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Soziales

16.01.2016

Er kümmert sich um die Probleme der Schüler

Hat Jugendsozialarbeiter Benjamin Schilder mit den Schülern zusammen ein Problem gelöst, wird es auf einen Zettel geschrieben und in diesen kleinen Tischmülleimer symbolisch entsorgt.
Bild: Stefan Reinbold

Benjamin Schilder ist Jugendsozialarbeiter an der Krumbacher Mittelschule. Er hilft bei der Suche nach Ausbildungsplätzen, schlichtet Streitereien, kümmert sich aber auch um ernsthafte Sorgen. Jeder Tag eine Herausforderung

Für die Schüler der Krumbacher Mittelschule hat Benjamin Schilder immer ein offenes Ohr. Wer an der Tür zum Zimmer des Jugendsozialarbeiters klopft, wird auch hereingebeten, egal, mit welchem Problem er kommt. Es riecht nach Kaffee und Spekulatius in dem ehemaligen Klassenraum. In der Ecke neben der Tür stehen drei Lehnstühle in einer Sitzgruppe um einen kleinen weißen Tisch herum. Das lockert die Gesprächsatmosphäre. Oft sind die Schüler nicht allein, sondern bringen den besten Freund, die beste Freundin als moralische Verstärkung mit. Neben Schilders Schreibtisch stehen weiße Ordner mit Präventionsmaterialien im Regal, wie die Aufschriften ’Drogen’, ’Alkohol’, ’Rauchen’ oder ’Gewalt’ verraten. Schilder organisiert auch Projekte zu diesen Themen. Etwa einen „Team-Tag“, bei dem die Kinder in verschiedenen Kooperationsübungen nur gemeinsam ans Ziel gelangen. Im Vordergrund steht aber die Einzelfallhilfe.

An Arbeit mangelt es dem 31-Jährigen nicht. Etwa 40 Fälle registriert Schilder pro Jahr. Wobei lediglich Fälle statistisch erfasst werden, in denen mehrere Gesprächstermine wegen desselben Problems geführt werden, erklärt Schilder. Die Anliegen, mit denen Schüler auf ihn zukommen, sind sehr vielfältig. Vieles lässt sich schnell und ohne großen Aufwand klären. Manches Problem erfordert aber mehr Aufmerksamkeit. Mal ist es ein Streit, den die Jugendlichen nicht mehr alleine beilegen können, ein anderes Mal ist es Stress zu Hause, Sorgen, weil sich die Eltern trennen, Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Praktikumsplatz. Manchmal ist ein verbaler Tritt in den Hintern nötig, um die Disziplin wiederherzustellen. In anderen Fällen muss sich Schilder mit handfestem Mobbing oder schwerwiegenden psychische Belastungen und Störungen von Schülern auseinandersetzen.

Ein großes Thema unter den Schülern ist tatsächlich Mobbing, vor allem über soziale Netzwerke. Dabei sind Täter und Opfer oftmals gar nicht an derselben Schule. Schilder erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Schüler von Mitgliedern einer Gruppe eines sozialen Netzwerks gemobbt wurde. Die Nutzer der Online-Plattform teilten dort Fotos und Videos mit anderen Nutzern. Im richtigen Leben hatte der Schüler die anderen noch nie getroffen. Schilder erzählt, jemand aus der Gruppe habe bei Instagram etwas geschrieben, womit der Schüler nicht einverstanden gewesen sei. Als er sich darüber beschwerte, brachte er die anderen gegen sich auf. Die Stimmung kippte, beleidigende Worte fielen. Teilweise wurde der Schüler sogar telefonisch terrorisiert. Erst spät suchte er Hilfe. „Das hat sich glücklicherweise gelegt“, sagt Schilder. Der Schüler meldete das verletzende Verhalten der anderen Gruppenmitglieder dem Betreiber der Plattform, sorgte dafür, dass ihm die Gruppenmitglieder keine Nachrichten mehr schicken konnten und legte sich eine neue Handynummer zu. Man könnte glauben, alles sei halb so wild, wenn die Täter nicht dem persönlichen Umfeld entstammen. Doch die jungen Menschen, oftmals in der Psyche noch nicht so gefestigt, nehmen sich auch solche Vorfälle sehr zu Herzen, sagt Schilder. Natürlich ist es einfacher, einen Strich unter die ganze Angelegenheit zu setzen, wenn man den Tätern nicht am nächsten Morgen in der Schule wieder über den Weg läuft. Schwieriger ist es, wenn Opfer und Täter in der selben Clique sind.

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In solchen Fällen sucht Schilder zunächst das Gespräch mit den einzelnen Akteuren. Irgendwann versucht er, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen. Manchmal müssen auch Eltern eingeschaltet oder externe Hilfsangebote in Anspruch genommen werden. In jedem Fall geht nichts ohne die Zustimmung der Betroffenen. Schilder ist zur Verschwiegenheit verpflichtet – selbst die Akten, die er anlegt, werden nur unter einer Nummer geführt, keine Namen werden genannt. Lediglich wenn das Kindeswohl akut gefährdet erscheint, wäre Schilder von seiner Verschwiegenheit entbunden.

Schilder stammt ursprünglich aus Memmingen, ist verheiratet und lebt in Krumbach. Drei Jahre ist er bereits an der Mittelschule als Jugendsozialarbeiter tätig. Seit diesem Schuljahr erstmals in Vollzeit. Finanziert wird die Stelle vom Freistaat, dem Landkreis, der Stadt Krumbach und „ProArbeit“, dem Träger der Jugendsozialarbeit an der Schule. Er selbst sieht sich als eine Art Schnittstelle zwischen der Schule und der Jugendhilfe. Wichtig für seinen Job ist eine gute Vernetzung mit anderen Stellen der Jugendhilfe. Größtes Pfund aber ist das Vertrauen. „Die Schüler müssen merken, der Schilder ist kein Schlechter“, sagt er. Nur dann vertrauen sie ihm ihre Probleme an. Deshalb ist Schilder viel im Schulhaus unterwegs, mischt sich in der Pause unter die Schüler. Auch im Tagesheim, wo die Schüler der Ganztagsklasse sich häufig aufhalten, lässt er sich oft blicken, aber auch auf dem Sportplatz und allen schulischen Veranstaltungen ist er präsent. Seine Hilfe ist ein freiwilliges Angebot, niemand wird dazu verdonnert. Um die Hemmschwelle jedoch niedrig zu halten, hat er auch eine Art Kummerkasten an die Wand vor seiner Tür gehängt. Manche nutzen die Möglichkeit, ihr Anliegen vor einem persönlichen Treffen erst einmal schriftlich auszuformulieren. Erfolg lässt sich in sozialen Berufen oft schwer bemessen. Wann ist ein junger Mensch ausreichend gefestigt in seiner Persönlichkeit? „Erfolg ist manchmal ein ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung“, sagt Schilder. Manchmal merkt er das daran, wenn der betreffende Schüler nur noch selten wegen eines Problems zu ihm kommt oder nur noch wenig Gesprächsbedarf hat. Natürlich gibt es auch schwierige Fälle, die Schilder gehörig an die Nieren gehen. Etwa wenn ein Elternteil die ganze Familie zerstört oder plötzliche Todesfälle. Schilder ist kein Wunderheiler. Nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung. „Man darf sich nicht frustrieren lassen und muss auch versuchen, die Probleme in der Schule zu lassen“, sagt Schilder.

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