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Konzert

08.12.2019

Dieter Bohlen in München: Gar nicht so mega

Dieter Bohlen ist wieder auf Tour. Seine "Mega-Tournee" ist aber gar nicht mal so mega.
Bild: DEAG Concerts

In einer gerade mal halb vollen Münchner Olympiahalle beendet Dieter Bohlen seine diesjährige Rückkehr auf die Konzertbühne – mit Frau Carina und einer fiesen Spitze.

„Mega“ ist anders. Zwar heißt die Tournee so, bei der Dieter Bohlen nun nach 16-jähriger Konzert-Abstinenz wieder mal live zu erleben ist. Zwar nennt er seine 1,3 Millionen Follower auf Instagram auch „Meganer“, weil bei ihm ja immer mega ist, was er gut findet – also vor allem sich selbst, denn das, so rät er auch von der Bühne seinen Fans fürs Leben, sei das Wichtigste, immer an sich selbst zu glauben.

Aber bei der letzten Station des diesjährigen Comebacks ist die für Star-Ausmaße gebuchte Münchner Olympiahalle mit ihrer Konzert-Kapazität von bis 12 500 Zuschauern gerade mal halb gefüllt. Und an den beiden Merchandising-Ständen, die auch ärmlich besetzt sind mit nur einem einzigen Dieter-Fan-Shirt und Exemplaren des Best-Of-Albums, das statt eines zunächst für 2019 angekündigten neuen erschienen ist, herrscht auch Flaute.

Mega aber ist natürlich die Erfolgsbilanz, die der inzwischen 67-Jährige im gut zweistündigen Programm mit seinen Songs und reichlich Geplauder dazwischen selbst feiert. 21 Nummer-1-Titel hat Dieter Bohlen komponiert, und als Zugpferd der Fernseh-Shows „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ bringt er es demnächst, mit dem Start von der 17. Auflage von DSDS, auf ganze 30 Staffeln vor Millionenpublikum. Und einer seiner größten selbst performten Hits mit Modern Talking einst, „Cheri, Cheri, Lady“, hat es ja in einem Cover des Rappers Capital Bra auch dieses Jahr wieder an die Chartspitze geschafft. Da spricht also doch einiges dafür, dass hier in Jeans und Turnschuhen, mit Föhnwelle und goldenem Mikro ein deutsches Supertalent, ein deutscher Superstar auf die Bühne tritt.

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Dieter Bohlen ist das gelungen, worauf Helene Fischer erst hinarbeitet

Zumal Bohlen an diesem Abend neben den kleineren Blues-System- und den großen Modern-Talking-Songs wie „Atlantis Is Calling“, „Cheri, Cheri, Lady“, „Brother Louie“ und „You’re My Heart, You’re My Soul“ ja mit versierter Sechs-Mann-Band, einem starken Zusatzsänger und Licht-Feuer-Lametta-Spektakel auch einige der Hits aufführt, die er für andere geschrieben hat: von Pietro Lombardis „Call My Name“ über Chris Normans „Midnight Lady“ bis zum Schlager-Medley mit Nummern von Andrea Berg und DJ Ötzi und Beatrice Egli. Was also passt hier nicht zusammen? Also außer der Stimmlage des Sängers Bohlen mit denen der alten wie neuen Songs – was aber nicht allzu ins Gewicht fällt, weil seine Mitmusiker ihn tragen und der Star selbst ohnehin mehr die Rolle des Moderators, Animateurs und Entertainers ausfüllt.

Es gibt eben nicht „nur ein’ Dieter Bohlen“, wie eine angepichelte Herren-Fangruppe fortwährend beim Konzert skandiert, sondern zwei. Der eine ist der Musiker Bohlen, dem einst Großes gelungen ist. Nach dem weltweiten Disco-Erfolg des deutschen Projekts Boney M. hat er in den Achtzigern die Rezepte des Schlager dance- und hittauglich zu internationalisieren verstanden – das prägt dessen Klang bis heute, aber ist in der Wirkung eben bis heute unerreicht, wenngleich sich Helene Fischer an diesen Schritt heranzupirschen versucht. Als Interpret aber ist Bohlen selbst dabei nur noch was für Nostalgiker, sein Publikum in München ist im Durchschnitt älter als 50, die jüngeren Partyschlager-Fans lockt er nicht, da kann er selbst noch so alterslos wirken wollen, wenn er auf der Bühne etwa zu „My Bed Is Too Big“ auf einem Trampolin-Bett herumhopst.

Bei Bohlens Auftritt bleibt reichlich Platz in der Olympiahalle

Als Talent und Star aber ist der andere Bohlen viel zeitgemäßer: die Medienfigur. Mag er sich beim Konzert auch über Geringschätzung seines Werkes einst und über die Boulevardjagd auf sein Privatleben mokieren: Der Show-Bohlen samt seiner einstigen Liebes-Eskapaden und späteren Juroren-Skandälchen hat davon immer schon profitiert. Wie der eine Bohlen einst musikalisch aus Textphrasen und Ohrwurm-Melodien die Effizienzformel für bestmögliche Breitenwirkung fand, beherrscht der andere nun instinktiv die mediale Klaviatur mit Menschelndem und großer Showgeste – hier ein Naturtalent, das es zum Star mit Privatjet gebracht hat.

So trat Modern Talking damals auf: Thomas Anders (links) mit Nora-Kette und Dieter Bohlen bei einem Konzert am 11.11.1985 in Saarbrücken.
Bild: Roland Witschel , dpa (Archiv)

Symptomatisch ist insofern auch das Finale in München. Eben noch hat der Dieter seinen Co-Sänger des Abends überschwänglich gelobt: Solch einen hätte er sich damals bei Modern Talking auch gewünscht statt dem, den er im schmählich ungenannten Thomas Anders hatte – Bohlen mal wieder der König seiner Welt als Juror mit Fallbeil. Da tritt zu ihm seine inzwischen langjährige Frau Carina auf die Bühne, schmiegt sich zu seinen Liebesbekundungen an, man singt seinen DSDS-Gruppenhit „We Have A Dream“, und rotes Lametta fällt dazu – in die halb leere Halle. Im Fernsehen hätte das sicher gut ausgesehen. Für die Bühne aber hat Dieter Bohlen seine zwischenzeitlich großen Pläne fürs nächste Jahr inzwischen radikal zusammengestrichen. Der Profi weiß, was wirklich mega ist.

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