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Landkreis Günzburg

06.09.2019

Schulamt fürchtet Lehrermangel im neuen Schuljahr

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Leere Klasszimmer wird es im Landkreis Günzburg nicht geben. Den Lehrermangel im Grund- und Mittelschulbereich spürt man aber auch hier immer mehr. Ein Aspekt, wie die Entwicklung gedreht werden kann, könnte die Besoldung sein.
Bild: Stefan Reinbold

Noch gibt es im Kreis Günzburg ausreichend Lehrer. Doch in Zukunft wird das schwieriger. Wo Schulamtsdirektor Thomas Schulze Handlungsbedarf sieht.

Im Landkreis macht sich der Lehrermangel im Bereich der Grund- und Mittelschulen deutlich bemerkbar. „Wir sind in schwierigen Zeiten stimmig versorgt worden“, sagt Schulamtsdirektor Thomas Schulze, räumt aber auch ein, dass es dieses Jahr „knapp und eng“ war. Glücklicherweise habe die Regierung von Schwaben dem Schulamt Günzburg bei der Besetzung der Lehrerstellen große Freiheiten eingeräumt. So wurden zum Teil geeignete Lehrkräfte aus dem Ausland, Lehrer, die in anderen Schularten keine Anstellung fanden oder anderweitiges pädagogisches Personal zur Deckung der Stunden akquiriert. Zudem wurden 180 Lehrerstunden durch Lehrkräfte mit einem Anstellungsvertrag gedeckt. Am Ende sei es jedoch gelungen, eine Situation, wie in anderen Bundesländern, wo zum Teil fachfremde Quereinsteiger unterrichten, zu vermeiden. „Vor jeder Klasse steht ein Lehrer mit Lehrbefähigung“, sagt Schulze. Angespannt sei in diesem Jahr die mobile Reservesituation. Zwar seien die Reserven in vollem Umfang, sogar etwas über dem Bedarf gebildet. Der Großteil davon ist aber bereits schon vor dem ersten Schultag verplant. „Das ist schon ungewöhnlich, dass man von Anfang an so eine belastete Situation hat“, räumt Schulze ein.

Ungleiche Besoldung zwischen den Schularten verschärft Personalmangel

Drei wesentliche Stellschrauben beeinflussten seiner Ansicht nach die Personalsituation im Grund- und Mittelschulbereich. Neben der Erhöhung der Zahl der Studienplätze sehen Schulze und Schulrat Robert Kaifer die ungleiche Besoldung zwischen den Schularten als abträglich an. „Die Herausforderung in der Grundschule liegt in der unglaublichen Heterogenität der Klassen, wo Kinder mit geistiger Behinderung im Rahmen der Inklusion gemeinsam mit Hochbegabten lernen“, erläutert Schulze. Im Bereich der Mittelschulen kämpften etwa zwei Drittel der Schüler mit Lernschwierigkeiten. „Mir kann keiner erklären, warum ein Grund- oder Mittelschullehrer deshalb weniger verdienen soll“, sagt Schulze. Geld allein ist aber kein Allheilmittel. Er sei froh, „dass sich die Leute bewusst für die Grund- oder Mittelschule entscheiden.“ Wohl wissend, dass sowohl der Korrekturaufwand in diesen Schularten in der Regel ungleich höher ist als an Realschulen oder Gymnasien. „Was unwahrscheinlich viel Zeit beansprucht, sind Gespräche mit Eltern und Experten wie dem Mobilen Sonderpädagogischen Dienst oder Schulpsychologen“, sagt Kaifer.

