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26.05.2018

Big Data: Mit jedem Klick verraten wir mehr von uns

Wie in einem Mosaik setzt sich aus einzelnen Datensätzen ein vollständiges Bild von uns zusammen.
Bild: Christian Imminger

Digitale Technik macht das Leben einfacher. Das gilt aber auch für das Ausspähen - mit jedem Klick verfeinern wir das Bild von uns. Ein Alltags-Protokoll.

Irgendjemand ist mir dicht auf den Fersen. Im finsteren Dunkel kann ich meinen Verfolger nicht erkennen, nicht einmal grobe Umrisse. Völlig erschöpft renne ich weiter, auch wenn meine Schritte schwerer und schwerer werden – fast so, als würde der Boden nach meinen Füßen greifen. Wie aus dem Nichts wird die Stille plötzlich von einem schrillen Pfeifen aus der Ferne durchdrungen, das zunehmend lauter wird. Ein kurzes Zucken – ich öffne die Augen. „6.30 Uhr, guten Morgen“ zeigt das Display meines Handys an.

Über meine nächtliche Fluchtszene weiß mein Telefon, das die Nacht über hinter dem Kopfkissen auf der Matratze gelegen hat, längst Bescheid. Sie schlägt sich deutlich in der Schlafanalyse nieder, die mir während des Frühstücks vorgelegt wird: Dem Kurvenverlauf nach begann die wilde Verfolgungsjagd gegen 4.30 Uhr. Diesen Einblick macht eine Gesundheits-App möglich, die meine Nachtruhe treffend als „mittelmäßig erholsam“ einstuft. Dafür musste ich der kostenlosen Anwendung den Zugriff auf den im Handy eingebauten Lagesensor gestatten, dem mein zunehmendes Herumwälzen im Bett nicht entgangen ist. Für eine vollumfängliche Diagnostik müsste ich laut App jedoch auf die kostenpflichtige Premium-Version wechseln und das Gerät mit einem Fitnessarmband koppeln, das meine Herzfrequenz und den Blutdruck registriert. Auch den Zugriff auf meine Standortdaten verlangt die App. Im Gegenzug bietet sie an, mich bei einer gesunden Lebensführung zu unterstützen, meine Schritte zu zählen und mich im Alltag an ausreichende Bewegung und ausgewogene Ernährung zu erinnern. Weil ich der App die Synchronisation mit meinen Kontakten erlaubt habe, kann ich sehen, wann meine Freunde sich zum Sport aufgerafft haben, wie weit sie gelaufen sind und wie lange sie dafür gebraucht haben. Außerdem bestehen die Zusatzoptionen, eine internetfähige Badezimmerwaage hinzuzufügen und ein Essenstagebuch zu führen.

In Serverzentren werden unglaubliche MEngen an Daten gesammelt - allein bei Google kommt täglich ein Petabyte, also über eine Million Gigabyte, hinzu.
Bild: Jonathan Nackstrand, afp

Unsere Daten werden in Serverzentren gehortet

„Informationen wie diese, die wir über uns preisgeben, werden in riesigen Serverzentren gehortet“, sagt Christian Bennefeld, der als Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Firma E-Blocker am Schutz personenbezogener Daten im Internet arbeitet. Das Geschäftsmodell der Datensammler, allen voran Google und Facebook, sind Profite durch „Target Advertising“, also zielgerichtete Werbung. „Die Idee ist es, sämtliche digitalen Informationsfetzen über uns Konsumenten zu einem immer detaillierter werdenden Mosaik zusammenzufügen“, erklärt Bennefeld. So sind Nutzer einer App, die das Lauftraining aufzeichnet, ideale Werbeziele für Sportartikelhersteller. Wer sich darüber hinaus gesund ernährt und das online mitteilt, lässt sich generell als gesundheitsbewusster Mensch kategorisieren und könnte sich dementsprechend auch für Fitness-Kochbücher, Sportgeräte oder zuckerfreie Powerriegel interessieren. Da sich hinter diesem Wissen ein erhebliches Handelskapital befindet, warnen Verbraucherschützer regelmäßig vor unseriösen Anbietern. Erst im Juni vergangenen Jahres standen diverse Fitness-Apps, smarte Uhren und Armbänder im Verdacht, im großen Stil Daten abzuführen. „In diesem Zusammenhang kommt es regelmäßig zu Abmahnungen“, erklärt die Juristin Katharina Grasel von der Verbraucherzentrale Bayern.

