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Veit Stoß

28.01.2021

Der Münnerstädter Altar - Kunst eines Kapitalverbrechers

Der bildlich rekonstruierte Münnerstädter Altar von Tilmann Riemenschneider und Veit Stoß, einmal in geöffneter und einmal in geschlossener Ansicht.
Foto: Michael Strobel (Visualisierung) © Designposition.de

Plus In München sind jetzt wichtige Teile des berühmten von Riemenschneider und Veit Stoß geschaffenen Münnerstädter Altars zusammengeführt worden.

„Kunst & Kapitalverbrechen“ – solch ein Ausstellungstitel macht was her. Vor dem inneren Auge rollen – frei nach Ferdinand von Schirach – Strafprozesse ab, in denen sich hochmögende Künstler noch einmal zu verantworten haben für schwerste Gesetzesbrüche. Hier der scharfe Staatsanwalt, dort der gewiefte Verteidiger.

Man sieht schon den Bildhauer und Goldschmied Benvenuto Cellini als Angeklagten: Mord, Diebstahl, Sodomie. Man sieht Caravaggio vor dem Hohen Gericht: Totschlag, Gewalttätigkeit, unerlaubter Waffenbesitz, Beleidigung. Auch des Komponisten Carlo Gesualdo mutmaßlicher Ehren- und Rachemord an der eigenen untreuen Ehefrau sollte noch einmal genauerer Betrachtung unterzogen werden. Und Joseph Haydn – ist das jetzt in diesem Zusammenhang kleinlich? – sind Falschaussagen und Schwindeleien nachweisbar. Kennen (hinter)listige Menschen wirklich keine Lieder?

"Kapitalverbrechen": Veit Stoß drohte die Todesstrafe wegen Urkundenfälschung

Wenn nun das Bayerische Nationalmuseum in München seine aufgebaute, jedoch verschlossene Ausstellung über Veit Stoß, Tilmann Riemenschneider und ihren berühmten spätgotischen Münnerstädter Altar im Haupttitel „Kunst & Kapitalverbrechen“ nennt, dann ist das auch ein Trick und Kniff. Dann wird etwas effektvoll und beabsichtigt zugkräftig ins Auge gefasst, das zwar im Zusammenhang mit der Entstehung des Altars in Münnerstadt/Unterfranken ohne Zweifel berichtenswert ist – und auch zur Biografie von Veit Stoß notwendig dazugehört –, was aber kaum Voraussetzung ist für die kunsthistorische Erforschung und Einordnung des 15 Meter hohen Flügelretabels aus der Hand von Tilmann Riemenschneider (~1460 – 1531) und Veit Stoß (~1447 – 1533).

Was aber an Justiziablem war geschehen? Veit Stoß, der meisterhafte, hoch angesehene Nürnberger Bildhauer und (Fass-)Maler, der mit seinen zusammengerechnet fast 100 Rechtsstreitigkeiten durchaus als Prozesshansel bezeichnet werden kann – und zu Lebzeiten auch so gesehen wurde –, fälschte 1502 eine Urkunde. Ein Betrug, worauf damals als einem so genannten Kapitalverbrechen die Todesstrafe stand.

Doch Stoß, bereits berühmt vor allem durch seinen epochalen Marien-Hochaltar in Krakau, hatte in der Nürnberger Oberschicht und in seinem Münnerstädter Schwiegersohn Jörg Trummer Fürsprecher von Gewicht. Und so wurde kein Todesurteil vollzogen, sondern 1503 die Wangen von Veit Stoß, der übrigens durch kein Porträtbild überliefert ist, mit einem glühenden Eisen durchbohrt. Auch erhielt der durch die Brandmarkung sozial Geächtete die Auflage, Nürnberg – ohne Erlaubnis – nicht mehr zu verlassen.

