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Kunstprojekt

29.01.2019

„Dau“ geht an die Grenzen des Menschen

Was in Berlin aus diversen Gründen nicht zustande kam, ist nun in Paris – vorerst reduziert – zu sehen

Statt Mauer in Berlin nun Theaterlogen und ein Museum in Paris: Das an der Spree gescheiterte Kunstevent „Dau“ startete am Wochenende – noch unvollständig – an der Seine. Es führt zurück in die Stalin-Ära.

„Dau“ war der Spitzname des russischen Physik-Nobelpreisträgers Lew Landau (1908–1968), mit dessen Geschichte das Projekt vor mehr als zehn Jahren seinen Anfang nahm. Ursprünglich wollte der Initiator Ilya Khrzhanovsky einen klassischen Film über Landau drehen, doch dann entdeckte er hinter der Person nicht nur einen großen Forscher, sondern auch einen Mann, der privat extrem gelebt hat, wie Martine d’Anglejan-Chatillon, die „Dau“-Produktionsleiterin, sagt.

Wie extrem der Magnetismus-Spezialist Landau war, zeigen nun die 13 Langfilme, die Khrzhanovsky aus rund 700 Stunden Material geschnitten hat. Dafür hatte der 43-Jährige zwischen 2009 und 2011 rund 400 Menschen in einer Rekonstruktion des einst streng geheimen Instituts für Physikalische Probleme der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in der Ukraine zusammenleben lassen. Prostituierte wie Künstler, Wissenschaftler wie Neonazis. Gefilmt hat er sie Tag und Nacht.

In Berlin war das Riesenprojekt, an dem Khrzhanovsky mehr als zehn Jahre gearbeitet hat, auch an fehlenden Genehmigungen gescheitert. Dort wollte der Regisseur sogar einen 800 Meter langen, originalgetreuen Nachbau der Mauer aufstellen. In Paris findet „Dau“ seit dem Wochenende neben dem Centre Pompidou im städtischen Théâtre de la Ville statt – während das gegenüberliegende Théâtre du Châtelet, ursprünglich ebenfalls für „Dau“ vorgesehen, aus Sicherheitsgründen noch geschlossen ist.

Tabus schien es für das Projekt keine gegeben zu haben. Denn von Sexszenen, Misshandlungen, brutaler Gewalt bis zur Macht der Ekstase ist in den 13 Filmen alles dabei. Des Weiteren in realis: Rabbiner, Schamanen, Priester. Und: ein Raum namens „Sex-Kino“ mit Sadomaso-Peitschen an der Wand, Porno-Videos in den Regalen und einer aufblasbaren Puppe in einer Ecke.

Die Reise führt konkret erst einmal durch Logen und Büros des Théâtre de la Ville, die im Dekor der Sowjetunion gestaltet sind: rot gestrichene Wände, Stalin-Porträts, sowjetische Pässe, die auf Arbeitstischen liegen, Gefängnisbetten.

Im Centre Pompidou wiederum ist die Rekonstruktion des Appartements eines Wissenschaftlers zur Sowjetzeit zu sehen; auch hier geht es viel um Experimente. Und zwar nicht nur wissenschaftlicher Art, sondern auch existenzieller. Wie die Produktionschefin erklärt, beabsichtigt Khrzhanovsky, dass das Publikum die Grenzen der Freiheit, der Emotionen und der Verantwortung erlebt. Ein- und Mehrtages-Besucher sollen vorab einen psychologischen Fragebogen ausfüllen, der ihnen einen personalisierten Rundgang ermöglicht, bei dem sie sich auch mit Imamen und Psychologen austauschen, wissenschaftliche Experimente sowie Konferenzen verfolgen können. Aufgrund roher Sex- und Gewaltszenen ist der Zutritt erst ab 18 Jahren erlaubt. Das Handy ist beim Betreten des „utopischen Ortes“ abzugeben. Stattdessen ermöglicht ein „Dau-fon“ den Zugang zu einer Multimedia-Plattform.

An dem Projekt nehmen zahlreiche Künstler mit Performances teil, darunter Brian Eno, britischer Musiker und Klangkünstler. Er sei vor rund eineinhalb Jahren in „Dau“ eingestiegen, sagt er selbst. Dabei ging es ihm darum, eine Musik zu komponieren, die sich mit dem Thema Raum und Klang auseinandersetzt. Auch andere Künstler und Kulturschaffende zeigen sich von dem Projekt begeistert. Zu den Unterstützern gehören US-Theaterregisseur Peter Sellars und Performance-Künstlerin Marina Abramovic.

„Dau“ wird in Paris bis 17. Februar zu sehen sein. Danach wechselt es in die britische Hauptstadt London. dpa, Birgit Holzer, AZ

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