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Mein Schoko-Müsli enthalte ich meiner Gesundheits-App heute vor. Denn ich bin wie jeden Morgen längst damit beschäftigt, durch verschiedene Nachrichtenseiten, soziale Medien und Messenger-Dienste zu scrollen. Meine Cousine hat über Nacht ihre Urlaubsfotos per Facebook mit ihren Freunden und Bekannten geteilt. „Schöne Zeit noch“, kommentiere ich dazu. Von ihrem Urlaub habe ich vor einer Woche erfahren – per Facebook. Mit vollem Mund google ich mithilfe der Spracherkennung nach guten Angeboten für Scheibenwischerblätter und bin überrascht, dass mein Handy meine undeutliche Aussprache richtig erkennt. Gleichzeitig erhalte ich nacheinander eine Übersicht über meine Termine, die Wetterprognose, die aktuelle Verkehrslage auf den für mich relevanten Straßen und aktuelle Sonderangebote für andere Artikel, nach denen ich irgendwann einmal gesucht habe. Dass ich dabei nicht alleine bin, zeigt mir das Handy ebenfalls an: 22 meiner Freunde und Bekannten verbringen ihren Morgen auf die gleiche Weise, tauschen sich online über das Zeitgeschehen aus, teilen Musik und kündigen ihre Teilnahme an Veranstaltungen in den nächsten Tagen an.

Die Datenbanken wachsen ins Unermessliche

Durchschnittliche Nutzer produzieren auf diese Weise täglich eine Datenmenge von etwa 700 Megabyte, wie Analysten des Gartner-Instituts errechnet haben – falls man noch in den Dimensionen altmodischer Medien denken will, entspräche das dem Fassungsvermögen einer herkömmlichen CD-ROM oder mehreren hundert Aktenordnern an ausgedruckten Textseiten. Allein der Datenpool von Google wächst täglich um ein Petabyte, also über eine Million Gigabyte. Der Rechnung folgend entspräche das rund 8,4 Millionen Aktenschränken mit je 60 Ordnern voller Textseiten. Microsoft hat 2016 ein riesiges Rechenzentrum auf dem Meeresgrund angelegt. Und Facebook wickelt täglich rund vier Petabyte an neuen Daten ab, in denen die Zeitpunkte unserer Logins, unsere Likes, Kommentare und die Urlaubsfotos meiner Cousine festgehalten werden. Im Aktivitätenprotokoll, das man über die Kontoeinstellungen Facebooks herunterladen kann, lässt sich die penible Akribie einsehen, mit der jeder Klick aufgezeichnet wird. Und auch was wir außerhalb von Google und Facebook im Netz machen, erreicht die Datenriesen. „Auf den meisten Internetseiten, in den Apps und auf vernetzten Geräten sind sogenannte Tracker installiert, die im Hintergrund mitlaufen“, erklärt Bennefeld. Auf vielen Websites verfolgen seiner Aussage nach oft mehrere Dutzend Tracker unsere digitalen Schritte. Sie registrieren nicht nur unseren Besuch, sondern auch von welchem Gerät aus wir zugreifen und leiten daraus weitere Informationen ab: „Wenn Sie ein teures Iphone nutzen, dann haben Sie möglicherweise mehr Geld als jemand, der ein günstigeres Telefon besitzt“, sagt der 50-jährige Experte. So sei zum Beispiel nachweisbar, dass einige Onlineshops den Produktpreis je nach mutmaßlicher Kaufkraft und Zugriffsort des jeweiligen Interessenten ändern. „Dynamische Preisanpassung“ wird das branchenintern genannt.

