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Literatur

01.10.2020

Botho Strauß: Die Begabung, dagegen zu sein

Botho Strauß zählt zu den meistgespielten Dramatikern auf deutschsprachigen Bühnen. Auch Texte über das Theater finden sich in seinem neuen Buch „Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern“.
Bild: Rowohlt Verlag

Botho Strauß präsentiert sich als Wächter und Sprengmeister und leuchtet tief in die mythisch-religiöse Vergangenheit. Ein neuer Band versammelt kritische Prosa aus vier Jahrzehnten und endet mit neuen „Sprengseln“.

Der neue Botho Strauß ist – größtenteils – der alte. Der Autor aus der Uckermark zählt (sich) zu jenen, die immer am selben Buch schreiben, mittlerweile moderater und leiser im Ton als noch 1993, als sein kulturkritischer Einschlag namens „Anschwellender Bocksgesang“ ein überwiegend schrilles Echo zeitigte. Seinem explosiven Beitrag bescheinigte Strauß im Postskriptum 1994 einen „sprachlichen und gedanklichen Manierismus“, dem er zugute hielt, „daß die Sache nicht so glatt durch den Tag rutschte“.

Vielleicht ein Willkommensgruß des neuen Verlages

Der „Bocksgesang“ ist Teil des neuen Buchs mit kritischer Prosa, beginnend in den 80er Jahren, sortiert nach „Literatur“, „Theater“, „Bildern“ und „Zeitgeschehen“, endend in bislang ungedruckten „Sprengseln“ von 2019. Strauß ist vom Hanser Verlag zu Rowohlt gewechselt, und vielleicht ist der Band eine Art Willkommen. Der 75-Jährige rechnet sich gewiss jenen „Wächtern“ und „Sprengmeistern“ zu, von denen im Untertitel die Rede ist. Seine Signalstöße gegen eine Öffentlichkeit, „die alles beherrscht, gängelt, sich genehm macht und angleicht, verzehrt und wieder ausspeit“; seine Verlustanzeigen angesichts einer „Kommunikationsgesellschaft, die keinerlei Abweichung von der leichten oder der gebilligten Sprache mehr duldet“, zeichnen ein von Verheerungen durchsetztes Tableau.

Demgegenüber leuchtet der Autor tief in eine mythisch-(kunst)religiöse Vergangenheit, aus der er seine überzeitlichen Extrakte zieht. Das verschüttete Reservoir des Heiligen, Anfänglichen soll wieder freigelegt werden. Es gelte, so Strauß im Anschluss an den verehrten Rudolf Borchardt (1977–1945), die „wahren Reichtümer aus legendärer Tiefe, aus ruhloser Noch-nicht-Sprache“ zu gewinnen.

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Mit Strauß lassen sich viele Denker, Dichter und Maler entdecken

Das raunt geistesaristokratisch. Strauß rechnet sich den elitären Rechten und Reaktionären zu, den „Gesonderten“ mit der „Begabung, dagegen zu sein“. Das mag dogmatische Engführungen, Zwei- und Vieldeutigkeiten nach sich ziehen. Doch möglichen verdächtigen Näherungen fährt er in die Parade: „Der Rechte ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan...“

Hinter den scharfen, polemischen Diagnosen und Gegenwartssplittern formt sich eine Sehnsuchtsfigur: Das Kunstwerk möge als Gast, als willkommener Fremder in unsere Gewöhnlichkeit treten und die Wiederverzauberung stiften. Man kann mit Strauß viele Denker, Dichter und Maler (wieder)entdecken, man wird auf kaum bekannte Namen stoßen – den schottischen Maler Christopher Orr (geb. 1967), den Norweger Odd Nerdrum (geb. 1944) oder den Rembrandt-Schüler Govaert Flinck. Man sieht sich verwiesen auf Erwein von Aretin, „Rilkes Astronom“, auf Konrad Weiss und seine Prosadichtung „Die Löwin“, auf Stifters „Witiko“ und auf Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“, „eines der mächtigsten Prosawerke deutscher Sprache“.

Strauß verneigt sich vor Theatermachern und Schauspielern

Tiefe Einblicke gewährt insbesondere der Theaterblock. Strauß, vormals Dramaturg an der Berliner Schaubühne, erinnert sich in beispielhafter Genauigkeit und Einfühlung. Theater ist ihm jener Ort, „wo Fremdsein einschlägt und gefunden“ wird. Auf der Bühne „wollen wir etwas sehen, das wir im tiefsten nicht begreifen können“. Strauß verneigt sich vor Regisseuren und Freunden wie Peter Stein und Luc Bondy, vor Schauspielern wie Otto Sander und Bruno Ganz („Lieber Bruno... Autor für Dich zu sein, war die Erfüllung meines Theaterlebens“). Wir erfahren vom frühen Funkenschlag. Der Autor gedenkt der ansteckenden Kunstbegeisterung seines Gymnasiallehrers (eines Verehrers von Oskar Werner), des bezwingenden Schauspiels der jungen Jutta Lampe in Wiesbaden („Glasmenagerie“), vor allem seines Statisten-Einsatzes Mitte der 60er Jahre als Schreibgehilfe des großen Peter Lühr an den Münchner Kammerspielen („Die heilige Johanna“ von Shaw): Lührs Blick „zog mich schließlich über die Grenze: um mitzumachen am Theater“.

Der frühere „Theater heute“-Kritiker Botho Strauß flicht in seinen Band am Ende auch die Selbstkritik: „Kaum je gezwungen, tapfer und unbeugsam zu sein. Kein Erbe der moralischen Stärke, lediglich der unentwegte kritische Zeitgenosse, ein Ausbeuter der Freiheit ohne jedes Risiko.“

Das Buch: Botho Strauß: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern. Kritische Prosa. Rowohlt, 320 Seiten, 26 Euro.

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