianer Peter Paul fühlt sich als Fleischerlehrling in der Metzgerei Bader wohl und auch sein Ausbildungsmeister Christoph Bader ist mit ihm zufrieden. Auf unserem Bild sind beide mit der Herstellung von „Debreczinern“ beschäftigt.
Bild: Hans Bosch

Plus Der Krumbacher Betrieb ist mit dem Azubi sehr zufrieden. Welche Wünsche es trotzdem gibt und wie Migration und Integration funktionieren können.

Als er vor sechs Jahren zusammen mit zwei Dutzend Afrikanern unterschiedlichster Nationen in einem kleinen Hafen am Südufer der italienischen Insel Sizilien erstmals europäischen Boden betrat, besaß er buchstäblich nichts, bis auf Hemd und Hose, die er am eigenen Leib trug. Heute ist der 26-jährige Nigerianer Peter Odion Paul froh und glücklich, hat eine Landsmännin als Freundin, beide zusammen eine eineinhalbjährige Tochter mit Namen Maria und er wohnt in Loppenhausen im ersten Stock eines Zweifamilienhauses, das der Landkreis Unterallgäu als Asylbewerberheim eingerichtet hat. Jetzt hat er einen ganz besonderen Wunsch.

„Wir drei suchen eine Wohnung in Krumbach.“ Seit gut einem Jahr fährt er jeden Werktag mit dem Fahrrad zur Metzgerei Bader in Krumbach und weiß: „Mir gefällt es hier gut. Ich fühle mich aufgehoben, denn alle sind nett zu mir.“ In fast fehlerlosem Deutsch sagt er das, wenngleich die Beantwortung von Fragen oder ein schwäbisches Dialektwort als Antwort noch einige Verständnisprobleme bereiten. In den letzten fünf Jahren absolvierte er verschiedene Deutschkurse und lernt als Fleischerlehrling täglich in der Praxis oder wöchentlich einmal in der Berufsschule in Neu-Ulm einiges hinzu. Im Juli hat er das erste Lehrjahr beendet und geht jetzt mit Zuversicht ins Zweite.

Sein Ausbildungsleiter ist voll des Lobes

Sein Stolz ist berechtigt: Sein Lehrer in der Berufsschule gab ihm im Abschlusszeugnis mehrere Einser und auch sein Ausbildungsleiter und Metzgermeister Christoph Bader ist voll des Lobes: „Wir sind mit ihm sehr zufrieden. Er ist jeden Tag mit dem Fahrrad pünktlich um sechs Uhr in unserem Schlachthof, ist sehr zuverlässig, lernwillig und die Arbeit macht ihm offensichtlich Spaß.“ Selbstverständlich ist es deshalb für den Arbeitgeber: „Er bekommt den vollen Lehrlingsgehalt, wir sind ihm bei der Wohnungssuche behilflich und unterstützen ihn für die Führerscheinprüfung.“ Nicht immer waren Innungsobermeister und Seniorchef Josef Bader sowie sein Sohn Christoph bei der Lehrlingssuche so erfolgreich. In den letzten zwei Jahren hatten sich zwei junge Männer für den Beruf interessiert.

Das Ergebnis sei ernüchternd gewesen. Einer von ihnen hörte nach wenigen Wochen auf, weil ihm die Arbeit zu anstrengend war und der andere wollte nicht bereits um fünf Uhr am Arbeitsplatz sein. Das Fazit für Christoph Bader: „Wir sind froh, dass es mit dem jungen Nigerianer so gut klappt.“ Kein Problem hat er auch mit ihm bei den Behörden. „Paul“ (wie er von allen 40 Bader-Mitarbeitern genannt wird) gilt inzwischen als vollgültiger Auszubildender wie seine deutschen Kollegen. Lediglich einmal im Monat muss der Lehrbetrieb dem Landratsamt in Mindelheim die Abschrift der monatlichen Lohnabrechnung übermitteln. Die Behörde hat ein Anrecht darauf, da sie wissen muss, ob ihr Klient arbeitet und noch im Landkreis wohnhaft ist.

