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Ausstellung
14.06.2021

Kunsthaus Kaufbeuren: Hier zeigt sich die ganze Macht der Farbe

Das Kunsthaus Kaufbeuren kombiniert derzeit Malerie von Rupprecht Geiger und Shannon Finley.
Foto: Mathias Wild

Mit Rupprecht Geiger und Shannon Finley treffen zwei Generationen der Konkreten Kunst aufeinander. Die Schau zeigt, warum dieses Genre ein Dauerbrenner der Moderne ist.

„Und sie bewegt sich doch!“, möchte man mit Galileo Galilei sagen, wenn man vor dem Werk mit der Nummer 666/73 von Rupprecht Geiger steht. Hinter dieser für den Grandseigneur der Konkreten Kunst typischen sachlichen Bezeichnung verbirgt sich ein ovaler Feuerball, vielleicht eine Sonne. In jedem Fall ein ungemein farbintensives Gemälde, dessen sorgfältig angelegte orange-gelbe und pinke Schattierungen eine tiefe räumliche Wirkung erzielen. Mehr noch, beim längeren Betrachten scheint das Oval sich tatsächlich zu verändern, zu pulsieren.

"Licht – Farbe – Raum" heißt die Ausstellung zu Shannon Finley und Rupprecht Geiger

Während sich der 2009 im Alter von über 100 Jahren verstorbene Geiger wohl über das Lob für die Gestaltung seiner Farbflächen gefreut hätte, wäre ihm die gegenständliche Assoziation ziemlich sicher sauer aufgestoßen. Denn zeit seines Lebens hat er daran gearbeitet, die Farbe komplett vom Gegenstand zu lösen und als eigenen künstlerischen Wert, als unabhängige geistige Sphäre zu emanzipieren.

Einer, der diese strikte Form der abstrakten Malerei fortführt – wenn auch mit eigenen Prinzipien und Mitteln –, ist der 1974 in Kanada geborene und inzwischen in Berlin tätige Shannon Finley. Das Kunsthaus Kaufbeuren hat nun eine Vielzahl von Werken beider Künstler unter dem Titel „Licht – Farbe – Raum“ dialogisch zu einer Ausstellung zusammengestellt. Sie schildert dieses Prinzip der Farb-Fokussierung aufschlussreich und sinnenfroh von der Nachkriegszeit bis zur unmittelbaren Gegenwart.

Rupprecht Geigers Acrylbild „666/73“.
Foto: M.Wild; Courtesy Galerie Walter Storms

Für alle, die Wert auf eine chronologische Annäherung an die Konkrete Kunst legen, haben die Kuratoren, Kunsthaus-Direktor Jan T. Wilms und sein Mitarbeiter Johannes Peter, im zweiten Obergeschoss der Ausstellungshalle dem frühen Rupprecht Geiger viel Raum eingeräumt. Man mag es kaum glauben, aber seine in Neontönen leuchtenden Farbfelder späterer Zeiten haben ihren Ursprung in schwarz-weißen Grafit-Zeichnungen, die in Kaufbeuren teilweise zum ersten Mal gezeigt werden. Unter anderem zwei Beispiele aus dem Jahr 1949 („Z 10“ und „Z 12“) lassen in ihren Helldunkel-Schattierungen durchaus noch Gegenständliches und Motive der Landschaftsmalerei sowie der Architektur erkennen, der sich der Autodidakt noch während des Zweiten Weltkriegs gewidmet hat.

Rupprecht Geiger und die Entdeckung der Farbspritzpistole

Doch schon wenig später kommt zur Abstraktion das Experimentieren mit dem Eigenwert der Farbe. Siebdrucke der 1960er Jahre loten die Wirkung von Blau aus, später wird immer mehr Rot dominierend. Dazu die Neonfarben, die Geiger kurz nach ihrer Entdeckung sogleich begeistert für seine Werke nutzt. Für einen exakten, homogenen Farbauftrag ohne Pinselstriche und sonstige subjektive Bearbeitungsspuren greift Geiger zudem vermehrt zu einer weiteren Innovation seiner Zeit, der Druckluft-Farbspritzpistole. Eine solche hat er auch für sein bereits erwähntes Werk 666/73 verwendet.

Shannon Finley: ohne Titel (2020, Ausschnitt).
Foto: Mathias Wild; Courtesy Galerie Walter Storms

Aber auch das Oval und andere „unperfekte“ geometrische Formen, die seine Gemälde dominieren, sollen die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz und gar auf die Farbgestaltung lenken. Sogar seine klar erkennbaren „Metaphern-Zahlen“ (2006) stehen letztlich nicht als eigenständige Symbole und Zeichen, sondern dienen vor allem der Gliederung der umgebenden Farbflächen.

Bei vielen Werken von Shannon Finley blitzt eine gewisse Videospiel-Ästhetik durch

Auch Shannon Finley nutzt für seine Bilder die technischen Innovationen seiner Generation. Da ist zum einen natürlich der Computer, der ihn – zumindest in den frühen Werken – bei der Konstruktion der komplexen geometrischen, oft auch symmetrischen Strukturen unterstützt. Es ist auch eine gewisse Videospiel-Ästhetik, die bei etlichen seiner im Kunsthaus gezeigten Gemälde durchblitzt. Frappierend aber ist vor allem seine Technik, bei der er – oft in einem monatelangen Arbeitsprozess – immer wieder klar abgegrenzte Bildbereiche dick mit Acrylpaste bestreicht. Die mächtigen Farbnasen an den Rändern der Leinwände verraten den enormen Materialeinsatz, der nicht ohne Wirkung bleibt. Das großformatige „Guardian“ (2018) etwa hinterlässt einen überwältigenden Eindruck, der sich wie bei einem gotischen Kirchenfenster durch Blickwinkel und Lichteinfall stets verändert. Die vielen Flächen, die die drei Spiralen in einem Werk ohne Titel von 2015 bilden, schillern dagegen weniger durch die gewählten Farbtöne, sondern vor allem durch ihre Tiefe und ihren perlmuttartigen Glanz.

Im direkten Vergleich zu Finley wirken Geigers Arbeiten deutlich puristischer und auch radikaler. Aber gemein ist ihnen das virtuose Ausloten der Möglichkeiten, die die vom Gegenständlichen befreite Farbe bietet. Die gelungene Gegenüberstellung im Kunsthaus zeigt auch: Die Konkrete Kunst ist ein Dauerbrenner der Moderne – aber sie bewegt sich doch.

Ausstellung Bis 31. Oktober im Kunsthaus Kaufbeuren, geöffnet dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr.

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