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Selbstversuch

11.07.2015

Lasterlos glücklich durch Hypnose?

Vom Rauchen loszukommen ist gar nicht so leicht. Petra Nelhübel hat es mit Hypnose probiert.
Bild: Matthias Becker

Der Weg zum Nichtraucher ist steinig. Wer von der Zigarette loskommen will, muss auch andere Gewohnheiten lassen

Da sind also wir. Zwei Frauen, Freundinnen und Arbeitskolleginnen, beide mit Kindern, Küche, Beruf und – einem Hang zu regelmäßigen Zigarettenpausen. Und da ist er, Oliver Hofmann, einst selbst passionierter Raucher, inzwischen Hypnosetherapeut in Krumbach, mit dem Ziel, in diesem Jahr 100 Menschen von der Nikotinsucht zu befreien. Was liegt also näher als… Aber liegt es denn nahe? Wollen wir denn überhaupt Nichtraucher werden? Wollen wir denn werden wie diese freudlosen Gesundheitsapostel, die in jedem Straßencafé sofort demonstrativ den Aschenbecher von ihrem Tisch nehmen und sich mit der Speisekarte Luft zufächeln, sobald am Nebentisch einer nach dem Feuerzeug greift? Nein! Das wollen wir nicht!

Wir wollen nur einfach nicht mehr rauchen. Und es ist nicht so, dass wir’s noch nie probiert hätten. Wir haben uns Aufhörtermine gesetzt, die wir dann haben verstreichen lassen. Wir haben uns gegenseitig die Tagesration vorgegeben, inklusive Sanktionen bei Überschreitung derselben. Das war zuweilen unterhaltsam, hatte auf Dauer aber nicht den angestrebten Erfolg. Und nun also, wie jedes Jahr am 31. Mai, der Weltnichtrauchertag und dann das Versprechen dieses ambitionierten Hypnosetherapeuten, nach nur einer Sitzung den Zigaretten Lebewohl sagen zu können.

Anrufen, Termin ausmachen und später vor der Praxistür in der Krumbacher Bahnhofstraße stehen. Oliver Hofmann hat einen festen Händedruck und eine Stimme, wie man sie sich für einen Hypnotherapeuten wünscht, warm und dunkel. Zunächst bittet er uns aber an den Schreibtisch zum informativen Vorgespräch. Einen kleinen Fragebogen sollen wir ausfüllen. Der soll dem Therapeuten Auskunft geben, wie empfänglich für Bilder und suggestive Einflüsterungen seine Klienten sind. Dann räumt Oliver Hofmann jedoch gleich auf mit dem gängigen Wissen, das der Normalmensch über Hypnose zu haben glaubt. Nein, wir werden keine willenlosen Geschöpfe sein, denen er während der Sitzung alles Mögliche einreden kann. Es wird auch keine Amnesie geben, bei der wir uns hinterher an nichts erinnern können. „Das wäre Showhypnose und hat mit einer seriösen Anwendung im Rahmen einer Therapie nichts zu tun“, sagt er.

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Wichtig wäre es natürlich trotzdem, so fährt er fort, sich während der Sitzung ganz der Hypnose zu überlassen. Schließlich hätten wir ja ein Ziel. Eigenmächtige Experimente, ob wir uns gegen die Hypnose wehren könnten, wären da eher hinderlich. Dann schickt Oliver Hofmann uns auf die Straße. Eine, am besten zwei Zigaretten soll jede von uns noch rauchen vor dem endgültigen Abschied vom Glimmstängel. Die eigentliche Hypnosesitzung findet als Einzelsitzung statt und Freundin Petra macht den Anfang während ich mich mit Trostshopping im umliegenden Einzelhandel auf den schweren Abschied von der Zigarette einstimme.

Nach einer Stunde bin ich an der Reihe. Oliver Hofmann reicht mir, trotz hochsommerlichen Temperaturen, eine leichte Decke, „weil durch den tiefen Entspannungszustand während der Hypnose auch der Kreislauf herunter fährt“. Kaum dass der Therapeut mit der Hypnose beginnt, weiß ich auch, was er mit „keine Amnesie“ gemeint hat. Ich höre jedes Wort, das Oliver Hofmann mit mir spricht auf zwei Ebenen meines Bewusstseins. Die eine folgt willig seinen Anweisungen, im Geiste eine Wendeltreppe hinabzusteigen. Gleichzeitig und ohne dass ich mich bewusst gegen die Hypnose auflehne, beäugt ein innerer Kritiker sehr missbilligend meine Aktionen.

