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Thannhausen

29.08.2020

Flüchtlingshilfe: Wie ein Thannhauser Modell Schule in ganz Deutschland macht

Sprachkurs für Flüchtlinge: Das Modell des Thannhauser Helfekreises gilt bundesweit als vorbildlich.
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Sprachkurs für Flüchtlinge: Das Modell des Thannhauser Helfekreises gilt bundesweit als vorbildlich.
Bild: Helferkreis Thannhausen

Plus Was der Helferkreis in der Mindelstadt seit 2015 unternahm, um Flüchtlinge optimal zu integrieren und wie sich die Asylsuchenden für die Hilfe bedankten.

Die Gottesdienstbesucher staunten. Als sie die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt nach der Sonntagsmesse verließen, überreichten ihnen Muslime Blumen. Die in Thannhausen untergebrachten Asylsuchenden, vorwiegend Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, wollten sich mit dieser schönen Geste für die gute Aufnahme in der Mindelstadt bedanken. Die Aktion der Flüchtlinge war die Reaktion auf ein außergewöhnliches bürgerschaftliches Engagement, auf das schließlich die Medien deutschlandweit aufmerksam machten und das als „Thannhauser Modell“ von zahlreichen Flüchtlingshilfen übernommen wurde.

Ein paar glückliche Umstände standen am Anfang der Flüchtlingshilfe 2015 in Thannhausen. Der damalige Stadtrat Hans Kohler wohnte direkt gegenüber der Flüchtlingsunterkunft, dem ehemaligen Gasthaus „Hirsch“. Kohler sah die ersten Flüchtlinge ankommen und sorgte spontan für sie. Er wurde zum großen Kümmerer, Tag und Nacht ansprechbar, zum Koordinator der örtlichen Flüchtlingshilfe und wurde schließlich für seine Verdienste ausgezeichnet mit der „Silberdistel“ unserer Zeitung. Hans Kohler wusste, woher er Unterstützung bekommen konnte. Er wendete sich an zwei pensionierte Schulrektoren, an Karl Landherr und Hans Dieter Hörtrich, die beide ein besonderes Gespür für die Belange der aktuellen Situation bewiesen. Ein Dach über dem Kopf, Kleidung, genug zu essen und zu trinken, in Sicherheit leben zu können, das ist für die Flüchtlinge ein guter Anfang, aber eben nur ein Anfang.

Mit der Sprache des Gastlandes vertraut machen

Erste Schritte zur Integration sind rasch zu tun, die Ankömmlinge müssen mit der Sprache und Kultur des Gastlandes vertraut werden. „Nach einem Begegnungsabend der beiden Kirchengemeinden und der Stadt mit den Asylbewerbern im Pfarrheim waren über 30 Personen aus Thannhausen und Umgebung bereit, ehrenamtlich mitzuhelfen“, erinnert sich Karl Landherr.

Das Problem war, dass es für die Zielgruppe Asylbewerber kein geeignetes Lehrmaterial gab. Wir brauchten „einen niederschwelligen Sprachkurs mit dem Schwerpunkt der mündlichen Kommunikation, zunächst ohne Grammatiklernen, und wir brauchten Informationen und Hilfen für das Leben in einer fremden Kultur- und Sprachwelt“, erklärt Landherr. Anfangs hätten sie für diese Zielsetzung im Helferkreis viele Arbeitsblätter entworfen.

Dann wollten „immer mehr Helferkreise in der Region unsere Arbeitsblätter ausleihen und kopieren. Als die ‚Kopier- und Zettelwirtschaft’ zu groß wurde, kamen wir der Bitte nach, die losen Blätter in einem Geheft zusammen zu fassen.“ Ein „Workbook“ entstand in Teamarbeit: Isabell Streicher lotete die Möglichkeiten aus, Englisch, das viele Asylsuchende aus Syrien kannten, als Brückensprache einzusetzen. Markus Landherr kümmerte sich um Layout, Druck und Vertrieb, seine Frau Maria veranschaulichte als Illustratorin die sprachlichen Inhalte. Offenbar war der Helferkreis in Thannhausen mit seinem auf Migranten zugeschnittenen Sprachkurs in eine echte Marktlücke gestoßen.

Das Thanhauser Konzept wird im Heute-Journal vorgestellt

Karl Landherr erinnert sich: „Als nach einem dpa-Interview im Juni 2015 in Sendungen des Bayerischen Rundfunks und im ZDF-Heute-Journal unser Konzept vorgestellt wurde, war das Interesse in ganz Deutschland groß“, zu groß, um es weiterhin ehrenamtlich bedienen zu können. Im Dezember 2015 übergaben die Thannhauser ihr Konzept in professionelle Hände. Der Auer-Verlag vertreibt seither die in Thannhausen entwickelten Materialien, die nach wie vor als preiswerter Sprachkurs gelten, der konsequent auf die Bedürfnisse der Migranten zugeschnitten ist.

Lebenspraxis zu vermitteln, darauf legte Herbert Kramer großen Wert. Er trainierte mit den Flüchtlingen die Regeln des Straßenverkehrs. Er besuchte mit den Flüchtlingen diverse Geschäfte. Wie man in einem deutschen Bekleidungsgeschäft ein Hemd und eine Hose kauft, das ist keine Selbstverständlichkeit. Auch die Gefahren des Schwimmens in den heimischen Gewässern lernten die Flüchtlinge in Kooperation des Helferkreises mit der Wasserwacht Thannhausen kennen. Die vielen Begegnungen blieben nicht ohne Folgen. Wenn er damals in der Stadt unterwegs gewesen sei, sei ihm immer wieder zugewinkt worden und „Papa, Papa“-Rufe erreichten ihn über die Straße, erinnert sich Herbert Kramer.

Ein großes Maß an Geduld und Gelassenheit

Die spontane Herzlichkeit der Flüchtlinge habe gut getan. Im Unterricht sei es locker zugegangen, es sei viel gelacht worden. Aber mit den verschiedenen Mentalitäten und den uns zunächst unverständlichen kulturellen Befindlichkeiten der Schüler zurechtzukommen, das erforderte ein großes Maß an Geduld und Gelassenheit. Der Deutsche rechne mit einer Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, die insbesondere den Afrikanern anfangs völlig fremd gewesen sei. Einen kleinen Eklat habe es beispielsweise gegeben, als er einer syrischen Frau die Hand gegeben habe, erzählt Kramer, schließlich dürften muslimische Frauen nur vom Ehemann berührt werden. Weil es immer wieder zu Missverständnissen gekommen sei, entwickelte Kramer ergänzend zum Sprachlehrmaterial einen Leitfaden für das Zusammenleben in Deutschland, der unter anderem unsere Kultur des höflichen Umgangs, Meinungs- und Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Chancengleichheit thematisiert.

Nur noch einige sind aktiv

Vom großen Helferkreis sind inzwischen nur noch einige wenige aktiv. Ein paar Flüchtlinge, die in Thannhausen ankamen, leben noch im Landkreis, sind integriert und gehen einer geregelten Arbeit nach. Die meisten sind weggezogen, ihre Spuren haben sich verloren. Ein Angebot, kostenlos und ohne jeglichen Prüfungsdruck, als Anfänger und als Fortgeschrittener die deutsche Sprache zu lernen, gibt es noch und es wurde bis zum Frühjahr vorwiegend von Personen genutzt, die aus EU-Ländern nach Deutschland zogen. Coronabedingt liege das Angebot derzeit auf Eis, informiert Karl Landherr.

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