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Interview

15.09.2015

„Ich fühle mich für Schwaben ganz besonders zuständig“

Zu Besuch bei dem alten Freund und Förderer. Gerd Müller (links) und Karl Kling im Wohnzimmer der Familie Kling in Krumbach. Müller wurde 1955 in Krumbach geboren und war von 1978 bis 1988 Zweiter Bürgermeister der Stadt.
Bild: Stefan Reinbold

Entwicklungsminister Gerd Müller spricht über seinen Bezug zu seiner Geburtsstadt Krumbach, wichtige Weichenstellungen in der Region und die Bewältigung der Flüchtlingskrise

Gerd Müller wurde 1955 in Krumbach geboren. Seit 1978 engagiert er sich als Politiker, zunächst in der Jungen Union in Schwaben, deren Bezirksvorsitzender er von 1982 bis 1991 war. 1989 bis 1994 gehörte Müller dem Europäischen Parlament und seit 1994 dem Deutschen Bundestag an. Im Dezember 2013 wurde Müller zum Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Großen Koalition ernannt. Noch immer verbindet ihn viel mit seiner Heimat Krumbach. Unter anderem die Freundschaft zu seinem damaligen Förderer, dem ehemaligen Krumbacher Bürgermeister und Landtagsabgeordneten Karl Kling.

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Sehr geehrter Herr Minister Müller, sie sind in Krumbach geboren, traten als junger Mann in die Junge Union ein und waren von 1978 bis 1988 Kreisrat und Zweiter Bürgermeister der Stadt Krumbach. Was verbindet Sie heute noch mit Ihrer alten Heimat?

Karl Kling ist mein Freund und Ziehvater, mein Inspirator in der Jugend. Wenn es Karl Kling und Theo Waigel nicht gegeben hätte, hätte ich meinen Weg nicht gemacht. Als junger Kreisrat und Lehrer bin ich oft bei Karl Kling am Kamin gesessen. Im Krumbacher Stadtpark bin ich mit meiner ersten Freundin spazieren gegangen. Ich bin nach wie vor eng verbandelt mit meiner Heimat. Aber auch als Minister treffe ich überall in der Welt auf Spuren von Kling Consult aus Krumbach.

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Wie beurteilen Sie die Entwicklungsmöglichkeiten Ihrer alten Heimat?

Die Entwicklungen sind so rasant geworden. Auch Krumbach steht in Konkurrenz mit internationalen Wettbewerbern. Um da mitzuhalten, brauchen wir die entsprechenden Infrastrukturen, etwa einen Autobahnzubringer zur A 7 und eine flächendeckende Breitbandanbindung. Krumbach muss auch für kommende Generationen attraktiv bleiben, dafür würde ich mir die Sanierung des Stadtsaales und den Erhalt einer attraktiven Innenstadt mit weiter vielen Einzelgeschäften wünschen. Mittelschwaben hat eine gute Ausgangsbasis.

Welche Entscheidungen müssen getroffen werden, um diese Ausgangsbasis noch zu verbessern?

Ich bin der einzige Schwabe im Bundeskabinett, insofern fühle ich mich für Schwaben auch ganz besonders zuständig. Mit dem Lückenschluss der A8 wurde bereits ein Jahrhundertprojekt realisiert. Wir brauchen aber auch den Ausbau der Bahnstrecke Augsburg – Günzburg – Ulm. Die zentrale Entscheidung in den kommenden Wochen wird sein, diesen Lückenschluss in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans aufzunehmen. Damit würde die Region Anschluss an die europäischen Magistralen erhalten. Das ist auch für Krumbach und Günzburg wichtig.

Macht es Sie stolz, wenn Sie sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft der Menschen in Ihrer Heimat gegenüber den ankommenden Flüchtlingen ist?

Man kann stolz sein auf die Menschen, ihre Offenheit und Herzlichkeit. Ich bin stolz auf die Helferinnen und Helfer, die die Menschen, egal woher sie kommen, mit offenem Herzen empfangen. Das ist großartig. Viele hier erinnern sich noch an die Nachkriegszeit. Ich hab selbst bei meinen Eltern auf dem Bauernhof neben Flüchtlingen gelebt. Die Familie kenne ich heute noch.

Dennoch hat die Aufnahmebereitschaft Grenzen. Die Kommunen und Landkreise ächzen jetzt schon unter dem Ansturm. Wie lässt sich die Flüchtlingskrise lösen?

Ich war in den meisten Flüchtlingscamps rund um die Krisengebiete, aus denen die Menschen kommen. Wir können die Probleme nicht allein durch die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland lösen. Deutschland nimmt im Augenblick 80 Prozent der Flüchtlinge auf. Wir kommen an eine Grenze. In die Freude über die Offenheit Deutschlands mischt sich auch Frust darüber, dass andere Staaten diese Offenheit nicht zeigen.

Was schlagen Sie konkret vor?

Zunächst einmal war es richtig, die Grenzkontrollen wieder einzuführen, um zu geordneten Verhältnissen zurückzukehren. Das reicht aber noch nicht. Wir brauchen eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge in Deutschland und in Europa. Ich kann nicht nachvollziehen, dass München so allein gelassen wird. Es kann nicht sein, dass Leipzig keine Hallen zur Verfügung hat, oder dass Baden-Württemberg erklärt, keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen zu können. Die Lösung dieses dramatischen Problems kann aber nicht nur innenpolitisch in Deutschland erfolgen.

Eine europäische Lösung über ein festes Quotensystem für die Aufnahme wird wohl nur schwer durchsetzbar sein. Abgesehen davon wollen die Flüchtlinge ja auch nicht nach Ungarn, Griechenland oder etwa die Slowakei, sondern in die reichen Länder wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Wie sieht Ihr Plan aus?

Wir brauchen ein Sofortprogramm der EU, in dem der Kommissionspräsident per Haushaltsanordnung 10 Milliarden Euro für Aufnahmezentren in Italien, Griechenland und Ungarn zur Verfügung stellt, um den unkontrollierten Flüchtlingsstrom wieder unter Kontrolle zu bringen. Ich habe die Not und das Elend in den Grenzregionen rund um Syrien und im Nordirak gesehen. Im Libanon und der Türkei sind etwa 5 Millionen Flüchtlinge, deren Unterbringung wir unterstützen müssen. Die Lösung kann nicht sein, dass alle nach Deutschland kommen.

Welchen Beitrag kann Deutschland leisten?

In meiner Zeit als Minister haben wir etwa 180 Projekte im Libanon und in Jordanien umgesetzt. Wir haben Schulen für 100000 Kinder gebaut, Siedlungen und Bewässerungssysteme angelegt. Rund eine Milliarde Euro wurde dafür investiert. Wenn ich mehr Geld hätte, könnten wir noch mehr bewegen. Denn es ist dringend notwendig, in diesen Ländern mehr zu tun. Ein Euro hat in Jordanien 20 Mal mehr Wirkung als in Krumbach. Deutschland leistet viel, Brüssel bisher fast nichts und die Weltgemeinschaft insgesamt zu wenig. Wenn wir die Probleme vor Ort nicht lösen, kommen sie zu uns.

Damit werden im Prinzip doch nur die Symptome behandelt. Das eigentliche Problem ist doch der Krieg in Syrien, der nun schon seit vier Jahren tobt. Muss man nicht hier ansetzen, um die Flüchtlingskrise einzudämmen?

Auch das. Wir brauchen eine internationale Initiative der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates, die für eine Waffenruhe in Syrien sorgt.

Interview: Stefan Reinbold

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