Ein Traum, der ein Künstlerleben lang dauert bis zur Verwirklichung
Das angefangene Schiff kam von Bermaringen nach Waltenhausen
Axel Brandt hat das Know-How eines Zimmermanns
Die Anemoi wird nun von Waltenhausen aus ans Meer transportiert
Das kleine Deutschlandfähnchen flattert im Wind, als ein Schiff, fernab jeglichen großen Wassers, aus einer Scheune im schwäbischen Waltenhausen herausfährt. Unter dem Kiel sind Räder, Räder eines Traktoranhängers und der kleine Bulldog, der das Schiff herauszieht, muss kräftig arbeiten als Zugmaschine der tonnenschweren Last. Das Szenario spielte sich vor wenigen Wochen ab und seither stand, beziehungsweise hing das Schiff neben der Scheune in einem Gestell.
„Anemoi“ nach den Göttern der Winde aus der griechischen Mythologie soll der 13 Meter lange Holz-Koloss einmal heißen, doch der Schriftzug fehlt noch auf seinem Rumpf. Dafür prangt er schon auf einem dunkelblauen T-Shirt, das Axel Brandt trägt. Stolz trägt er es, denn die Anemoi ist das Ergebnis eines Jugendtraums von ihm und seinem Bruder Ulrich. Mit so einem Schiff kann man um die Welt kommen, dachten sie sich damals.
Dass die Verwirklichung eines Traums jedoch unter Umständen das ganze Leben dauern kann, das haben die beiden Brandt-Brüder nicht gedacht, erzählt Axel, der Künstler in Düsseldorf ist, aber in Waltenhausen eine Zeit seines Lebens verbracht hat. Bekannt ist er in der Region auch als Ausrichter des jährlichen Ackerbeat-Open-Airs, das coronabedingt nun schon zum zweiten Mal ins Wasser fällt. Corona hat aber dem Schiffbauprojekt noch einmal einen Kick in Richtung Endspurt gegeben, denn es waren wenig Ablenkungen möglich, sodass man sich ganz aufs Werkeln am Schiff konzentrieren konnte.
Seit seiner Schulzeit in Ulm Anfang der 80er-Jahre gibt es den Traum vom Segelschiff. Ab 1982 begann Axel mit der Umsetzung - immer begleitet von vielen Freunden und seinem Bruder Ulrich als Helfer. Ulrich Brandt dachte damals noch, dass das Schiff in fünf Jahren fertig gebaut sein könnte, erzählt er im Gespräch mit der Redaktion.
Ein Schulfreund Axels, der in einer Landwirtschaft in Bermaringen bei Ulm daheim war, konnte in einem Nebengebäude das Schiffprojekt zunächst beherbergen. Dort wurden die ersten Spanten zusammengesetzt. 1985 kam das Schiff dann an den neuen Wohnort Waltenhausen. Auf zwei Traktoranhängern wurde der Traum der Brandtbrüder vorsichtig in das mittelschwäbische Dorf transportiert.
Die Zeichnung für die Anemoi hatte Axel selber gefertigt, weil sich die beiden Brüder die Kosten für einen professionellen Plan sparen wollten. In Hamburg, mit einer Liste geeigneter Hölzer in der Tasche, kauften die Brüder im Holzhafen einen Stamm aus Agba-Holz für die Beplankung. Den ließen sie noch vor Ort schneiden in kurze, nur wenige Millimeter starke Holzstückchen. In vier Schichten wurde diese als Außenhaut des Schiffs formverleimt. Der Kiel dagegen ist aus deutscher Eiche. Einen solchen Stamm kauften sie bei einem Küfer in Hittistetten. Schwer genug für eine gute Lage im Wasser wird der Kiel durch zwei Tonnen Blei und eine Tonne Stahl, die die Brüder Brandt einbauten.
Dieser Kiel hält das Boot auch bei Starkwind auf Kurs. Rund 150 Kilogramm Blei wurden auf Anraten von Ulrich Brandt noch zurückbehalten. Man muss erst sehen, wie das Schiff dann tatsächlich im Wasser liegt. Mit dem zurückbehaltenen Metall könnte man noch etwas nachjustieren und ausgleichen. „Das Schiff ist für die härtesten Bedingungen gebaut und ist absolut hochseetauglich“, sagt Axel Brandt.
Der Schiffsentwurf von Axel sei inzwischen gut gealtert, meint Ulrich Brandt, der als Drehbuchautor arbeitete. „Mit der fließenden Form des Bugs und dem runden Heck würde man das heute so nicht mehr bauen“, sagt er. Der 64-Jährige ist zwar Axels älterer Bruder und war auch anfangs der Chefdenker des Projekts, „doch das hat sich im Laufe des Bauens geändert“, sagt er. Mit einer Ausbildung als Zimmermann „bin ich der Einzige, der das auch wirklich kann - vom Können her“, ist der 59-jährige Axel überzeugt.
