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Jubiläum

02.07.2019

Die Bremer Stadtmusikanten als Muster der Solidarität

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Gerhard Marcks’ Bronze-Denkmal der Stadtmusikanten hinterm Bremer Rathaus wird oft an den Beinen des Esels berührt. Ob’s hilft?
Bild: Hauke-Christian Dittrich, dpa

Vor 200 Jahren veröffentlichten die Brüder Grimm das Märchen von dem tierischen Quartett. Die Bedeutung der Geschichte aber weist über Ort und Zeit hinaus.

Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, sodass er zur Arbeit immer untauglicher wurde. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen …

So fängt es an. Und letztlich wird es um große Fragen des Menschseins gehen, gerade auch heute relevant. Doch zunächst, wie vielleicht sogar heute – 200 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Geschichte durch Jacob und Wilhelm Grimm in der zweiten Auflage ihrer Sammlung von Kinder- und Hausmärchen am 3. Juli 1819 – noch jedes Kind weiß: Dem Esel, der Schlimmes ahnt, da er doch jetzt zu nichts mehr nutze ist, schließen sich Hund und Katze und Hahn an. Denn des Esels Argument ist schwer etwas entgegenzusetzen: „ …etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Dieser größte Satz der doch eigentlich recht kurzen Geschichte – er strahlt weit über sie hinaus.

Doch zunächst noch mal: Was sollen, was können die vier denn sonst tun? Auf den etwas abenteuerlichen Vorschlag des Esels hin machen sie sich auf den Weg, um in Bremen Stadtmusikanten zu werden – und sind am Ende weder in Bremen noch sind sie Stadtmusikanten geworden, doch zufrieden und sicher in einem Haus, aus dem sie mit einem gestapelt-gestandenen Trick eine ängstlich flüchtende Räuberbande vertrieben haben. Sie haben also ein Dach über dem Kopf, fürs Erste zu essen und Gesellschaft, sind in Sicherheit. Und haben damit das Notwendige zu einem Leben in Würde, wo dieses zu Anfang der Geschichte noch wertlos und damit zu Ende erschien … Am Ende der Geschichte steht stattdessen nun ein Neuanfang in jenem Haus, das ein Leben abseits der Verwertungslogik zulässt – …den vier Bremer Musikanten gefiel’s aber so wohl darin, dass sie nicht wieder hinaus wollten.

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Die Bremer Stadtmusikanten als Preisfigur

Diese Vorlage und die Verbindung zu ihrer Stadt nutzt Bremen nun nicht nur zum Jubiläum mit einer ganzen Feierwoche, sondern längst zu Signalen, die ebenso über den Ort und die Zeit des Märchens hinausweisen sollen. Seit 1988 wird an der Weser ein Solidaritätspreis mit einer Figur der Stadtmusikanten überreicht, erste Träger waren Nelson Mandela und seine Frau. Der Preis – im weiteren verliehen etwa an die burmesische Politikerin Aung San Suu Kyi oder die in der Westsahara für Menschenrechte kämpfende Aminatou Haidar – soll ein vorbildliches, aufopferungsvolles Engagement für Freiheit und Demokratie betonen. Was immer schön ist. Aber geht es darum in dem Märchen eigentlich?

An Bezügen mangelt es jedenfalls nicht, nachdem das Märchen dereinst schnell so populär wurde, dass es in kaum einer Sammlung mehr fehlte. Das reicht vom zitierten Satz „ … etwas Besseres als den Tod findest du überall“, der sich etwa auch in Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ findet, bis hin zum computeranimierten Kinderfilm-Abenteuer mit deutlich erweiterter und nun sogar einen Roboter enthaltender Geschichte in „Die furchtlosen Vier“, das den deutschen Film in die Disney-Liga hieven sollte. Janosch hat seine Version gezeichnet, Maurizio Cattelan die Tierpyramide in vier Skeletten neu geschaffen, für die politische Karikatur gehört das Vierergebilde zum symbolischen Kern, weil Bezug und Gestalt praktisch jeder versteht – mit frei wählbarer Bedeutung.

Von ihnen stammt die bekannteste Version des Märchens: Jakob und Wilhelm Grimm.
Bild: Archiv

Direkt verstanden verhandelt die Geschichte – freilich heute wieder stärker in den kindlichen Verständnisvordergrund tretend – das Verhältnis des Menschen zu den Tieren als Mitgeschöpfe. Sie treten hier als Nutzvieh auf, das sich der Mensch untertan macht, um es nach Bedarf zu schinden und zu schlachten. Diese vier immerhin können sich auf eine Art privaten Gnadenhof retten und vertreiben dazu eine Gruppe jener Menschen, die doch eigentlich so clever scheinen: Denn diese Räuber sind, indem sie sie ausbeuten, für die Menschen das, was die Menschen für die Natur sind. Aber sie sind dann doch nicht clever genug, sich bei Licht den Gespenstern ihrer Ängste zu stellen.

Bremen lag einst an der Hoffnungsroute

Als Fabel geht es freilich um die Solidarität der schwachen, unterdrückten Menschen untereinander, die gemeinsam einen Ausweg finden in einer Gesellschaft, die sie nur ausbeutet, nicht schätzt. Das lässt sich leicht und zeitlos an Marx anschließen, aber auch an aktuelle Debatten über den Neo-Liberalismus mit seinem durch die Automatisierung zusehends weniger nötigen Humankapital. Es lässt aber auch an Flüchtlingsbewegungen denken: „ … etwas Besseres als den Tod findest du überall …“ Kommen nicht viele so übers Meer nach Europa? Damals galt das übrigens für Bremen, der Weg in die freie Hansestadt als Hoffnungsroute – und von dort über den Hafen auch in die Neue Welt.

Der Theologe Eugen Drewermann wiederum hat eher auf der anderen, konservativen Seite die Stadtmusikanten schon in Stellung gegen die Politik gebracht, um zu mahnen, dass sich eine Vernachlässigung der einfachen Menschen rächen könnte – kündete er so 2007 vom kommenden Wutbürger?

Man könnte nun trefflich darüber nachdenken, wofür in der jeweiligen Lesart dann die Räuber stünden – und sich damit wohl auf die Spur der Komplexität begeben, die der Bremer Stadtmusikanten-Experte Dieter Brand-Ruth in seiner 450 Seiten starken Doktorarbeit zum Märchen erkundet. Bilanzierend sagt der einfach: „Die Tiere lehren uns die Ehrfurcht vor dem Leben und die Notwendigkeit von Bedingungen, die körperliche Unversehrtheit gewährleisten.“ Und wenn er sein heute erscheinendes Buch zum Jubiläum nun „Auf nach Bremen“ nennt, meint er damit: Dass sich die ganz Gesellschaft auf den Weg machen muss, sich zu allererst um das Notwendige für alle zu kümmern, um Würde, um Werte, die sich nicht beziffern lassen.

Vier Tiere in einer einfachen, 200 Jahre alten Geschichte, die uns zur Menschlichkeit mahnen – auch weil sie zeigen, was aus ihrer Perspektive tatsächlich typisch menschlich ist.

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