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Literatur

07.10.2019

Axel Hackes Lebensweisheiten

Bild: Arno Burgi, dpa

Einer der beliebtesten deutschen Autoren über die Sinnfrage im Angesicht der Sterblichkeit – fast ein Fiasko.

„Sollte es nicht, das will ich sagen, ein paar Leute im Leben jedes Menschen geben, um die er sich bemüht hat, denen er mit seinem Interesse zu Leibe gerückt ist und die er versucht hat, zu verstehen? Wahrscheinlich kann man das nicht bei sehr vielen tun, wenn man sich nicht überfordern will. Aber bei einigen müsste man es versuchen. Man muss es es versuchen, wissen Sie. Weil, wenn man es nicht getan hat … Man ist dann irgendwie nicht dahin vorgedrungen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ich sag’s mal mit so großen Worten, kleinere finde ich gerade nicht.“

So klingt der neue Axel Hacke. Typisch, oder? Weil es bei ihm doch immer ums Menschsein geht. Ob nun mit legendärem Charme in seiner Alltagsbetrachtungen – das hat ihn etwa mit dem „kleinen Erziehungsberater“ zum Star-Kolumnisten und dann zum Bestseller-Autor gemacht; ob gespiegelt in modernen Märchen wie „Der kleine König Dezember“; oder kommentierend wie zuletzt im Essay „Über Anstand in schwierigen Zeiten …“: Der 63-jährige Münchner Journalist und vierfache Vater ist zum Lieblingsgefährten der Deutschen geworden, wenn es um konkrete, erzählerische Lebensweisheit geht.

Der neue Hacke ist untypisch

Aber gerade darum ist der neue Hacke nun untypisch. Die beiden Titelteile zeigen das bereits an: „Wozu wir da sind“ – ein klassisch philosophisches Motto als Aussage, ohne spielerische Abwandlung; und im Untertitel „Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“ – eine fiktive Ich-Figur, ein Roman also. Tatsächlich ist es ein über 200 Seiten langer Monolog jener Titelfigur über alles und sich selbst, mit der roten Linie der Frage nach dem Lebenssinn angesichts der Sterblichkeit, denn Wemut verfasst von Beruf aus Nachrufe in der Tageszeitung.

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„Worum geht es mir bei meiner Arbeit? Ich sage mal so: Es geht um das Verstehen, um den Versuch zu begreifen, wie Menschen gewesen sind, warum sie so gewesen sind und was es für uns andere bedeutet, dass sie so gewesen sind. Es geht darum, das eigene Leben und das der anderen nicht einfach hinzunehmen und, wie soll ich sagen?, zu absolvieren, sondern es immer neu zu betrachten, zu bestaunen, zu bewundern: wie Menschen sich durchschlagen, durchkämpfen, durchackern, welche Ideen sie, vom Leben herausgefordert, entwickelt haben, wie sie sich dem Leben gestellt haben – und dem Tod. In jedem einzelnen Fall.“

Eine Fingerpuppe, durch die der Autor spricht

Der Name ein Wortwitz, die Hauptfigur in der Literaturgeschichte alles andere als neu und zudem Journalist, 61 Jahre und damit ein Abbild ihres Schöpfers zur Zeit der Niederschrift – aber jener wiederum im großen Thema abseits seiner bewährt charmanten Welterschließung: Das lässt schon nichts Gutes ahnen. Und dann kommen bald noch zwei Erschütterungen hinzu: Zum einen entwickelt Walter Wemut so wenig Eigenleben, dass er eine Fingerpuppe bleibt, durch die der Autor zu sprechen scheint – wer hätte gedacht, dass man Axel Hacke je in die Nähe eines Paulo Coelho rücken müsste? Und zum anderen gerät dem Autor der Monolog oft so fern einer tatsächlich glaubwürdigen Rede, dass er den Eindruck immer wieder durch angehängte Phrasen herzustellen versucht wie „ …nicht wahr?“ oder „ …verstehen Sie?“.

Und schließlich fallen dann auch noch die Antworten auf die großen Frage nach dem Lebenssinn (den gibt es nicht, den wir uns nämlich geben müssen, ja ha!) und dem gelungenen Leben auf Kalenderspruch-Niveau aus: „Genieße im Leben, was du hast und bekommst, versöhne dich mit dem, was du nicht bekommen kannst …“ Unfassbar!

Der erzählerisch konkrete Lebensweisheits-Charme

Warum das Buch trotzdem kein völliges Fiasko ist? Weil es von Axel Hacke geschrieben ist. Und der entfaltet inmitten all des Enttäuschenden eben doch wieder seinen erzählerisch konkreten Lebensweisheits-Charme. Weil er seinen schwadronierenden Walter Wemut immer wieder mit Hacke’schem Witz und Sinn gesammelte Lebensgeschichten erzählen lässt. Es geht um den seit 35 Jahren vertrauten Friseur mit Migrationshintergrund, um den Typenwechsel verschiedener Besitzer des Zeitungsladens, von denen einer wiederum kleine, bizarre Meldungen sammelt.

Es geht um einen Mann, der in einem Müllberg nach seinem Lottoschein sucht, weil der, versehentlich weggeworfen, ihm nun einen 10-Millionen-Gewinn beschert hätte. Es geht um das innere Leuchten eines Schwertschluckers, aber auch das Brennen der Scham, das viel fataler ist als das Scheitern selbst, um Sätze kluger Denker, Songtexte, um die Risse, die Lebensentwürfe bekommen und durch die wir erst kenntlich werden …

Schicksalhafte Kausalketten

Und ja, das versöhnt dann schon fast wieder. Aber es geht halt auch um einen alten Bekannten, dem das Leben nicht gut mitgespielt hat und der nun seinen Frust in Hass verwandelt, zum Rassisten, zum Reichsbürger wird; um einen anderen alten Bekannten, der zum Hochstapler und zum Schatten wird, weil er aus ursprünglich reichem Haus nie den Unterschied zwischen Spiel und Leben gelernt hat – und also um schicksalhafte Kausalketten, aus denen wir uns nur durch gegenseitige Hinwendung lösen können. Amen.

„Notieren Sie Sie sich folgende Stichwörter: „Staunen, Respekt, Zärtlichkeit.“ Gewiss Paulo Coelho, äh, Walter Wemut, äh – Axel Hacke? Echt jetzt?

Axel Hacke: Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben. Kunstmann, 240 S., 20 Euro

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