In den 90er-Jahren bauten die Brüder in den Semesterferien immer wieder am Schiff, während sie sonst in Köln und Düsseldorf lebten. 1997 glaubten sie noch laut einem Artikel in unserer Zeitung, dass sie ein bis zwei Jahre später in See stechen könnten für eine Weltumsegelung. Doch es kam anders: In den 2000er-Jahren war erst einmal gut zehn Jahre Pause in der Waltenhauser Scheunenwerft, weil das eigene Leben mit der Familie und das Berufsleben Fahrt aufnahmen. Die Scheune in Waltenhausen war ein sicherer Platz für den Traum der Weltumsegelung und am Tor prangte ein Schild mit der Aufschrift „Baustelle, betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder“ . Das nahmen die Waltenhauser Kinder ernst, wie kürzlich bei einem „Tag der offenen Luke“ für die Waltenhauser Bürger herauskam. Heute 30-jährige Männer erzählten Axel Brandt, wie sehr sie sich freuten, das Schiff einmal betreten zu dürfen, nachdem das Schild sie als Jungs davon abgehalten hatte.
In den letzten drei Jahren nahm das Schiffbauprojekt wieder Fahrt auf. Anstoß dazu gab Axels Sohn Ludwig, der seinem Vater sagte, dass man Sachen auch fertigstellen müsse. Seit Oktober 2020 ist Axel Brandt mit knapp vier Wochen Unterbrechung für Aufenthalte in Düsseldorf in Waltenhausen und treibt den Schiffbautraum voran. Immer wieder wurden dann noch Schiffbauteile umüberlegt. Am Dienstag, 27. Juli, wird das Schiff dann von einem Tieflader abgeholt und in Richtung Meer transportiert. Bis dahin ist noch einiges zu tun. Werkzeug liegt noch unter Deck, wo es acht Schlafplätze (die Polster nähte Ulrich Brandt über die von ihm zugeschnittenen Schaumstoffe), eine Küche, ein Bad und zwei Toiletten gibt. Es fehlen noch Fächer fürs Geschirr, die rote Schutzfarbe ist erst in der letzten Woche ans Schiffsuntere gepinselt worden, der Stuhl dafür steht noch unter dem Schiffsrumpf. Letzte Lackierungen sind am Deck erforderlich, der Anker muss noch an die Ankerkette und die technischen Geräte – AIS- und UKW-Funk sowie GPS-Navigationshilfen – müssen noch verbaut werden.
Dichtungssilikon fehlt noch, denn irgendwo am Abluftkamin für den Dieselherd, der zum Heizen und Brot backen genutzt werden kann, dringt Regenwasser ins Schiffsinnere. Die Schiffsreling steht auch noch unangeschraubt herum. Vor ein paar Tagen war der 18 Meter hohe Mast noch auf dem Schiff probeweise aufgerichtet worden, „da war das Schiff der zweithöchste Punkt in Waltenhausen nach der Kirche“, scherzt Axel Brandt. Fast ein vorübergehendes Wahrzeichen des Dorfes, das dem Dorf nun genommen wird. Denn in zwei Nachtfahrten ab Dienstag nimmt die Anemoi die Fahrt gen Meer auf. Der Transport per Tieflader ist überbreit (3,84 Meter) und darf nur nachts zwischen 22 und 5 Uhr zusammen mit einem Begleitfahrzeug unterwegs sein. Ziel ist Lübeck an der Ostsee, wo die Anemoi dann erstmals Wasser unter den Kiel bekommen wird.
Der weite Transport nach Norddeutschland ist von den Formalitäten leichter zu bewerkstelligen als die Fahrt zum näheren Mittelmeer, erklärt Axel Brandt. Das erzählte ihm der in Schiffstransporten erfahrene Spediteur, der den gebraucht gekauften Mast aus Kiel gebracht hatte.
Und dann hat sich da noch die Möglichkeit zu einem Kunstprojekt in Lübeck ergeben. Denn, nachdem die beiden Brüder das Schiff eingesegelt haben, ist die Anemoi ab August Kulturschiff und schippert zweimal drei Wochen in der Ostsee herum. Neben dem Skipper Axel sind dann jeweils drei weitere Künstler an Bord (Thomas Putze, Uscha Urbainski, Andreas Welzenbach sowie in der zweiten Runde Susanne von Bülow, Ruppe Koselleck, Franz Müller) und verwirklichen und zeigen dort Kunstprojekte. Als Attraktion ankert das Schiff dann an verschiedenen Ostseehäfen und die Kunstprojekte werden vorgestellt. Für die Realisierung hat Axel Brandt auch Unterstützung von der Stiftung Kunstfonds/Neustart Kultur und der Possehl-Stiftung im Rahmen der Aktion „Kulturfunke“bekommen. Insgesamt, so überschlagen die Brandt-Brüder, haben sie um die 120.000 Euro in das Schiffprojekt investiert, die Hälfte davon in den letzten drei Jahren.
Die komplette Welt besegeln die Brüder nach dem Kunstprojekt in der Ostsee noch nicht. Aber über den „Großen Teich“ soll es schon gehen. Axel hat New York im Blick, da wüsste er eine Adresse, oder er will das Kultursegeln, wie jetzt beim Kunstprojekt, erst einmal weiter etablieren.
In jedem Fall wird dabei dann die kleine Deutschlandfahne am runden Heck im Wind flattern – so wie beim Herausfahren aus der Scheunenwerft in Waltenhausen.