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25.06.2009

Brecht-Tochter Hanne Hiob gestorben

Brecht-Tochter Hanne Hiob gestorben
Bild: DPA

Berlin/München (dpa) - Hanne Hiob hat als Brecht-Interpretin Theatergeschichte geschrieben. Vor allem war sie aber auch eine "politische Künstlerin" wie sie im Buche steht.

Ganz im Sinne ihres Vaters Bertolt Brecht hat sich die Schauspielerin als eine streitbare Anwältin des Friedens viel Freund und manchen Feind gemacht. "Durch ihre gesellschaftspolitischen Aktionen versuchte Hanne Hiob ihrem Vater die Treue zu halten", sagte der Leiter des Berliner Brecht-Archivs, Erdmut Wizisla, in seinem Nachruf.

Er bestätigte nun den Bericht des RBB-Kulturradios, wonach die älteste Brecht-Tochter am Dienstagabend in München im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Der Dramatiker Carl Zuckmayer meinte in seinen Erinnerungen, wenn er die Tochter auf der Bühne gesehen habe, "erschrecke ich noch immer, weil mir ist, der junge Brecht steht da oben".

Als Hiob 2005 als erste Kulturschaffende den Aachener Friedenspreis für ihr Lebenswerk "im Kampf gegen Faschismus und Rechtsradikalismus" erhielt, sagte sie: "Einen Oscar habe ich nie bekommen, eine Anerkennung der Leistungen am Theater hat nicht stattgefunden." Sie zeigte sich verwundert, "dass es doch jemanden gibt, der wenigstens mein politisches Wirken auszeichnen will". Das äußerte sich spektakulär seit den 70er Jahren, als sie mit dem nach einem berühmten antifaschistischen Brecht-Gedicht benannten "Anachronistischen Zug" durch Deutschland zog. Ihre kritische Darstellung des CSU-Politikers und Kanzlerkandidaten Franz-Josef Strauß 1980 führte dabei zu einer längeren gerichtlichen Auseinandersetzung.

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"Ich werde auch noch mit 100 auf die Barrikaden gehen", kündigte sie an ihrem 75. Geburtstag an. Für sie waren die Botschaften vor allem auch in den Gedichten ihres Vaters "heute so aktuell wie eh und je - Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, zwei brennende Probleme unserer Zeit, ob mein Vater nun 100 ist oder nicht, lassen Sie den Gefühlsmist mal weg", sagte Hiob kämpferisch wie immer 1998 als landauf und landab die Brecht-Jubiläumsfeiern zum runden Geburtstag ausbrachen. Sie ging mit den Gedichten auch in die Schulen - "die Jugend ist wichtig, bei den Alten kann man eh nichts mehr machen!" Hätten wir sie bloß nicht eingeladen, haben sich so manche Lehrer nach den kämpferischen Auftritten der Schauspielerin und "rüstigen Rebellin" damals wohl oft gedacht.

Aber das andere, die fehlende Anerkennung ihrer Bühnenleistungen, saß schon früh als Stachel tief, wenn ihr der eigene Vater die nicht gerade ermunternde Bemerkung mit auf den Weg gab: "Du bist ebenso wenig für die Bühne geeignet wie ich." Das hielt ihren 1956 in Ostberlin gestorbenen Vater aber nicht davon ab, ihr 1955 die Hauptrolle in seinem Stück "Der gute Mensch von Sezuan" zuzutrauen.

Und 1959 übernahm Hion auch die Titelrolle in der postumen Aufführung des Brecht-Stücks "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in der Regie von Gustaf Gründgens. Nach Ansicht der Kritik spielte Hiob damals die Johanna "einfach, bescheiden, fast ärmlich" und "mit einer Stimme, deren Inbrunst die Schwäche in Überzeugungskraft verwandelte, und mit Augen, deren im Mitleid brennender Glanz unvergesslich bleiben wird". Später nannten sie andere Kritiker "eine Darstellerin von fragiler Zähigkeit, herber Sensibilität und koboldhafter Komik".

1958 war Hiob in Frankfurt neben Therese Giehse, eine enge Freundin, die stumme Kattrin in "Mutter Courage und ihre Kinder". 1975 spielte Hiob auch die Teresa Carrar in der Brecht-Verfilmung "Die Gewehre der Frau Carrar". 1985 war sie "Die unwürdige Greisin" in einer Verfilmung des DDR-Fernsehens.

Die Verbindung zu ihrem Vater hat Hiob nie abbrechen lassen. So besuchte sie Brecht 1936 im dänischen Exil und 1947 in der Schweiz und etablierte sich zunehmend als Schauspielerin nach ihrer Zeit als Ballettelevin in Wien mit Engagements an verschiedenen Bühnen im deutschsprachigen Raum wie Hamburg, Zürich und München. In den frühen 50er Jahren kreuzten sich dann ihre Wege sogar öfter, als Vater und Tochter im Kalten Krieg jeweils im anderen Teil Berlins arbeiteten - Brecht am Berliner Ensemble Ost (dem Theater am Schiffbauerdamm) und Hiob am Kurfürstendamm West bei Oscar Fritz Schuh.

Brecht hatte sich von seiner ersten Frau, der Sängerin Marianne Zoff, getrennt, als seine Tochter zwei Jahre alt war. 1928 heiratete ihre Mutter, bei der sie aufwuchs, in zweiter Ehe den Schauspieler Theo Lingen (1903-1978), der Hiob nach Brechts Ausbürgerung adoptierte. In den 50er Jahren spielte Hiob am Theater am Kurfürstendamm in Berlin, später übernahm sie 1959 die Titelrolle in der von Gustaf Gründgens inszenierten Hamburger Uraufführung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", die sie 1968 auch am (Ost-) Berliner Ensemble verkörperte.

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