Dynamische Preisanpassungen treffen alle Nutzer

Im Laufe des Tages nehme ich etwa einmal pro Stunde mein Handy in die Hand. Während der Mittagspause beantworte ich Kurznachrichten, werfe einen Blick auf meinen Kontostand, meine digitale Einkaufsliste und lese einen Artikel, den mir ein Kollege weitergeleitet hat. Einen erheblichen Teil der personenbezogenen Informationen häufen wir jedoch nicht mit Klicks an, sondern durch unsere Gewohnheiten: Wo und wie wir unsere Zeit verbringen, welche Verkehrsmittel und Wege wir nutzen oder in welchen Läden wir einkaufen. Je stärker wir uns darüber hinaus auf Apps verlassen, die uns das Navigieren, Bezahlen und die Parkplatzsuche erleichtern, uns Gutscheine für unsere Ausgaben und Preisvergleiche anbieten oder uns durch das Binden eines Krawattenknotens leiten, desto exakter wird unser digitales Phantombild. „Für die kostenfreie Verwendung aller möglichen Apps bezahlen wir indirekt, in Form unserer persönlichen Daten“, sagt Bennefeld, der vor einigen Jahren in Hamburg ein Tracking-Unternehmen aufgebaut hat. Mittlerweile ist er Geschäftsführer einer anderen selbstgegründeten Firma, die Methoden gegen das unkontrollierte Abschöpfen von Nutzerdaten erarbeitet.

Online-Bewertungen gehören zum Alltag

Im Supermarkt um die Ecke verbringen die Kunden im Schnitt 28 Minuten. Das blendet mir mein Handy ein, als ich in der Mittagspause an der Kasse warte. In einer Google-Statistik lassen sich die üblichen Stoßzeiten ablesen, auch Kommentare zu ihren Einkaufserlebnissen haben andere Leute dort hinterlassen. „Freundliches, motiviertes Personal“ schreibt ein junger Mann, der den Discounter mit vier von fünf Sternen bewertet hat. Auch ich könnte mich in die Unterhaltung einbringen und beispielsweise einen Schnappschuss oder ein Video meines Toastbrots teilen, wie es der motivierten Kassiererin entgegenfährt.

Wenige hundert Meter weiter ziehe ich erneut mein Handy aus der Tasche, diesmal an der Tankstelle. Dort lässt sich seit kurzem nämlich bequem an der Zapfsäule per App bezahlen. Noch während das Benzin in den Tank sprudelt, öffne ich das Programm, das mit einem Online-Bezahlsystem verbunden ist. Über das globale Ortungssystem GPS ermittelt die App, an welcher Tankstelle ich mich befinde – auf demselben Weg hatte das Gerät auch meinen Besuch im Supermarkt registriert. Die Software bietet auch eine Übersicht über meine bisherigen Boxenstopps, aus denen sie meinen durchschnittlichen Spritverbrauch ableitet und mir obendrein die Benzinpreise an teilnehmenden Tankstellen im Umkreis anzeigt. Bevor ich wieder einsteige und losfahre, stelle ich einen kurzen Blickkontakt mit dem Tankwart her, der durch die Glasscheibe seines Shops zu mir herübersieht. Sein bestätigendes Nicken verstehe ich als „Alles okay, du darfst wegfahren“. Getankt und bezahlt, ohne ein Wort zu sprechen.

„Daten sind das neue Öl“

Angesichts des Vermögens, über das Konzerne mit fein verästelten Informationssammlungen verfügen, müsse man von Machtpotenzial sprechen: „Daten sind im Grunde das neue Öl“, sagt Christian Bennefeld. Wie und in welchem Ausmaß mit den Daten Handel getrieben werde, sei undurchsichtig. Sogar die Datensätze verstorbener Personen sind Gegenstand der Marktanalyse, wem sie gehören ist rechtlich umstritten. Klar sei, dass sich die Öffentlichkeit durch deren mediale Durchdringung steuern lasse, der Unternehmer spricht konkret von Manipulation. „Was wir im jüngsten Skandal um Facebook und die Firma Cambridge Analytica erlebt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Bennefeld. Über die Sammel-Algorithmen könne neben der Kaufkraft des Einzelnen auch je nach Mediennutzung die politische Einstellung und die sexuelle Orientierung abgeschätzt werden – Dinge, die in die eigentlich geschützte Privat- oder gar Intimsphäre fallen. Dennoch ist es für Bennefeld nachvollziehbar, dass die Komplexität des Themas bei Verbrauchern zu Resignation führen kann. „Klar hat niemand etwas zu verbergen und sich zu entziehen ist beinahe unmöglich“, wie der Unternehmer betont. „Aber wer unsere Daten letztendlich nutzt, auch zu Zwecken abseits der Werbung, darüber können auch wir nur spekulieren.“

