Newsticker
RKI meldet 18.485 Corona-Neuinfektionen, Inzidenz liegt bundesweit bei 125,7
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Debatte: Sahra Wagenknecht: Kampfansage an den Linksliberalismus

Debatte
14.04.2021

Sahra Wagenknecht: Kampfansage an den Linksliberalismus

Sieht sich als „linkskonservativ“ und will den Zusammenhalt gegen die Verheerungen des gesellschaftlichen Kapitalismus fördern: Sahra Wagenknecht, 51.
Foto: Marcel Kusch, dpa

Jetzt ist „Die Selbstgerechten“ erschienen, das heiß diskutierte Buch von Sahra Wagenknecht. Was drinsteht, sollte für viel mehr sorgen als bloß Wirbel in der Linken.

Ginge es nur um die Linke, könnte man das Gewirbel getrost für einen Sturm im politischen Wasserglas halten – die Prozente der Partei weisen ihr ja alles andere als eine staatstragende Rolle zu. Klar, die Attacke ist so prominent wie wuchtig und der Zeitpunkt perfekt gewählt. Denn gerade am Wochenende, als erste Zitate aus Sahra Wagenknechts neuem Buch die Runde machten, stand sie ja zur Wahl als eine Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl.

Aber was die in den vergangenen Jahren ohnehin immer eigenständiger gewordene Galionsfigur da mit dem an diesem Mittwoch erscheinenden Werk vorlegt, ist eine fulminante Abrechnung, die das ganze Gefüge der Gesellschaft betrifft. Ihre innere Spaltung, was das ist, links und rechts und der „Mainstream“, aber auch die äußeren Grenzen.

Das Buch heißt eindeutig „Die Selbstgerechten“ und verheißt im Untertitel gleich ein „Gegenprogramm“. Und meint wen, opponiert gegen was? Auch das eindeutig: „Lifestyle-Linke“ – und den zeitgenössischen Linksliberalismus, der etwa bei den zur Volkspartei drängenden Grünen vorherrsche, aber längst auch ihre Partei vereinnahme und tatsächlich bis zu Angela Merkel reicht. Der darüber hinaus aber das ganze Gemeinwesen aushöhle und die Konjunktur der Rechten erst ermöglicht habe.

In Anspielung auf Empörungsstürme aus jenem Lager, die immer wieder zum Bann Andersmeinender von Kulturbühnen und aus Vorlesungssälen geführt haben, schreibt Wagenknecht bereits im Vorwort: „Mit diesem Buch positioniere ich mich in einem politischen Klima, in dem ,cancel culture‘ an die Stelle fairer Auseinandersetzungen getreten ist. Ich tue das in dem Wissen, dass ich nun ebenfalls ‚gecancelt‘ werden könnte.“

Durch Wagenknechts Buch ist der Richtungsstreit programmiert

Tatsächlich haben bereits beim Parteitag manche genau das versucht, lautstark Rück- und Austritt gefordert, eine spontane Gegenkandidatur eingereicht. Aber Sahra Wagenknecht wurde doch mit 61 Prozent gewählt. Die neuen Linken-Cheffinnen zeigten sich zwar überzeugt, die Spitzenkandidatin werde sich schon nach dem von ihnen präsentierten Parteiprogramm richten – aber ohne das Buch mit dem „Gegenprogramm“ gelesen zu haben. Was Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler vielleicht besser tun sollten. Und längst nicht nur sie. Denn mit den knapp 350 Seiten und der gleichzeitigen Wahl ist nicht nur der essenzielle Richtungsstreit, den Sahra Wagenknecht offenkundig will, im Wortsinn programmiert. Die Abrechnung der promovierten Volkswirtin ist zudem eben so umfassend und fulminant, dass sie wie der Anstoß zu einer generell überfälligen Klärung wirkt.

"Lifestyle-Linke" sind ihr ein Dorn im Auge: Sahra Wagenknecht.
Foto: Britta Pedersen, dpa

Denn jener zeitgenössische Linksliberalismus, den Wagenknecht – wie dessen Verächter von rechts – mit dem „Mainstream“ assoziiert, ist für die 51-Jährige beides, was er im Label zu sein vorgibt, gerade nicht: links und liberal. Sie schreibt: „Ein wichtiger Anspruch jedes Liberalismus etwa ist Toleranz im Umgang mit anderen Meinungen. Den typisch Linksliberalen dagegen zeichnet gerade das Gegenteil aus: Äußerste Intoleranz gegenüber jedem, der seine Sicht der Dinge nicht teilt.“ Und sie schreibt: „Zum linken Selbstverständnis gehörte es immer, sich vor allem für die einzusetzen, die es schwer haben und denen die Gesellschaft höhere Bildung, Wohlstand und Aufstiegsmöglichkeiten verwehrt. Der Linksliberalismus dagegen hat eine soziale Basis in der gut situierten akademischen Mittelschicht der Großstädte.“

