Krumbach

28.01.2017

Rollende Küche

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4 Bilder
Harry Hurst schichtet die Boxen mit den fertigen Essen, streng nach Menüs getrennt, in den weißen Dacia.
Bild: Peter Wieser

Seit mehr als 40 Jahren bietet die AWO Krumbach „Essen auf Rädern“ an. Warum viele Senioren diesen Dienst gerne in Anspruch nehmen.

Ein ganz gewöhnlicher Montagvormittag in der Küche des Awo-Seniorenheims in Krumbach. Schweinegulasch mit Nudeln und Selleriesalat oder Reiberdatschi mit Apfelmus stehen heute auf dem Speiseplan. Als Vorspeise gibt es eine Spinat-Käse-Suppe, zum Dessert Aprikosenkompott. Das was da auf der Tageskarte steht, findet seine Abnehmer aber nicht nur im Heim selbst. In der ganzen näheren Umgebung freuen sich Senioren darüber, wenn das Mittagessen zu ihnen kommt.

Auf dem Transportwagen vor der Küche sind bereits 18 Boxen hergerichtet. Harry Hurst wird sie anschließend in den weißen Dacia einladen, sortiert nach Menü und Beilage. Klar, wenn jemand versehentlich zu seinem Gulasch Apfelmus bekommen würde, wäre das nicht gerade passend, lacht der ehemalige Außendienstarbeiter. Er ist einer der fünf Ehrenamtlichen, die täglich im Wechsel die warmen Mahlzeiten ausfahren.

Auf schneeglatter Straße in die Wiese gerutscht

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„Es ist auch eine Vertrauenssache, immerhin betreten sie fremde Wohnungen“, sagt Alfons Schier, Vorsitzender des Awo-Kreisverbands Krumbach. Früher hätten dies oft Zivildienstleistende gemacht, Ehrenamtliche aber habe es schon immer gegeben. Schier hat das „Essen auf Rädern“ in Krumbach damals mit ins Leben gerufen, nachdem die Arbeiterwohlfahrt als Sozialverband immer wieder auf diesen Dienst angesprochen wurde. Anfangs habe der Hausmeister noch mit seinem Privatauto das Essen in drei Henkelmännern ausgefahren. Wenn es sein musste, setzte sich Alfons Schier auch schon einmal selbst ans Steuer.

Er erinnert sich an eine Fahrt nach Burg, bei der er auf schneeglatter Straße plötzlich in der Wiese landete: „Dau isch d’Supp scho mal im Wägale über-gschwappt.“ „Essen auf Rädern“ nur etwas für alte Leute? „Es ist mit eine mögliche Lösung, nicht in ein Heim zu gehen“, betont Schier. Um das Ganze entsprechend umzusetzen und um Leerlaufe möglichst zu vermeiden, ist das A und O die Organisation – die Aufgabe von Maria Wild, die sich um den ganzen Ablauf kümmert. Und ganz wichtig: Der Geschmack muss passen. Dafür sorgt Küchenleiter Bernd Schönwälder. Seit 17 Jahren bereitet er in der hauseigenen Küche des Seniorenheims täglich rund 150 Essen zu. Hauptsächlich normale, schwäbische Kost.

So sei es bereits in den Anfangszeiten gewesen. In der Regel sind es immer um die 20 Mahlzeiten, die dann die Reise rund um Krumbach antreten. Besonders beliebt sind die Blut- und Leberwürste mit Sauerkraut, erzählt der 44-jährige. Klar, so etwas waren viele ja schon von früher gewohnt. Und mit einem Schnitzel oder einem Leberkäse mit Kartoffelsalat mache man auch nichts verkehrt. Alles wird in der hauseigenen Küche selbst zubereitet und auf Porzellangeschirr angeliefert. Und wird einmal eine Mahlzeit als pürierte Kost bestellt, wird diese auch entsprechend angerichtet. „Es soll schließlich auch etwas gleichsehen“, sagt „Chefkoch“ Schönwälder.

Preis für das Essen ist eigentlich ein Minusgeschäft

Ein Essen kostet 7,70 Euro. Eigentlich ein Minusgeschäft, wie Alfons Schier hinzufügt. „Das was man verlangen müsste, können die Leute nicht bezahlen.“ Finanziell schlechter gestellte Menschen versuche man, auf verschiedenen Wegen über Zuschüsse zu unterstützen. Harry Hurst hat inzwischen seine Tour begonnen. Der Zeitplan ist ziemlich straff bei 18 Essen, denn jeder „Kunde“ wartet. Seit knapp zehn Jahren fährt der 68-jährige im Schnitt zweimal die Woche die Tour, die im Stadtgebiet Krumbach beginnt und über Billenhausen, Niederraunau, Deisenhausen und Oberwiesenbach führt, manchmal auch bis Wattenweiler. Eines ist klar: Mit zunehmendem Alter wird es für Senioren, gerade wenn der Ehepartner fehlt, immer schwieriger sich selbst zu versorgen. Vor allem dann, wenn vor Ort keine Einkaufsmöglichkeit besteht oder die Wege dorthin einfach zu weit sind. Zudem hat es an diesem Montag über Nacht geschneit und die Straßen sind teilweise noch mit Schnee bedeckt. Stets mit einem freundlichen „Grüß Gott“, einem „Guten Appetit“ und „einen schönen Tag noch“ wendet sich Harry Hurst an „seine“ Kunden. Er kennt sie alle und manchem bringt er die Mahlzeit direkt auf den Tisch. Im selben Zug nimmt er die Box und das Geschirr vom letzten Mal wieder mit oder gibt den Speiseplan für die kommende Woche ab. Manche bestellen täglich, andere wiederum je nach Bedarf. Sicherlich gebe es zwischendurch auch einmal die eine oder andere Kritik. „Aber daheim gibt es ja auch nicht immer das Lieblingsessen“, meint Hurst.

Keiner will seine Selbstständigkeit im Alter aufgeben

„Ma isch guat versorgat“, bestätigt Anna Leonhard. „I bin 97 und dau gat des Kocha nemme so guat wia früher.“ Ihrer Einladung „Hock halt na“, kann Harry Hurst zwar nicht folgen, aber „a kleines Schwätzle“ geht immer. „Die Leute freuen sich immer, auch wenn man nur ein paar Worte redet oder zuhört“, sagt er. „Warum soll i mi hinstehen und für mi alleine kochen“, meint Robert Fendt aus Nattenhausen und lacht: „Ma sieht, i han koi Noat“. Seit fast 20 Jahren lässt er sich sein Essen „auf Rädern“ kommen. Der wohl treueste Kunde ist Josef Wank, 82, und ebenfalls aus Nattenhausen: Seit dem 1. Oktober 1986 bestellt er regelmäßig. Damals habe ein Essen noch fünf Mark gekostet, erinnert er sich. „I bin zufrieden. I müsst’ sonst jedes Mal nach Krumbach fahren.“ „Wirklich gut“ und „ein ganz zuverlässiger Service“, ist immer wieder zu hören, auch wenn es ruhig etwas öfters Spätzle geben dürfte, wie Gustav Bauer aus Krumbach schmunzelnd bemerkt. Manchmal sei es fast a bissle viel, aber man könne den Rest ja aufheben meint Johanna Prax. Nur eines sei nicht so schön: Allein schmeckt es halt nicht ganz so gut. „Geabat’s obacht, s’isch glatt“, gibt sie Harry Hurst noch mit auf den Weg.“ Bei der knapp zweistündigen Fahrt wird eines deutlich: Keiner will im Alter seine Selbstständigkeit aufgeben.

Und die beginnt bereits damit, seine Mahlzeit in den eigenen vier Wänden einzunehmen. Und der eine oder andere freut sich bereits auf den nächsten Tag: Auf Putenschnitzel mit Zigeunersoße oder Schupfnudeln mit Sauerkraut.

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