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Interview

02.02.2018

„Schule müsste eigentlich anders sein“

Prof. Tassilo Knauf
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Prof. Tassilo Knauf

Prof. Tassilo Knauf hielt in Krumbach vor Fachpublikum einen Vortrag zur Reggio-Pädagogik. Mit uns hat er über ihre Vorteile und die Mängel der Schulbildung gesprochen

Zum Auftakt einer zweitägigen Fachtagung zum Thema „Frühkindliche Pädagogik“ war der Andrang zum Vortrag von Prof. Tassilo Knauf enorm. Eingeladen hatte die Joseph-Bernhart-Fachakademie für Sozialpädagogik in Krumbach anlässlich ihres 45-jährigen Bestehens. Ausschließlich Fachpersonal aus Kitas, Kindergärten und anderen kinderpädagogischen Einrichtungen waren im Krumbacher Stadtsaal zusammengekommen, um sich auszutauschen und ihr Wissen um diesen ganz besonderen pädagogischen Ansatz in der frühkindlichen Erziehung zu vertiefen. Wir sprachen mit Prof. Tassilo Knauf, ehemals Hochschullehrer an der Universität Duisburg-Essen, im Anschluss an seinen Vortrag.

Herr Professor Knauf, im deutschsprachigen Raum gehören sie zu den Pionieren der frühkindlichen Pädagogik. Können sie unseren Lesern in kurzen Worten den speziellen Ansatz der von ihnen vertretenen Reggio-Pädagogik erklären?

Die Reggio-Pädagogik geht aus von einem Bild des Kindes, in dem das Kind von sich selbst aus wissbegierig ist und aktiv die Welt entdecken und erforschen will. Es will die Welt verstehen und kommt dabei auch gut mit den kleineren und größeren Krisen klar, wenn etwas nicht klappt. Kinder brauchen dabei Rückmeldung von Altersgenossen oder Erziehern, aber nicht in der Form genauer Handlungsanweisungen. Sie brauchen Spielraum zum Erproben und zum Erweitern ihrer Kompetenzen.

Das Konzept der Reggio-Pädagogik wurde in den 1970er Jahren in Reggio Emilia/ Italien entwickelt. Die gemeinhin bekanntere Kinderpädagogin Maria Montessori kommt auch aus Italien. Können sie uns wichtige Überschneidungen oder Unterschiede in den beiden Ansätzen nennen?

Maria Montessori steht da sicherlich im Hintergrund. Ihre Schaffensperiode liegt etwa 50 Jahre vor der Entstehung der Reggio-Pädagogik. Natürlich hat man in Reggio Maria Montessori gekannt und es gibt auf jeden Fall ganz deutliche Parallelen. Einmal das Bild vom Kind. Das Kind ist selbstständig, will selber Kompetenzen erwerben. Das ist ganz zentral. Dann die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft, die eher zurückhaltend agiert, das Kind begleitet und weniger anleitet. Dann die Bedeutung der Räume und des angebotenen Materials mit dem die Kinder ihre Lernprozesse organisieren. Aber es gibt ein paar entscheidende Unterschiede.

Können Sie erklären, worin diese Unterschiede bestehen?

Bei Montessori reduziert sich die Individualität auf die Geschwindigkeit des Lernens. Dabei gibt es nach Montessori bestimmte Zeitfenster in denen etwas gelernt werden kann. Diesen Zeitpunkt sollte man nicht verpassen. Reggio sagt: Das ist so ausgedacht. Die Kinder können auch, wenn sie später auf etwas stoßen und dann davon begeistert sind, Dinge auf einmal für sich erschließen die ihnen vorher völlig fremd waren. Und Reggio sagt auch, dass die Individualität sich nicht allein auf die Lerngeschwindigkeit beschränkt. Das eine Kind interessiert sich vielleicht fürs Bauen, ein anderes malt lieber. Eines spielt und arbeitet lieber für sich alleine, ein Anderes fühlt sich in einer Gruppe wohler. Die ganze Persönlichkeit wird in der Reggio-Pädagogik differenzierter gesehen. In beiden Konzepten fungiert der Erzieher als Begleiter, aber Reggio hat nicht so ein striktes Idealbild. In Reggio kann eine Erzieherin auch ihre Persönlichkeit besser mit einbringen.

Nun ist die Reggio-Pädagogik ein Modell aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wie hat sich die Reggio-Pädagogik weiterentwickelt? Stichpunkt Neue Medien zum Beispiel. Wie kann man diese Thematik, die es in den 70er Jahren noch gar nicht in diesem Ausmaß gab, heute mit einbinden?

Weiterentwicklung spielt bei Reggio eine große Rolle. Einmal auf der Theorieebene mit der neueren Hirnforschung. Und dann auch in der Praxis, wo die Neuen Medien sehr bedeutungsvoll sind. Also, dass Kinder zum Beispiel selber lernen, mit einer Kamera umzugehen. Also dass sie dann auch Bilder und Filme, die sie machen, mit der Realität vergleichen. Wie kann man kreativ sein und zum Beispiel bestimmte Effekte erzielen. Reggio ist, glaube ich, die Pädagogik, die überhaupt die Neuen Medien mit in ihr Konzept integrieren kann. Ich kenne keine andere, die das tut.

Wie decken sich die Reggio-Pädagogik, und überhaupt die frühkindliche Pädagogik, mit dem, wie später in der Schule gearbeitet wird? Wo also Kinder mit Informationen gefüttert werden, die sie dann auch später genau so wiedergeben sollen. Wo also weniger der Forschergeist gefragt ist. Was muss sich da ändern?

Das ist genau auf den Punkt gebracht. So ist das. Wobei eigentlich Schule anders sein müsste, also auch von den Vorgaben. Wenn sie einmal in den bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan hineinschauen, der ja für Kinder bis zehn Jahre gilt, da kann man sagen, die Reggio-Pädagogik ist eigentlich die Umsetzung des bayerischen Bildungs- und Erziehungsplanes. Nur wird das in der Praxis nicht so gemacht. Ich kenne nur eine Schule in Deutschland, die Gebrüder Grimm Gesamtschule in Hamm/Westfalen, eine normale städtische Gemeinschaftsschule mit zwölf Klassen. Da hat das Kollegium entschieden, nach Reggio zu arbeiten. Die haben in der Nähe einen Kindergarten der so arbeitet. Das fand die Schule und das 20-köpfige Kollegium so faszinierend. Und die Stadt Hamm hat das von der ersten Stunde an unterstützt. Die Schule konnte zu Weihnachten sogar eine Wunschliste ausarbeiten, was sie für Materialien brauchen und sie haben sogar noch mehr bekommen. Die dortige Schulrätin arbeitet sich jetzt erst mal in die Reggio-Pädagogik ein, bevor sie ihr Urteil fällt. Diese Schule begleite ich seit einem Jahr pädagogisch. In Bayern gibt es am Ammersee eine Privatschule, die nach unserem Konzept arbeitet.

Jetzt haben sie ja heute vor einem großen Fachpublikum gesprochen. Wie, haben sie den Eindruck, werden ihre Ideen angenommen und umgesetzt? Gibt es da Bedarf und wie ist das Interesse?

Das ist ganz unterschiedlich. Im Zuge der Geburtenentwicklung und des erhöhten Bedarfs entstehen ja zur Zeit viele neue Kindergärten. Da ist das Interesse enorm. Bei bereits länger existierenden Einrichtungen gibt es manchmal Widerstände die gewohnten Pfade zu verlassen. Aber auch da tut sich etwas und die Aufgeschlossenheit für unser Konzept wächst. Interview: Petra Nelhübel

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