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Thannhausen

15.06.2019

Ein Thannhauser Funktionsbau mit Geschichte

Das historische Rathaus in Thannhausen hat eine abwechslungsreiche Geschichte.
Bild: Ralph Manhalter

Das historische Rathaus in Thannhausen ist nur eines von drei Rathäusern in Thannhausen. Es bietet eine ausgesprochen abwechslungsreiche Vergangenheit.

Dass eine Stadt wie Berlin mit all ihren Gemeindebezirken über mehrere Rathäuser verfügt – geschenkt! Was sich die deutsche Hauptstadt in diesem Punkt leistet, kann einer mittel- schwäbischen Kleinstadt gerade recht und billig sein. Naja, vielleicht mit einer kleinen Einschränkung: Die Verwaltungssitze in Thannhausen wurden nicht gleichzeitig genutzt, sondern lösten sich in ihrer Funktionalität im Laufe der Jahrzehnte einander ab.

Wo ist hingegen der Ursprung der kommunalen Selbstverwaltung zu suchen? Die Spurensuche hierzu endet in der Epoche der Gotik als der Marktort im Mindeltal nur wenige Hundert Einwohner fasste. Hier an der Hauptkreuzung des Ortes stand wohl ein hoch- oder spätmittelalterliches Gebäude, in welchem auch der Rat tagte. Da die damalige Bürokratie noch nicht unsere modernen Ausmaße kannte, konnte so manche Räumlichkeit auch anderweitig genutzt werden. So befanden sich in den oft ausladenden ebenerdigen Hallen Markt- und Umschlagplätze für Waren aller Art, mitunter gar Getreidespeicher.

Ob bereits das gotische Rathaus über diese Zusatzfunktion verfügte, ist leider nicht bekannt. Allerdings erfolgte im Jahr 1616 ein wohl grundlegender Umbau, wobei nun tatsächlich erstmals eine Getreideschranne im Erdgeschoß Erwähnung findet. Für die nächsten 260 Jahre muss das Gebäude seine Zwecke recht gut erfüllt haben. Die Quellen schweigen über großartige Veränderungen oder Erweiterungen. Zwischenzeitlich war das Deutsche Reich aus einer Vielzahl von Einzelstaaten gegründet worden. Allein, was noch fehlte, war ein kollektives Bewusstsein. Was sich Bismarck auf kriegerische Manier beim Feldzug gegen Frankreich erhoffte – ein entstehendes Nationalgefühl – beschworen die Architekten auf friedlichem Terrain: Ein Baustil musste her, der als typisch deutsch galt. Seltsamerweise fiel hier die Wahl auf die Gotik, ignorierend dass deren Ursprung im Herzen Frankreich zu suchen war. Im Spitzbogenstil wurde auf Teufel raus gebaut, erneuert, geschmückt. Aber die Gotik reichte nicht mehr aus; für eine neue Stilrichtung war der Geist noch nicht reif. Folglich kopierten die Baumeister alles bisher Dagewesene: Neo-Romanik, Neo-Barock und eben auch Neo-Renaissance. Letztere zeichnet sich wie das Original des 17. Jahrhunderts durch eine strenge horizontale Gliederung aus. Oft schmücken Rundbögen und entsprechende Fenster die Fassade aus grob behauenem Mauerwerk.

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1876 wurde der Auftrag für den Rathausneubau erteilt

Der Augsburger Architekt Max Treu, in Thannhausen kein Unbekannter, verfügte über profunde Kenntnisse dieser Epoche, was ihm letztendlich 1876 den Auftrag eines Rathausneubaus einbrachte. Ganz im modernen Sinn des Recyclings, fand das Abbruchmaterial des Vorgängerbaus eine neue Verwendung im Feuerwehrhaus. Der damalige Zugang zum neuen Verwaltungsgebäude erfolgte noch von Süden, von Osten konnte durch zwei Tore in die Schranne eingefahren werden. Der Ratssaal befand sich hinter den Bogenfenstern im zweiten Obergeschoß. Das heutige Erscheinungsbild erhielt das markante Gebäude jedoch erst Anfang der 80er Jahre, als die charakteristische Arkadenreihung, hin zur Bahnhofstraße eingefügt wurde. Auch das Treppenhaus, das zwischenzeitlich versetzt worden war, durfte an den ursprünglichen Platz zurück. Im Rahmen der Restaurierungsarbeiten musste allerdings auch festgestellt werden, dass die Gesimse und der Formenschmuck der Fassade einst durch minderwertigen Mörtel bearbeitet wurden. Da Gefahr im Verzug drohte, ersetzten die Handwerker umgehend das alte Material.

Neben der Pfarrkirche

Zwischenzeitlich hatte jedoch die Stadtverwaltung schon längst ihr Domizil gewechselt und residierte neben der Pfarrkirche. Ein Schmunzeln ruft dabei allein der Gedanke hervor, dass das Teile des „neuen“ Rathauses um einige Jahre älter sind als der aufgegebene Vorgänger: Das ehemalige Gräflich Schönborn´sche Forsthaus als Erweiterungsbau stammt aus den 1830er Jahren. Man sieht, die Thannhauser hatten schon immer ein Faible für Wiederverwendung. Auch da könnte sich Berlin gerne eine Scheibe abschneiden.

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