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01.07.2010

Bachmann-Preisträger: Zu wenig Chancen für Querdenker

Bachmann-Preisträger: Zu wenig Chancen für Querdenker
Bild: DPA

Berlin (dpa) - Der neue Ingeborg-Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek sieht im deutschen Literaturbetrieb zu wenig Chancen für Querdenker und ungewöhnliche Lebenswege.

"Ein Namenloser, der nicht die allgemeinen Spielregeln einhält, hat bei uns keine Chance", sagte der gebürtige Rostocker in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Am Buffet will jeder reichhaltig bedient werden, aber wenn es um die Literatur geht, wollen alle plötzlich nur eine Gulaschkanone."

Wawerzinek (55), der in seinem Buch "Rabenliebe" das frühe Verlassenwerden durch seine Mutter aufarbeitet, verwies auf seine eigenen Erfahrungen. Trotz mehrerer Auszeichnungen Anfang der 90er Jahre sei es nach einer siebenjährigen Auszeit für ihn extrem schwierig gewesen, in den Literaturbetrieb zurückzukehren.

Selbst mit dem jetzt preisgekrönten Manuskript habe er für den Feinschliff am Schluss zunächst kein Arbeitsstipendium bekommen. "Wenn du so ein Buch zu Ende machst und gleichzeitig Wurst verkaufen musst auf dem Kollwitzplatz, das geht nicht zusammen."

Bachmann-Preisträger: Zu wenig Chancen für Querdenker

Auch für Autoren-Wettbewerbe wie jetzt in Klagenfurt wünscht Wawerzinek sich offenere Regeln. "Zu oft entscheiden Kritiker oder Literaturwissenschaftler, die selbst verhinderte Autoren sind, über die Qualität der Beiträge", sagte er. "Ich würde mir Jurys wünschen, die nur aus toughen Autoren bestehen. Dann gäbe es den unterschwelligen Neid nicht auf die Leute, die das schreiben, was sie beurteilen müssen."

Mit seinen 55 Jahren ist Wawerzinek der bisher älteste Preisträger der renommierten Auszeichnung. "Ich finde es witzig, dass ich diesen komischen Rekord wahrscheinlich bis zu meinem Tod halte." Besonders überrascht habe ihn die zusätzliche Ehrung mit dem Publikumspreis. "Das Thema berührt einfach viele Menschen", sagte er. "Vor allem sprechen mich viele Männer an. Dabei hätte ich gedacht, dass ich mich vor Frauen nicht retten kann."

Der Autor, mit bürgerlichem Namen Peter Runkel, war zusammen mit seiner Schwester als vierjähriges Kind von der Mutter in der DDR zurückgelassen worden, als sie in den Westen floh. In dem Buch, das am 19. August im Berliner Galiani Verlag erscheint, schildert er seine Kindheit in DDR-Kinderheimen und Adoptivfamilien - und die spätere Suche nach der Mutter, die eine fremde, kalte Frau bleibt.

"Ich bin mit diesem Thema jahrelang schwanger gegangen. Jetzt ist es in der Welt, und der Preis in Klagenfurt war so eine Art Geburtshelfer", sagte er. "Ich bin jetzt frei, auch andere Themen anzugehen. Das Fenster ist aufgemacht, und jeder kann mir ins Zimmer blicken."

Ab September will der Autor zunächst "rabenschwarze Liebeslieder" schreiben. Und bis in zwei Jahren soll sein erster Erzählband mit sieben bis neun Geschichten vorliegen, die alle auf eine gewisse Weise mit ihm selbst zu tun haben. "Ich habe mir eisern vorgenommen, dass ich jetzt ein bisschen den Clown in mir rauslasse und mich selbst auf dem Weg der Befreiung noch ein bisschen freier fühle."

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