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26.06.2010

Geschichtsschreibung ohne Gedankenfreiheit

Geschichtsschreibung ohne Gedankenfreiheit
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Ein Foto von der Primiz von Heinrich Sinz. Im Vordergrund die sogenannten "Primizbräutchen". Links ein Gedicht, das Heinrich Sinz vom "Primizbräutchen" Dorle Maier gewidmet wurde. Foto: Sammlung Heimatverein Krumbach
Bild: Sammlung Heimatverein Krumbach

Krumbach Er schrieb im wahrsten Wortsinn Geschichte - in einer Zeit, in der sich Menschen anmaßten, über die Gedanken anderer zu herrschen. Kann man in einer solchen Zeit über Geschichte schreiben? Vor rund 70 Jahren erschien das von Pfarrer Heinrich Sinz verfasste heimatkundliche Buch "Beiträge zur Geschichte des ehemaligen Marktes und der nunmehrigen Stadt Krumbach (Schwaben)".

Von Peter Bauer und Manfred Keller

1940: Frankreich erobert, halb Europa besetzt, ein Volk unter Waffen. Hitler befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wer in dieser Zeit über Geschichte schreiben will, dem sitzen die Schergen der Nazis buchstäblich im Nacken. Bei seiner Darstellung der Geschichte Krumbachs vermag Sinz sich dem Diktat der Machthaber teilweise durchaus immer wieder zu entziehen. Doch der Krumbacher Heimatforscher Herbert Auer sagt auch, dass im Buch von Sinz beispielsweise die Geschichte der jüdischen Kultur in Krumbach-Hürben nur unvollständig wiedergegeben sei. Dies bestätigt der Blick ins Buch. Die jüdische Geschichte Krumbach-Hürbens konzentriert sich in der Darstellung von Sinz auf die Zeit vom 15. bis 19. Jahrhundert. Das Buch von Sinz endet im Wesentlichen mit dem Ersten Weltkrieg. Ausgespart bleibt die damals jüngste Geschichte - und damit auch die Machtübernahme und die Terrorherrschaft der Nazis. Heinrich Sinz schreibt sein Krumbacher Geschichtsbuch in einer Welt, in der es keine Gedankenfreiheit gibt. Damit muss es ein Buch mit vielen Widersprüchlichkeiten, mit vielen Fragezeichen werden.

Zeuge rasender Gewalt

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Keine Gedankenfreiheit: Für Sinz ist das offensichtlich eine durchaus bittere Erfahrung. In Ichenhausen, wo der gebürtige Hürbener Sinz Pfarrer ist, wird er 1938 Zeuge der rasenden Gewalt der Reichspogromnacht. Sinz, der nach Mitteilung von Auer zum Ichenhauser Rabbiner immer ein gutes Verhältnis unterhalten hat, notiert Denkwürdiges in seinen Aufzeichnungen: Er schildert mit großer Anteilnahme, wie Juden mit "Gummiknüppeln geschlagen, mit den Füßen gestoßen und angespien" werden. Weiter ist in seinen Aufzeichnungen nachzulesen: "Und was das Häßlichste war: Schulknaben waren dabei, die ihnen nachliefen ... junge Burschen holten alte Juden aus den Häusern und führten sie triumphierend zum Rathaus." Sinz schreibt, dass die Mehrzahl der Anwohner darüber "empört" gewesen sei. Doch 1950 sagt er rückblickend einem Journalisten: "Ich frage unseren Herrgott, warum hat er mich nur so lange leben lassen, um diese Schande mitzuerleben?" Sinz' Aufzeichnungen über die Geschehnisse in der Pogromnacht 1938 in Ichenhausen werden erst 1996 nachträglich veröffentlicht.

Pogromnacht: All dieser Schrecken liegt im Dunklen, als Sinz am 10. April 1871 in Hürben (ab 1902 ein Ortsteil Krumbachs) geboren wird. Er schlägt die geistliche Laufbahn ein, doch die Heimatgeschichte bleibt zeit seines Lebens seine Leidenschaft. Sinz fasst in seinem Werk die Geschichte Krumbachs erstmals prägnant zusammen. Ihm ist dabei aber durchaus bewusst, dass sein heimatkundliches Buch die Geschichte Krumbachs nur in Fragmenten wiedergibt, weshalb er sein Werk als "Beiträge zur Geschichte" betitelt. Dennoch vermittelt Sinz eine Fülle geschichtlicher Fakten und historischer Ereignisse. Seine "Beiträge" enden mit dem Jahr 1939 - ohne die Dramatik dieser Zeit und den Abgrund der NS-Herrschaft auch nur ansatzweise zu erfassen. Nichtsdestotrotz ist das Buch rasch vergriffen und vereinzelt auftauchende Exemplare des etwa 380 Seiten umfassenden informativen Werkes sind bei Heimatfreunden und Geschichtsforschern begehrte bibliophile Sammel- und ebenso Studienobjekte.