Schulamtsdirektor Thomas Schulze (links) und Schulrat Robert Kaifer konnten trotz angespannter Personalsituation die Schulen im Kreis „stimmig“ versorgen.
Bild: Stefan Reinbold

Der Bedarf an entsprechenden Gesprächen und Beratungen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig erhöht, nicht nur wegen der Inklusion, erklärt Schulze. Gesellschaftliche Entwicklungen wie veränderter Medienkonsum, die Digitalisierung aber auch die zunehmende Verlagerung der Erziehungsverantwortung an die Schulen, Sport- und Bewegungsmangel seien dafür verantwortlich. Mit gemischten Gefühlen betrachten die Verantwortlichen im Schulamt auch die großzügigen Teilzeitregelungen, die im Beamtenrecht fixiert sind. Einerseits sei es zu begrüßen, dass so Familie und Beruf miteinander vereinbart werden können. Außerdem seien Lehrkräfte, die nur wenige Stunden in der Woche arbeiteten, meist sehr flexibel einsetzbar. Darüber hinaus fordere der Freistaat viel von seinen Beamten ab, was im Gegenzug gewissen Freiheiten und Wohltaten rechtfertige.

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Andererseits müssten jedes Jahr viele Gespräche mit Lehrern geführt werde, um sie zu bewegen, die Stundenzahlen aufzustocken. Meist seien die Kollegen auch dazu bereit, sagt Schulze, weiß aber auch, dass das mit Blick auf die angespannte Personalsituation „nicht der große Wurf“ ist. „Man muss darüber nachdenken, ob wir uns diese Freiheit in Zukunft noch leisten können.“ In der freien Wirtschaft finde man keinen Arbeitgeber, der vergleichbare Teilzeiten zulasse. Andererseits lasse sich Schule auch nicht unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten bemessen.

Schuleingangsuntersuchung schon ein Jahr früher

Neu ist, dass Eltern, deren Kind zwischen 1. Juli und 30. September sechs Jahre alt wird, in diesem Jahr schon bis zum 10. April entscheiden müssen, ob es eingeschult wird oder nicht.

Die Schuleingangsuntersuchung wird außerdem künftig schon im vorletzten Kindergartenjahr durchgeführt, um frühzeitig möglichen Förderbedarf zu erkennen.

Im Zuge der Inklusion ist am Schulamt eine Beratungsstelle eingerichtet worden. Stephanie Dempfle von der Grundschule Ichenhausen wird wöchentlich sechs Stunden Zeit haben, Schulleiter und Lehrer zu beraten und Fortbildungen anzubieten.

Eingerichtet wird eine Förder- und Beratungsstelle für Kinder mit Lernschwierigkeiten in Mathe geben. Ein besonderer Schwerpunkt soll zudem auf die Fortbildung beim Thema Lesen gelegt werden, um der Erkenntnis, dass Lesenlernen ein nie endender Prozess ist, gerecht zu werden.

Ungeheurer Druck beim Übertritt

Ein Schwerpunkt in der Arbeit des Schulamts bleibt die Digitalisierung, insbesondere die Weiterentwicklung des interkommunalen Zentrums für Medien und digitales Lernen. Dies betrifft insbesondere die Wartung in Instandhaltung der Geräte und Software aber auch Fortbildungen für Lehrkräfte.

Besonderes Augenmerk legt das Schulamt auf die Demokratie- und Werteerziehung. So sei die Arbeit Schülermitverantwortung (SMV) bereits in der Vergangenheit gestärkt worden. „Die Beteiligungsfähigkeit der jungen Menschen zu fördern, ist was ganz Wesentliches“, ist Schulze überzeugt.

Eng verknüpft damit ist auch die Frage, welchen Stellenwert die Mittelschule in der Gesellschaft hat. „Wir merken das ganz vehement, wenn es um den Übertritt geht“, sagt Schulze. Da werde ungeheurer Druck aufgebaut, um die Mittelschule um jeden Preis zu vermeiden. Dass die Mittelschule als Ultima Ratio betrachtet werde, sei auch ein Problem für das Handwerk, wo dringend Nachwuchs gesucht werde.

„Wer fliest denn unsere Bäder, wer teert unsere Straßen? Das sind die Absolventen der Mittelschulen“, redet sich Schulze in Rage. „Ich weigere mich, die als Rest zu bezeichnen. Das ist gesellschaftlich nicht hinnehmbar.“

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