Beides kommt für die Autorin zusammen in einer politischen Haltung, die nur noch das eigene Klientel und das eigene Wohlbefinden bedient: „Die Selbstgerechten“ eben, diese „Lifestyle-Linken“. Kein Wunder sei jedenfalls, dass auch ihre Partei darum die verbliebenen klassischen Arbeiter verloren und das neue Dienstleistungsprekariat nicht gebunden hätte – weil deren Nöte und Sorgen gar nicht mehr im ideologischen Horizont auftauchten. Stattdessen gehe es mit moralischem Absolutheitsanspruch um Gender-Sternchen und Diversity und fürs eigene Gutmenschgefühl auf Gutelaune-Demonstrationen zur Weltrettung.

Wo niemand nach Diversität fragt

Eine der typischen Wagenknecht’schen Volten: „Da, wo eine Reinigungskolonne ihre Putzkräfte rekrutiert oder ein Lieferdienst seine Pizza-Austräger, fragt niemand nach Diversity, die dürfte in diesem Bereich ohnehin übererfüllt sein.“ Und während man sich linksliberal erhaben für offene Grenzen und gegen den Nationalstaat starkmacht, interessiert sich kaum einer linksliberal für die Ausbeutung der Zugewanderten als billige Arbeitskräfte, die zudem den Druck im Billiglohnbereich auch für die Einheimischen immer größer werden lässt.

Ja, auch die Themen, mit denen Wagenknecht schon öfter in ihrer Partei aneckte und in den Verdacht geriet, nach rechts zu schielen, lässt sie nicht aus, weil sie zum Gesamtbild gehören, um das es ihr hier geht. Und in diesem sind die Rechten tatsächlich zu den einzigen Arbeiterparteien geworden, weil die Linksliberalen sich nicht nur abgewandt hätten, sondern auch noch in überheblicher, abschätziger Weise. Jeden zum Rechten diffamierend, der von Sorgen in der Folge zu hoher Zuwanderung auch nur sprechen wollte – etwa in Schulen, in die Kinder von „Lifestyle-Linken“ ohnehin nicht gingen. So sei der nicht linke und nicht liberale Linksliberalismus eben auch kein Gegenpart, sondern die konsequente Fortsetzung des jeden Gemeinsinns zersetzenden Neo-Kapitalismus … Wagenknecht in voller Fahrt.

"Linkskonservativ" heißt das neue Schlagwort

Was sie will? Das neue Schlagwort heißt „linkskonservativ“. Also: Die klassisch linken Werte aktualisieren und sich dabei auch nicht scheuen zu sagen, dass etwa der Nationalstaat die einzig wirklich handlungsfähige Instanz in der Politik sei. Dass darum dessen Funktionieren, dessen Zusammenhalt essenziell ist. Und dass Gerechtigkeit eine Frage des Sozialen ist, gerade unabhängig von Nationalität und Geschlecht. Es ist ein wichtiger Aufschlag. Man wünscht sich eine Linke und eine Gesellschaft, die in der Lage ist, darüber offen zu sprechen.

Das Buch: Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt Campus, 345 S., 24,95 €.

Das könnte Sie auch interessieren: Zwei Bücher zur Corona-Krise - lustig und hochgeistig

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

15.04.2021

>> Man wünscht sich eine Linke und eine Gesellschaft, die in der Lage ist, darüber offen zu sprechen. <<

Das ist allein ein Defizit des linksgrünen Spektrums in Deutschland. Europäisch ist diese "Haltung" ohne jede Bedeutung und dem konservativen Spektrum liegt es schon fern, da Entwicklungshilfe zu leisten.

Für mich immer wieder bemerkenswert, dass man zu den Analysen von Frau Wagenknecht bei Gesprächen mit nur flüchtig bekannten Menschen rasch passablen Konsens herstellen kann.

Permalink
15.04.2021

Diese Frau wäre die richtige Bundeskanzlerin, auch wenn sie in der falschen Partei ist. Sie hat die letzten Jahre bewiesen, das sie ein großes Wissen und Ahnung vom Leben hat. Von Wirtschaft versteht sie auch noch genug um Kanzlerin zu werden. SIE wäre jedenfalls besser als es Merkel jemals war. Den Scherbenhaufen den Merkel hinterlässt kann aber keiner mehr beseitigen.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren