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Ziemetshausen/London

05.11.2017

Wie schwierig es sein kann, Quark zu kaufen

Petra Nelhübel ist in London beim Fest des Lichts dabei, das die hinduistische Gemeinde auf dem Trafalgar Square feiert.
Bild: Sammlung Nelhübel

Petra Nelhübel ist für ein halbes Jahr als Au-pair-Oma in London. Wie aus dem „Landei“ aus Ziemetshausen eine Stadtbewohnerin wurde.

Zurzeit führe ich ein Nomadenleben. Eine Straßenstreunerin, eine Pflastertreterin bin ich; schlafe mal hier und mal dort. Aber keine Sorge, meine Familie hat mich nicht rausgeschmissen. Ich muss nicht unter Brücken schlafen. Es ist nur so, dass meine Au-pair-Familie in ihren lange geplanten Urlaub geflogen ist. Ich hüte derweil Haus und Katze.

Und weil das nicht tagesfüllend ist, und weil ich im Leben noch nie alleine gewohnt habe, bin ich froh, wenn ich zwischendurch bei Bettina in ihrer Wohnung nahe Trafalgar Square schlafen kann. Kein Messer unterm Kopfkissen (ein stumpfes, ich will mich ja nicht selbst verletzen), kein Bettzeug vor den tröstlichen Fernseher schleppen, einfach nur mich vom Großstadtlärm in den Schlaf lullen lassen. Bettina ist Ärztin, kommt ursprünglich aus Heilbronn, lebt schon über 20 Jahre hier und überlegt, wie so viele gerade, ob die Stadt nach abgeschlossenen Brexitverhandlungen wirklich noch so lebenswert sein wird.

Ich aber kann London so richtig genießen. Ich laufe durch St. James´s Park, wo einem die Eichhörnchen aus der Hand fressen, wo würdevolle Pensionäre ihre Gattinnen und orthodoxe Juden ihre Kinderschar spazieren führen. Ich weiß inzwischen, wie man von dort zu Fuß über Piccadilly und Leicester Square, vorbei an Admiral Nelson bei Trafalgar Square, ans Themse-Ufer kommt. Ich weiß, welche U-Bahn Stationen saubere Klos haben und wo man, bei Misstrauen gegenüber dem altersschwachen Lift, 194 Treppen nehmen muss, um wieder ans Tageslicht zu kommen.

Und ich treffe Menschen. Die bildschöne Irakerin, die schon seit 30 Jahren in London lebt. Sie muss weinen, als sie von ihrer Mutter spricht, die sie sich nicht zu besuchen wagt in ihrer alten Heimat. Die noble, ältere Lady, die sich, trotz edler Garderobe, mit mir auf die taubendreckverseuchten Treppen bei der Eros–Statue setzt und von ihren vielen Reisen erzählt. In Portobello Road den Mann aus Nigeria, der strahlend ein paar Brocken Deutsch ins Gespräch einflicht, als er bemerkt woher ich komme. Den sturzbetrunkenen Iren, der mir mit großer Ernsthaftigkeit ein selbstersonnenes Gedicht vorträgt.

Ich lasse mich treiben und erkunde die Stadt zu Fuß. Wenn meine Au-pair-Familie wieder kommt, werde ich mich ganz neu an einen strukturierten Tagesablauf gewöhnen müssen. Frühstück vorbereiten für zwei Teenager, deren Tag strikt durchgetaktet ist. Um kurz nach sieben verlassen sie das Haus, um erst nachmittags zwischen vier und fünf Uhr wieder heimzukommen.

Die Deutsche Schule London funktioniert dabei mit einer Mischung aus deutschem und britischem Schulsystem. Das heißt, es findet auch nachmittags ganz regulärer Unterricht statt. Ganz wie in Deutschland gibt es jedoch noch zusätzlich Hausaufgaben. Die müssen zu Hause noch schnell erledigt werden, bevor zweimal in der Woche um halb sechs der Nachhilfelehrer erscheint und für 60 bis 90 Minuten noch einmal den Unterrichtsstoff wiederholt. Geige und Klavier muss auch noch geübt werden und dann ist auch schon Zeit für´s Abendessen. Dass einmal alle gemütlich um den Fernseher sitzen, hab ich hier noch nie erlebt.

Für die Hausaufgaben und für das Abendessen bin eigentlich ich wieder zuständig. Aber, wie wahrscheinlich überall auf der Welt, lassen sich auch hier pubertierende Teenager nicht mehr gerne auf Hilfsangebote seitens der Erwachsenen ein. Auch die Mahnungen, doch bitte endlich das Handy beiseitezulegen, werden gerne und großzügig überhört. Dafür mögen sie mein Essen. Und dafür wiederum mag ich sie.

Es ist nicht ganz einfach, das, was ich mir vorgenommen habe, auch auf den Tisch zu bringen. Erste Herausforderung: einen Hefeteig für Pizza herstellen. Nur, wie soll das gehen, wenn jedes normale Mehl bereits mit Backpulver versetzt ist? Erstaunte Gesichter bei den pakistanischen Angestellten von Sainsburys. Für was sollte man ein Mehl ohne Treibmittel brauchen? Auf meine Erklärung hin, bietet man mir fertigen, tiefgekühlten Pizzateig und eine Backmischung im Karton an. Aber ich will ihn doch selber machen, „from scratch“ sozusagen.

Befremdete und ehrfürchtige Blicke für die deutsche Küchenmagierin, bevor man mir aus dem untersten Regal eine Art Brotbackmehl hervorkramt und in beinahe feierlicher Prozession zur Kasse trägt. Kein Witz. Wirklich so passiert.

Und dann wollte ich auch noch Käsekuchen backen. Mit Quark. „Quack?! Like from a duck?“ Von einer Ente? Da konnten sie mir wirklich nicht mehr weiter helfen. Auch nicht im weiter entfernten SPAR Supermarkt. Ganz mit deutschem Logo, in einer ehemaligen Tankstelle untergebracht, zeigte mir der Inhaber sein breites Angebot an Frischfleisch. Alles halal. Vielleicht war Ente mit dabei. Aber eben kein Quark. Erst bei Morrisons, dem Riesensupermarkt mit ganzen Regalmetern voll ostasiatischem und afrikanischem Lebensmittelangebot gab es im Exoteneck des Kühlregals auch Quark. Mein Kuchen war gerettet. Nicht auszudenken was passiert, wenn ich meiner Familie nächste Woche Semmelknödel servieren will und dafür nach zwei Tage alten geschnittenen Semmeln fragen muss. Bis dahin darf ich aber noch ein paar Tage Pflaster treten und mich durch diese wunderbare Stadt treiben lassen. Ist ja erst Halbzeit.

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