Doch der Schwiegersohn wollte sich mit diesem Urteil nicht zufriedengeben; er versuchte sogar, den Nürnberger Rat zu erpressen – indem er Überfälle auf Handelszüge androhte. Die Eskalation brachte Veit Stoß dazu, entgegen der Nürnberger Auflage gen Münnerstadt zu flüchten, wo er ab 1504 auftragsgemäß Tilmann Riemenschneiders dreizehn Jahre lang holzsichtig gebliebenen Altaraufsatz farbig fasste – deswegen: Fassmaler – und die Flügel (außen) mit vier Gemälden zum Leben des heiligen Kilian versah. Wenn man so will: große Handwerkskunst in der Emigration und Ersatzarbeit in der Zeit der Ächtung. Hätte Stoß kein Dokument gefälscht, hätte er vielleicht nicht das Retabel vollendet...

Bayerisches Nationalmuseum zeigt nun die Fragmente des Münnerstädter Altars

Die Nürnberger Querelen und Nachwehen um Stoß hielten übrigens bis 1517 an. Trummer wurde zum Rädelsführer tatsächlich vollzogener Raubüberfälle – wofür er von dem späteren Kaiser Maximilian I. mit der Acht belegt wurde –, während der schon 1505 nach Nürnberg zurückgekehrte Veit Stoß nach Absitzen einer kurzen Haftstrafe 1506 kaiserliche Rehabilitation erfuhr.

Diese Vorgänge mit ihren vielen weiteren pikanten Details geben nun also der Münchner Ausstellung mit Veit Stoß, Tilmann Riemenschneider und dem Münnerstädter Altar den Titel. Ausführlich geschildert sind sie natürlich auch im darüber hinaus lesenswerten Katalog, herausgegeben von Generaldirektor und Kurator Frank Matthias Kammel.

Für Kunstliebhaber jedoch bedeutsamer erscheint der Umstand, dass im Bayerischen Nationalmuseum nun die dortigen Fragmente des Münnerstädter Altars, also insbesondere die heilige Maria Magdalena mit ihren sechs Engeln im Zentrum, zusammen mit dem Riemenschneider-Fragmenten aus Münnerstadt vereint zu sehen sind. Maria Magdalena gilt als eine der Zeuginnen für die Hinrichtung Jesu und seine Auferstehung. Die Restaurierung der Münnerstädter Magdalenenkirche macht es möglich, dass die dortige Gruppe erstmals seit 530 Jahren das Bistum Würzburg verlässt – und nun in München zum direkten vergleichenden Schauen reizt. (Die vier hinreißenden Evangelisten aus der Predella, allesamt Charakterköpfe, sind allerdings im Berliner Bode-Museum verblieben.)

Münnerstädter Altar: Stoß erhielt mehr Geld als Riemenschneider

Viel Wissenswertes zur Entstehungsgeschichte des Retabels mit den melancholisch-schmerzlichen Figuren Riemenschneiders ist im Katalog zusammengetragen und vertieft – bis hin zur Feststellung, dass Riemenschneider sorgfältiger noch arbeitete, wenn er wusste, dass seine Bildschnitzereien für längere Zeit erst einmal ohne Farbfassung verbleiben würden; bis hin zur Aufrechnung, dass Veit Stoß für seine malerischen Arbeiten (und die verwendeten Materialien) 220 Gulden erhielt, Riemenschneider für seine Virtuosität dreizehn Jahre zuvor 145 Gulden.

Einer genauen vergleichenden Betrachtung sind darüber hinaus die vier Flügel-Gemälde von Veit Stoß unterzogen (Matthias Weniger); zudem widmen sich der Katalog und die derzeit bis 2. Mai anberaumte Ausstellung dem Nürnberger Rechtswesen um 1500 sowie den Realien, sprich: gezeigten Gegenständen, auf den vier Münnerstädter Tafeln von Veit Stoß – etwa Schwerter, Schlüssel, Textilien, Taschen, Schuhe, Kochlöffel, Kannen, Schmuck... – eine weitere Brücke dieses Projekts zwischen Kunst und Kulturgeschichte.

Der Katalog (Hirmer, 240 Seiten, reich illustriert) kostet im Buchhandel 39 Euro, im Museum – so wieder geöffnet – 29 Euro.

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