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Landkreis Günzburg

07.02.2018

Warum wir uns selbst fotografieren

Das übliche Szenario: Man ist mit Freunden unterwegs, will den Moment festhalten und es ist niemand in Sicht, dem man das Handy in die Hand drücken könnte. Also fotografieren wir uns selbst. Dank Smartphone und Frontkamera ist das heute kein Problem mehr. Der ausgestreckte Selfie-Arm ist längst Alltag.
Bild: Bernhard Weizenegger

Selfies sind ein Massenphänomen, vor allem bei Jugendlichen. Doch machen sie Spaß oder süchtig? Was eine Psychotherapeutin über die moderne Form des Selbstporträts denkt.

Jeder kennt es, jeder beobachtet es und fast jeder macht es: ein Selfie. Man sieht sie überall, die Menschen, die ihr Handy in die Luft halten und es angrinsen. Die Smartphone-Generation hat vielen Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen ermöglicht, was vorher nicht so einfach möglich war: Ein Foto von sich selbst zu schießen – mit der Garantie, dass man auf dem Bild auch wirklich zu sehen ist. Wer hat nicht schon einmal probiert, die Kamera herumzudrehen und ein Foto von sich zu machen? Klar, dass das nicht gut funktioniert hat.

Doch warum schießen wir Selfies? Reicht der Blick in den Spiegel nicht aus? Worum geht es dabei wirklich? Nicole Nagel ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit einer eigenen Praxis in Günzburg. Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem auf Störungen des Sozialverhaltens und Aufmerksamkeitsproblemen. Doch wer viele Selfies schießt, hat Nagel zufolge noch lange kein Problem.

„Ein Bild von sich zu machen, die Idee mich darzustellen, das gab es schon immer“, sagt sie. Man denke zum Beispiel an die Höhlenmalerei oder den Maler Rembrandt, der bekannt sei für seine unzähligen Selbstporträts. Jetzt hätten wir halt andere Medien. Nagel denkt: „Es hat sich eher die Technik verändert, als das Bedürfnis.“

Vielleicht habe das Bild heute auch einen anderen Stellenwert, sei bei jungen Leuten eher eine Form der Kommunikation. Statt sich zu erzählen, was sie gerade machen, schicken sie sich eben ein Bild, nach dem Motto: „Ich bin in der Schule, im Fitnessstudio, beim Gassigehen – was machst du so?“ Es gehe nicht jedes Mal darum, zu zeigen: „Ich bin der Tollste“, mutmaßt Nagel.

Es gehe aber durchaus darum, unmittelbar eine Reaktion zu erhalten. Auch die Bestätigung spiele mit rein. Anerkannt zu werden, dazuzugehören, „ist auch ein normales menschliches Bedürfnis.“ Früher habe man sich das halt in der Kneipe geholt. Und „ein bisschen Selbstoptimierung“ sei natürlich dabei, wenn man aus 100 geschossenen Bildern das beste auswähle.

Die Frontkamera in den neueren Smartphones macht es möglich, das Bild erst zu sehen, bevor es entsteht. Man hat die Möglichkeit, sein Gesicht genau in die optimale Position zu bringen, um ein – hoffentlich – schönes Selfie zu erzeugen. Sind wir etwa selbstverliebt?

Laut Nagel sind wir es nicht: „Wenn jemand wirklich narzisstisch veranlagt ist, dann wird er auch ganz viele Selfies posten.“ Aber umgekehrt gelte: „Nicht jeder, der viele Selfies mache, ist gleich Narzisst.“ Sie sieht Selfies als Zeitphänomen. Solche Entwicklungen könne man nicht aufhalten. Und sie stellt auch klar: „Zu mir ist noch nie jemand gekommen, weil er zu viele Selfies schießt.“

Ein Blick in die sozialen Medien zeigt: Besonders viele Selfies werden im Urlaub oder auf Ausflügen geschossen. Denn was bringt ein Bild vom Eiffelturm, wenn nur der Eiffelturm zu sehen ist? Viel cooler ist doch, wenn man sein Gesicht daneben sieht und daheim mit Stolz beweisen kann, dass man dort war. Doch auch hier steht im Normalfall die Kommunikation und der Spaß im Vordergrund. Und ein bisschen die Bestätigung. Doch ungesund wird es laut Nicole Nagel erst, „wenn der gesamte Selbstwert davon abhängt. Wenn, ob es mir gut geht, davon abhängt, wie viele Likes ich bekomme.“

Das Phänomen des Selfies hat sich schnell ausgeweitet. Schon lange macht man Selfies nicht nur von sich selbst, sondern mit der besten Freundin, den Kumpels, der ganzen Clique oder mittlerweile sogar einer ganzen Party. Dem Selfie-Stick – und seit Neuem der Selfie-Drohne – sei Dank. Fotos bei jeder Gelegenheit, zu jeder Zeit. Der Vorteil liegt auf der Hand: Ich kann alles sofort in diesem Moment festhalten. „Es gibt diese Kultur, es gleich zu teilen“ im Medienzeitalter, sagt Nagel dazu. Die Psychotherapeutin sagt aber auch, dass deswegen nicht gleich eine ganze Generation oberflächlich ticke. „Die Jugendlichen haben heute auch noch einen Kopf und können denken.“ Sie erlebe Jugendliche durchaus kritisch: „Sie übernehmen nicht alles ungefiltert.“

Ein Problem sei es grundsätzlich immer dann, wenn etwas zu viel werde. Das sei die normale Suchtdefinition. Und hat primär erst einmal nichts mit Selfies zu tun. Nutzen Jugendliche ihr Smartphone zu viel, könnten Eltern es mit festen Absprachen wie medienfreier Essenszeit probieren. Oder generell handyfreie Zeiten einführen. „Die Aufgabe der Eltern ist, dass die Kinder einen guten, sinnvollen Umgang finden mit den Medien“, fasst Nicole Nagel zusammen.

Ganz neu ist übrigens das „Bothie“, bei dem das Smartphone eine Funktion hat, mit der es zwei Teilnehmer von zwei Perspektiven aus auf ein Bild bringen kann. Das heißt, dass die Front- und Rückkamera gleichzeitig benutzt werden. So kann man beispielsweise gleichzeitig sich selbst und sein Gegenüber fotografieren und bekommt beides in einem Bild angezeigt. Die Idee stammt von Nokia. Ein Ende des Selfie-Phänomens ist damit wohl erst einmal nicht in Sicht.

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