Laut Oliver Hofmann soll ich mir eine abwärts führende Wendeltreppe vorstellen. Meine Wendeltreppe ist ein schmiedeeisernes Kunstwerk mit wunderschöner Ornamentik und mein innerer Kritiker zürnt wie Rumpelstilzchen, als Oliver Hofmanns Stimme mir die einzelnen Treppenstufen in verschiedenen Farben anmalt. „Eine bunt gestrichene schmiedeeiserne Treppe – wie geschmacklos ist das denn?“ So redet die innere Stimme ununterbrochen und ich frage mich schon, ob ich auch tatsächlich hypnotisiert bin. Gleichzeitig folgt mein anderes Ich willig den Ausführungen des Therapeuten. Ich lausche den Affirmationen über mein künftiges Nichtraucherdasein und lasse zu, dass Oliver Hofmanns Stimme mich einen Berg in meiner Seelenlandschaft erblicken lässt. Der innere Kritiker mäkelt, dass mein Berg nicht erhaben und majestätisch wie das Matterhorn aussieht, sondern wie ein überdimensionaler Zuckerkegel für eine Feuerzangenbowle. Richtung Gipfel tummeln sich sogar fröhliche, weiße Ponys mit Regenbogenschweif. Anscheinend ist mein Unterbewusstsein doch ein arger Kindskopf. Auf einer Tafel am Gipfelkreuz soll ich noch alle Belastungen meines Alltagslebens notieren, die Tafel den Berg hinab schmettern und meinen weiteren Weg auf der anderen Seite des Berges fortsetzen.

Oliver Hofmann holt mich aus der Hypnose. Drei, zwei, eins und zack bin ich wieder da. Das soll es jetzt gewesen sein? Und das hat tatsächlich eine knappe Stunde gedauert? Bin ich jetzt Nichtraucher? Freundin Petra erwartet mich im Flur. Sind wir jetzt beide Nichtraucher? Bereits die Autofahrt nach Hause ist eine Versuchung. Zigaretten, Feuerzeug, Aschenbecher. Alles da. Verführerisch, ja – aber nicht zwingend notwendig. Wir lassen es also bleiben. Der Abend und die folgenden Tage sind ein einziges Wechselbad der Gefühle. Rauchen „brauchen“ wir tatsächlich nicht mehr. Das ist aus gesundheitlichen Gründen zwar ganz schön und für überzeugte Nichtraucher vielleicht der einzig maßgebliche Aspekt. Was wir jedoch beide vermissen, ist der gesellige, soziale Faktor. Ein Gespräch ohne Zigarette, so kommt es uns vor, hat eine andere Qualität als ein Gespräch „mit“. Eine kurze Auszeit von der Arbeit ohne rituelles „vor die Tür gehen“, „Kippe ausgeben“ und „Feuer anbieten“ scheint uns keine vollwertige Pause. Man weiß irgendwie nicht, wann sie anfängt und wann sie aufhört. Folge: Wir machen keine Pausen mehr, arbeiten durch, streifen etwas rastlos durch die Räume unseres Nachhilfestudios und beschließen endlich, die Möbel umzustellen. Das rote Sofa nach vorne ins Turmzimmer, das blaue Sofa in die Küche. Nachschlagewerke werden gnadenlos aussortiert und auf den Boden gestapelt. Der frei gewordene Bücherschrank soll zum Sperrmüll. Ein Gründerzeit-Nähtischchen darf nach einigen Diskussionen weiter in der Ecke stehen bleiben. Nachmittags wundern sich Lehrer und Schüler über unsere zahlreichen Baustellen. Unser zerzaustes Haar und die leicht gereizten Blicke zwischen uns bemerken sie nicht. Eine kleine Weile entziehen wir uns noch der Verantwortung, unsere angebliche Nikotinresistenz auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Dann siegt das Pflichtgefühl. Jede für sich stellt sich der Herausforderung.

Das Ergebnis: Nach vier Zügen reicht es mir und ich frage mich, ob ich den Genuss einer Zigarette bisher nicht ein bisschen überbewertet habe. Auch Mitstreiterin Petra ergeht es ähnlich. Der Genuss bleibt hinter den Erwartungen zurück. Aber sind wir jetzt rückfällig geworden? Sind wir wieder Raucher? Was ist denn, im vergleichbaren Fall, der Unterschied zwischen einem Feierabendbiertrinker und einem Alkoholiker? Für einen Zigarettenkonsumenten scheint es keine gesellschaftlich akzeptierte Menge zu geben. Auch jetzt noch hadern wir mit unseren Ansprüchen an uns selbst und den Ansprüchen aus dem (nichtrauchenden) Familien- und Freundeskreis. Eines scheint uns sicher: Hypnose kann eine wirkliche Stütze sein. Für uns ist aber auch klar: Eine Zigarette ist mehr als in Lunge und Luft geblasenes Nikotin. Wir haben ein Stück weit auch einen Lebensstil losgelassen. Und ein paar kleine Pausen gönnen wir uns jetzt wieder. Mehr wollten wir auch nicht.

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