Förderer dieses "Unternehmens Stadtgeschichte" sind seinerzeit der damalige Kreisheimatpfleger, Regierungsrat Christian Wallenreiter und seine Schwester (die insbesondere die Manuskripte tippt). In wissenschaftlichen Kreisen wird die Arbeit seinerzeit als "hervorragend und besonders wertvoll" anerkannt. Mit dem Blickwinkel der Gegenwart wird über die Darstellung aber sehr kontrovers debattiert. Bei den Herrschenden der damaligen Zeit hingegen findet das Werk offensichtlich durchaus Gefallen. Lob gibt es nach dem Erscheinen vom damaligen NS-Landrat Nachreiner: "In klarer und verständlicher Weise führt der Verfasser in dem Buch das geschichtliche Werden und Schicksal der engeren Heimat, sowie Sitten und Gebräuche der Vorahnen, aus ältester Zeit bis heute vor Augen." Die Herrschaft der Nazis endet im Mai 1945. Der AWO-Kreisvorsitzende Alfons Schier erinnert sich später, dass nach 1945 einige "anhanglose" Werke von Sinz im Umlauf sind. Der Blick in einen kompletten "Sinz" lässt schnell erahnen, warum der Anhang nach Kriegsende herausgerissen wird. Es sind die Seiten mit der Rubrik "NSDAP mit Gliederungen und angeschlossenen Verbänden".

Doch trotz der schwierigen Umstände, unter denen das Buch entstand, finden sich im Werk von Sinz durchaus bleibende Leistungen. Nach dem Krieg wird dies von Vertretern verschiedenster politischer Richtungen gewürdigt. Für seine Verdienste um die Stadt Krumbach und das Bemühen, "geschichtliche Hintergrundinformationen zu sichten und zu sammeln" wird Heinrich Sinz entsprechend eines einstimmig gefassten Stadtratsbeschlusses vom 25. Mai 1945 (nach Ferdinand Reiß, Karl Mantel und Theodor Einsle) zum weiteren Ehrenbürger der Stadt Krumbach ernannt. Bürgermeister Josef Bader, sein Stellvertreter Erwin Bosch, die Stadträte Hilber und Riederle sowie Franz Hofmeister überreichen daraufhin am 21. Juni 1945 dem verdienten Heimatforscher und Geschichtsschreiber Sinz die Ehrenbürgerurkunde. Um Sinz ein weiteres Denkmal zu setzen, beschließt der Stadtrat 1951, die innere Augsburger Straße, von der Karl-Mantel-Straße ab bis einschließlich Haus-Nr. 21 ("Mühlhauser-Haus") in "Heinrich-Sinz-Straße" umzubenennen. Kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahrs stirbt Heinrich Sinz am 14. März 1951 in Ichenhausen.

Überlegungen, die 1940 erschienenen Sinz'schen Beiträge zur Geschichte der Stadt Krumbach fortzuschreiben, reichen bis in 1970er Jahre zurück. Mehrere Versuche von Einzelpersonen, die Geschichte der ehemaligen Kreisstadt anzugehen, scheiterten. So reifte die Erkenntnis, dass das umfangreiche Material und die Erfassung auch neuer Geschehnisse eine Aufgabenverteilung auf mehrere Mitherausgeber und Autoren erfordern würde. Im Jahr 1993 konnte schließlich ein Autorenteam die Darstellung der Geschichte der Stadt Krumbach - in zweibändiger Aufmachung und angereichert mit wertvollem Bildmaterial - vorlegen. Was für ein Unterschied zu Sinz: 1993 gab es für die Geschichtsschreibung Gedankenfreiheit - zumindest in einem hohen Maß. Wie weit entfernt war Sinz davon im Jahr 1940. Umso bemerkenswerter ist, dass sein Werk über die Zeiten hinweg auch Bleibendes hinterlassen hat.

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