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Film-Kritik
21.07.2021

"Der Rausch": Ist der Mensch nur betrunken genial?

Hinreißend spielt Mads Mikkelsen einen Lehrer mit Midlife-Crisis, der unter Alkoholeinfluss seine Verletzungen auslebt.
Foto: Henrik Ohsten/Weltkino, dpa

Mads Mikkelsen spielt in "Der Rausch" einen deprimierten Geschichtslehrer. Was ist die Handlung des Films – und lohnt er sich?

Der 40. Geburtstag wird mit den drei Freunden in einem Nobelrestaurant gefeiert. Zum Anstoßen gibt es erst einmal Champagner aus dem Jahre 2013 mit mineralischer Note. Zum Kaviar einen tiefgekühlten Imperia-Wodka mit kristallisierten Wasseranteilen. Und zum Hauptgang einen Burgunder aus dem Jahr 2011, von dem Robert Parker geschrieben hat, dass er die Seele der Weinregion in sich trägt. Genüsslich lassen die Männer den edlen Alkohol über die Zunge die Kehle hinunterrollen.

Nur Martin (Mads Mikkelsen) trinkt Mineralwasser. Er muss noch fahren. Den Kindern hat er gesagt, dass es nicht spät wird, auch wenn die beiden Jungs beim Abschied vom Fernseher nicht aufgeblickt haben. Aber die Freunde drängen ihn, den Champagner, den Wodka, den sensationellen Rotwein wenigstens zu probieren. Schließlich gibt Martin nach, weil er keine Spaßbremse sein will. „Bin ich langweilig?“ hatte er am Abend zuvor seine Frau gefragt. „Du bist nicht mehr wie früher“ hatte Anika (Maria Bonnevie) diplomatisch geantwortet. Am Morgen danach hatten sich Eltern und Schüler über seinen wenig inspirierenden Geschichtsunterricht beklagt.

Mads Mikkelsen spielt in "Der Rausch" einen deprimierten Geschichtslehrer

Also herunter mit dem Wodka. Und den Rotwein gleich hinterher. Die anderen schauen ihm zu, freuen sich zunächst, bis ihr Blick erstarrt. Martins Augen sind feucht geworden. Die Lippen zittern. Seine innere Verzweiflung hat sich unter Alkoholeinfluss Bahn gebrochen. Die Freunde trösten ihn, so gut sie können, hören ihm zu, graben gemeinsame Jugenderlebnisse hervor, erinnern ihn an seine Jazz-Tänzer-Vergangenheit – und schenken ihm nach. Schließlich habe, so erklärt Nikolaj (Magnus Millang), schon der norwegische Psychologe Finn Skårderund festgestellt, dass der Mensch mit einem Alkoholdefizit von einem halben Promille auf die Welt komme.

Der trinkselige Abend, Martins emotionale Öffnung und die steile, wissenschaftliche These werden für die vier Freunde zur Offenbarung in Thomas Vinterbergs „Der Rausch“, der in diesem Jahr mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film und zahlreichen anderen Preisen ausgezeichnet wurde. Das Quartett, allesamt Lehrer am selben Gymnasium, beschließt, Skårderunds Behauptung im kollektiven Selbstversuch einer wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Schließlich gibt es auch einige historische Vorbilder, die zeigen, dass regelmäßiger Alkoholkonsum Großes hervorbringen kann.

Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill waren Alkoholiker, Hitler Abstinenzler: Zufall?

Sowohl Franklin D. Roosevelt als auch Winston Churchill waren versierte Trinker und haben im Zweiten Weltkrieg den Abstinenzler Adolf Hitler in die Knie gezwungen. Ernest Hemingway hat von morgens bis abends um acht systematisch zur Flasche gegriffen, um seine Romane zu verfassen. So wollen es die vier Pädagogen auch halten. Vor dem Unterricht wird auf der Schultoilette heimlich der Schnaps eingeflößt und der Promillegehalt mit dem Messgerät kontrolliert. Am Abend werden die Erfahrungen genau protokolliert. Und sie stellen fest: Die Wirkung des Alkohols setzt Inspirationen frei und bringt die kriselnden Männer dazu, der eigenen Intuition zu vertrauen und spontane Entscheidungen zu treffen. Aber dann treiben sie das Forschungsvorhaben weiter und erhöhen die Promille-dosis, um den individuellen Maximalwert zu ermitteln. Das enthemmte Besäufnis bringt ungeahnte Euphorie zutage, aber auch Kopfplatzwunden, Suchtstrukturen, mit Urin durchtränkte Ehebetten und unumkehrbare Beziehungskrisen.

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In „Der Rausch“ setzt sich Vinterberg („Das Fest“) mit der Trinkkultur in seinem Land auseinander, wo Jugendliche so früh wie in keinem anderen europäischen Land mit dem Konsum von Bier, Wein und Schnaps beginnen und sechs Prozent aller Todesfälle auf Alkoholkonsum zurückzuführen sind. Aber Vinterberg geht das Thema ohne jegliche moralische Vorbehalte an. Er zeigt die Energie, Kreativität und Lebenslust, die ein erhöhter Blutalkoholwert hervorbringen, ebenso wie Suchtgefahren und die Auswirkungen auf soziale Beziehungen. Aber er tut dies ohne jenen Erkenntnisdruck, mit dem im filmischen Diskurs normalerweise die Nüchternheit als einziger Weg propagiert wird. Vor allem aber trägt „Der Rausch“ auf berührend tragikomische Weise ein tiefes Verständnis männlicher Midlife-Crisis in sich, die maßgeblich von Leistungsdruck und Versagensängsten in einem kontrollierenden gesellschaftlichen Klima angetrieben wird. Alkoholkonsum bringt den Ü40ern gleichermaßen Selbstbewusstsein und den ersehnten Kontrollverlust. Mads Mikkelsen ist schlichtweg hinreißend als tiefenfrustriertes, verletztes Mannsbild, in dessen kriselnder Seele der Alkohol ein Stück Erlösung, aber keine Problemlösungen freisetzt.

"Der Rausch" von Tomas Vinterberg war für einen Oscar nominiert

Äußerst wirkungsvoll spiegelt Vinterberg, dessen Tochter zwei Tage vor Drehbeginn bei einem Autounfall ums Leben kam, das Alkoholexperiment der Lehrer mit der Lebenswelt der Schülerschaft. Bei den Jugendlichen werden durch Leistungsdruck und Alkoholkonsum bestimmte Strukturen schon angelegt. Gleichzeitig sehen die kriselnden Pädagogen voller melancholischer Sehnsucht in den Schülern die eigene verblasste Jugend vor sich. Nachdem Martin und seine Freunde den alkoholkranken Tommy zu Grabe getragen haben, fahren die frisch gebackenen Abiturienten vor und verwandeln das Kopenhagener Hafenbecken in eine wilde Party. Die Lehrer lassen sich von der feiernden Menge mitreißen. Nach einem tiefen Schluck aus der Sektflasche holt Martin seine Jazz-Dance-Erfahrungen hervor und tanzt mit herzzerreißendem Schwung durch das Hafenbecken.

Eine Schlussszene, die für immer im filmischen Gedächtnis bleiben wird, weil sie in ihrer Euphorie die ganze wunderbare Widersprüchlichkeit des Lebens in sich trägt und mehr offene Fragen als allwissende Antworten hinterlässt.

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