In unserem Alltag produzieren wir beinahe pausenlos Daten - etwa mit Fitnessarmbändern beim Sport.
Bild: Tina Krohn, dpa

Gleichzeitig machen es die Fortschritte in der Technik möglich, das Internet fast in jede Lebenssituation zu integrieren. So geht es beispielsweise auch im Auto längst sehr smart zu: Das Datennetz liefert Navigation, Verkehrsinformationen und Musik. Je mehr man hört, desto präziser kann der Dienst den Geschmack des Nutzers einschätzen und über neue Alben, Abspiellisten und Titel informieren. Und auch Autoversicherungen haben Modelle für die vernetzte Gesellschaft entwickelt: Wer seinen Fahrstil per Telemetrie-App aufzeichnen lässt, kann direkten Einfluss auf seine Beitragssätze nehmen. Besonders Fahranfänger mit hohen Einstiegsbeiträgen sollen davon profitieren können. Doch auch dabei müsse man an die bedenklichen Konsequenzen denken, warnt Bennefeld: „Auch im Gesundheitssystem ist dieses Modell bereits präsent.“ So könne man sich als gesunder Versicherungsnehmer, der seine Lebensweise über Messarmbänder und andere Geräte dokumentieren lässt, über günstigere Beiträge freuen. „Doch auch jede kleinere Erkrankung oder kurzfristige Gesundheitsschwankung bleibt auf diese Weise nicht Ihre Privatsache."

Gesundheits-Daten bleiben nicht privat

Sich gegen das Horten der Daten zu wehren sei schwer, für Privatpersonen sogar beinahe unmöglich, erklärt Bennefeld. Daran habe auch die Datenschutz-Grundverordnung, die de facto seit zwei Jahren in Kraft ist und deren Übergangsfrist lediglich abläuft, nichts geändert. Die Verbraucherzentrale in Bayern rät zu Datensparsamkeit. Wo es möglich ist, sollten Nutzer auf die Angabe privater Informationen verzichten. Sich die Datenschutzbestimmungen und App-Einstellungen genau durchzulesen, sei immer empfehlenswert, sagt die Juristin Katharina Grasel von der Verbraucherzentrale. Denn bei kostenfreien Diensten könne man grundsätzlich davon ausgehen, dass die Finanzierung über Datenhandel erfolgt. „Unternehmen haben in der Regel nichts zu verschenken, dessen sollte man sich als Verbraucher stets bewusst sein“, erklärt Grasel.

Pünktlich zum Feierabend erreichen mich neue Benachrichtigungen, während ich einen Podcast höre. Facebook teilt mir mit, dass sich ein Bekannter in einer nahegelegenen Kneipe eingefunden hat. Ein Streamingdienst informiert mich über eine neue Serie, die mir gefallen könnte. Und die Gesundheits-App empfiehlt mir ein abendliches Sportprogramm, um meinen Schlaf zu verbessern. Stattdessen esse ich eine Pizza, die mir über eine Bestellung per App zu einem extra günstigen Preis geliefert wurde. Als ich mich durch das Fernsehprogramm zappe, bleibe ich bei einer Dokumentation über Plastikmüll hängen. Dass ich sie ansehe, fließt über meinen vernetzten Fernseher ebenso in mein über Jahre hinweg aufgebautes Profil ein wie meine heutigen Unternehmungen, Mausklicks und Einkäufe. In der Sportnachrichten-App, in der ich nebenbei herumlese, werden mir neue Wischerblätter für mein Auto angeboten, zehn Prozent Preisnachlass. Erst als ich schlafen gehe, klinke ich mich aus der Welt der Daten aus – zumindest was mein aktives Handeln betrifft. Denn mein Handy verbringt die Nacht im Flugmodus hinter meinem Kopfkissen und wartet auf den morgigen Tag. Entsprechend meiner Gewohnheiten hat es den Wecker selbstständig auf 6.30 Uhr gestellt. Wie ich geschlafen habe, wird es mir beim Frühstück berichten. Was ich geträumt habe, behalte ich für mich. Denn zumindest die Inhalte meiner Träume sollten ein Geheimnis bleiben.

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