Woher sein deutsch klingender Name kommt

Wie der 26-Jährige zu dem deutsch klingenden Namen kommt? Das hängt mit der Religion seiner Eltern zusammen und so wurde er als Katholik getauft. Er bezeichnet sich als praktizierender Christ und besucht regelmäßig in Loppenhausen die Sonntagsmesse. Nicht gerade gut zu sprechen ist er über seinen im westlichen Zentralafrika liegenden Heimatstaat: „Er gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, die wirtschaftliche Situation ist schlecht und die Jugendlichen sind ohne Zukunft“. Das beginne schon bei der Sprache. In der Schule werde zwar Englisch unterrichtet.

Die Eltern jedoch sprechen Dialekt, von denen es 200 im Land gibt. Sein inzwischen verstorbener Vater betrieb in der Stadt Uromi mit rund 300000 Einwohnern eine kleine Bäckerei. Paul sah sich gezwungen, als 18-Jähriger selbstständig zu werden und eröffnete einen Friseurladen, wenngleich ohne Hoffnung auf eine positive Zukunft. So reifte in ihm der Entschluss: „Ich will nach Europa!“ Die Mutter und seine zwei Schwestern vermochten ihn nicht zu halten. Lediglich mit einem Rucksack als Gepäck erreichte er zu Fuß, per Anhalter und mit dem Zug Libyen und das Mittelmeer.

Dort vertraute er sich nach Entrichtung einer beträchtlichen Geldsumme einem größeren Schlauchboot an und erreichte zusammen mit 25 anderen Afrikanern verschiedener Nationalitäten einen Hafen in Sizilien, wo ihn sofort die italienische Polizei in Empfang nahm und in ein Lager brachte. Ausgestattet mit der notwendigsten Bekleidung erhielt er Tage später eine Busfahrkarte nach Bologna und musste sich erneut in einem Sammellager melden. Mit dem Zug ging es für Paul weiter über Verona und den Brenner nach München. Eine Woche später war Augsburg das für ihn unbekannte Ziel, untergebracht jeweils in Lagern, Turnhallen oder Gemeinschaftsunterkünften, wobei keiner den anderen kannte, aber alle mit dem frohen Gefühl: „Wir sind in Deutschland.“ So landete Paul nach weiteren Wochen anfangs 2015 im kleinen Asylbewerberheim in Mörgen im benachbarten Landkreis Unterallgäu.

Wie er mit der Metzgerei in Verbindung kam

Vier Jahre blieb er dort, besuchte Deutschkurse und trat eine Lehre als Elektriker im nahen Pfaffenhausen an. Dieser Beruf, so ist er heute überzeugt, wäre für ihn keine befriedigende Tätigkeit geworden. „Ich will etwas tun, wo ich sehe, was ich mache und für was ich arbeite.“ So kam er im August 2019 mit der Metzgerei Bader in Verbindung, schloss einen Lehrvertrag ab und die Arbeit freut und befriedigt ihn. Hinzu kommt: „Alle sind nett zu mir und helfen, wenn ich etwas brauche.“ Wenig später zog er in das Asylbewerberheim in Loppenhausen um, da dies näher an seiner Arbeitsstätte liegt.

Auf einer Tour nach Memmingen lernte er die 25-jährige dort „gelandete“ Landsmännin namens „Gift“ (übersetzt „Geschenk“) kennen, die schließlich in seine Loppenhauser Wohnung einzog und die kleine Maria zur Welt brachte. Die junge Mutter war auf die gleiche Art wie er mit einem Schiff nach Italien gekommen und fand in Memmingen eine erste Unterkunft. Pauls größter Wunsch: „Wir hoffen, dass wir durch unsere Arbeitsverträge und unsere Tochter in Deutschland bleiben dürfen.“

Noch besitzen nämlich beide keinen deutschen Pass, dürfen nicht ins Ausland verreisen und sind doch glücklich, hier eine neue Zukunft aufbauen zu können. Paul hat die Integration mit den Mittelschwaben schon fast geschafft: Beim FC Loppenhausen spielt er schon seit der letzten Saison in der ersten Mannschaft mit Erfolg als Außenstürmer.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren