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NS-Geschichte

04.06.2018

Als die deutschen Museen ihre Speicher füllten

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Münchnes Stadtmuseum am Jakobsplatz im Jahr 1936, als es noch Historisches Museum der Stadt München hieß.
Bild: Stadtmuseum München

Unter den Nazis haben Kunstsammlungen die Not jüdischer Mitbürger kräftig ausgenutzt. Wie das geschah, zeigt Münchens Stadtmuseum in einer beispielhaften Schau.

Ein fein besticktes Taufkleidchen liegt da in der Vitrine. Daneben eine Riegelhaube für eine Puppe, eine Küchengabel und ein Schaumlöffel aus dem 17. Jahrhundert. Nichts Spektakuläres, auf das Kunsthändler sofort mit Schnappatmung reagieren. Aber schöne kleine Gegenstände, die bei genauer Betrachtung ebenso unfassbare Geschichten erzählen wie Gustav Klimts „Frau in Gold“, die 2006 nach einem beispiellosen Restitutionskampf an die rechtmäßige Erbin ging und schließlich bei Christie’s 135 Millionen Dollar einbrachte.

Solche berühmten Gemälde stehen im öffentlichen Fokus, während ein beachtlicher Teil der in der NS-Zeit enteigneten oder „angekauften“ Objekte in Museen und Privatsammlungen dümpelt und bis heute oft nicht zugeordnet werden kann. Außer es tut sich zwischendurch wieder ein Stahlschrank mit alten Unterlagen auf, wie das 2013 im Münchner Auktionshaus Neumeister (ehemals Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller) geschah.

Die zusätzlichen Vermerke in den Katalogen gaben Aufschluss darüber, dass der Münchner Museumsdirektor Konrad Schießl im Dezember 1937 wie ein Wahnsinniger eingekauft haben muss – unter anderem das genannte Taufzeug. Viel wichtiger aber sind die ebenso aufgeführten Einlieferer der Objekte: Reihenweise steht da „Siegfried und Walter Lämmle, Kunsthandlung und Antiquitäten“. Für die Provenienzforscher und erst recht für die Erben der Lämmles ein Glücksfall. Die Weinmüller-Notizen beweisen allerdings auch, dass die Ankaufspolitik des ehemaligen Historischen und heutigen Stadtmuseums noch um einiges perfider war, als bis dahin angenommen. Auch das zeigt diese erste umfassende Ausstellung eines Münchner Museums zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit während der NS-Zeit.

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München war der braune Musterknabe

Die Zahlen sagen schon viel: 20.000 Objekte sind zwischen 1933 und 1945 durch Ankauf, Tausch oder Schenkung ans Haus gekommen, wesentlich mehr als vor und nach der NS-Zeit. Auffallend sind die Zugänge zwischen 1935 und 1938, allein 1937 werden 5000 Objekte verzeichnet. Damit verläuft diese Entwicklung parallel zu den Verschärfungen der antisemitischen Ausgrenzungs- und Verfolgungspolitik des NS-Regimes, was kaum überrascht. Überhaupt gab München wieder einmal den braunen Musterknaben: Nur zwei Monate nach der Machtergreifung Hitlers verbot Oberbürgermeister Karl Fiehler der Stadtverwaltung jegliche Geschäftsbeziehungen mit Juden. Und deutlich vor der „Arisierung“ jüdischer Geschäfte ab 1937 „säuberten“ die Nazis den Münchner Kunstmarkt.

Gierige Museumsleute wie Konrad Schießl hatten damit leichtes Spiel. Schon lange war der Herr Direktor in schöner Regelmäßigkeit im Almeida Palais an der Brienner Straße am Feilschen. Kostbare Zeichnungen aus dem frühen Barock wollte er von Siegfried Lämmle haben, darunter rare Skizzen aus der Werkstatt von Hans Krumper. In der Not des jüdischen Verkäufers ließ sich dann der Preis von 15000 auf lausige 6000 Reichsmark drücken. Und Schießl sollte noch ein paar Mal zuschlagen beim einst so hoch angesehenen Kunsthändler aus dem oberschwäbischen Laupheim, dessen Einschätzungen in der Museumsszene immer gefragt waren. Wahrscheinlich hatte der mittlerweile 74-Jährige auch deshalb so lange gezögert, zu seinem Bruder, dem Hollywood-Pionier Carl Laemmle, in die USA zu emigrieren.

Dabei sprechen die demütigenden Einträge im Inventarbuch des Stadtmuseums für sich. Der Provenienzforscherin Vanessa Voigt fielen die paar Reichsmark sofort auf, die hinter den weiteren 122 Ankäufen von Aquarellen, Gemälden oder der eingangs erwähnten Puppenhaube vermerkt sind. Und wenn sich diese abstrakten Beträge seit 2013 mit einem Namen verbinden lassen und in der Ausstellung nun das Schicksal einer Familie erzählt werden kann, dann rückt einem dieses Stück Geschichte plötzlich sehr nahe.

Opfer waren auch die Rothschilds und die Bernheimers

So wie die anderen vielsagenden Beispiele. Neben den Lämmles sind das etwa die Brüder Otto und Joseph Rothschild mit ihrem Putz- und Hutgeschäft, der Sammler Albert Hackelsberger (ein katholischer Zentrumspolitiker, der bei den Nazis in Ungnade fiel) oder die Bernheimers, die 1882 zu Königlich-Bayerischen Hoflieferanten avancierten und um die Jahrhundertwende am Lenbachplatz das wohl größte Kunsthaus der Welt führten.

Der Fall Lämmle konnte 2016 abgeschlossen werden, zumindest im Münchner Stadtmuseum, und er gehört bislang zu den Ausnahmen. Von den 2600 problematischen Objekten sind gerade mal 450 geklärt, die Situation an den meisten anderen Häusern ist keineswegs besser. Doch wen wundert’s? Erst wurden die alten Direktoren wieder eingesetzt: Im Stadtmuseum konnte Schießl neun Jahre lang bis 1954 sein einstiges Wirken vertuschen, gleich im Anschluss und bis 1968 dessen früherer Assistent Max Heiß. Danach rührte sowieso niemand mehr an den alten Beständen und Akten, das hat das Dickicht beträchtlich anwachsen lassen. Und wie überall dürfen sich jetzt ein paar hoffnungslos überforderte Provenienzforscher daran abschuften.

„Ehem. Jüdischer Besitz“: Die Ausstellung läuft bis 23. September im Münchner Stadtmuseum, Di bis So 10 bis 18 Uhr. Katalog (Hirmer) 34,90 €.

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