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Salzburger Festspiele

12.08.2019

Eine bejubelte Rarität - George Enescus „Œdipe“

Das Schicksal bekommt er nicht in den Griff: Œdipe, gespielt und gesungen von Christopher Maltman.
Bild: Monica Rittershaus/Salzburger Festspiele

Plus Oedipus trägt Shorts; selbst die Muskelpakete, die ihm Regisseur Achim Freyer in seiner Operninszenierung mitgibt, helfen ihm nicht gegen das Schicksals.

„Glücklich der, der am Tag seiner Geburt stirbt. Dreifach glücklich der, der noch vor seiner Geburt stirbt.“ Einem, der Anlass hat, auf diesen Gedanken zu verfallen, ist jetzt zuzuhören und zuzusehen in der antikisierten Salzburger Felsenreitschule – ein ganzes unglückseliges Leben lang an einem dreistündigen Festspielabend im Sommer 2019.

Seine Geburt, nackt, in elegischem, ja hoffnungsunterdrückendem g-Moll; sein Tod, nackt, in endlich erlösendem, apotheotischem G-Dur. Der Name des Schmerzenskindes, Schmerzensmannes, Schmerzensgreises: Oedipus beziehungsweise „Œdipe“ laut George Enescus 1936 in Paris uraufgeführter Oper – kompositorisch ein Meisterstück, doch eine Rarität auf der Bühne.

Was sein Vater verbockte, muss Oedipus büßen

Zwischen Geburt und Tod aber, in vier Akten, das beklagenswerte Verhängnis dieses schuldlos schuldigen Königssohns, der in Sippenfluch und Generationenhaft genommen wird. Was sein Vater verbockte, muss er – und seine Kinder – büßen. Und auch seine Mutter, die ja nach der griechischen Mythologie seine Frau wird – was beide erst mal nicht erkennen. Der Prozess dieser Erkenntnis jedoch, dazu auch dieses „Wie Schuppen von den Augen fallen“, den eigenen Vater wider Willen trotz Vorsichtsmaßnahmen erschlagen zu haben, das ist der Stoff der Oper – und damit auch der Versuch eines eigenverantwortlichen Handelns trotz Schicksal, Götterwille, Vorsehung, Prädestination.

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Oedipus will ja ausweichen, ankämpfen, Selbstbestimmung in seinem speziellen Fall übernehmen. Nur leider: erfolglos. Es ist, wie wenn ein Kind in verfluchtem Elend geboren wird – oder mit einem genetischen Defekt – und nicht die geringste Chance zur Verbesserung seiner Lebensumstände erhält. Wenn Oedipus bei Enescu, diesem rumänisch-französischen Massenet- und Fauré-Schüler (1881–1955), vor die grausame Sphinx tritt und auf deren Frage, was größer sei als das Schicksal, mit „der Mensch“ antwortet, dann ist das in seinem Fall nur eine Hoffnung, eine Beschwörung und der Glaube, gegen Schicksal und Erbsünde anrennen zu können. Nur leider, wie gesagt: erfolglos.

Achim Freyer führt bei den Salzburger Festspielen Regie, stattet aus, bedient das Licht

Nun hat Achim Freyer, der respektierte, große alte Bühnenmann und bildende Künstler, „Œdipe“ für Salzburg in Szene gesetzt, und zwar so, wie es von ihm zu erwarten war – als phantastisch-extravagantes Masken- und Kostümtheater, voller archaischer Zeichen und mythischer Symbolik. Freyer führt Regie, stattet aus, bedient das häufig spärliche Licht im trauerschwarzen Raum. Traum-, mehr noch Albtraumbilder stellen sich ein, hier und da psychoanalytisch unterfüttert, hier und da bildhaft durch Rauch, Feuerimitation und Bänderknäuel in unheilvolle Situationen und „Verstrickungen“ übersetzt.

In der irrsinnig breiten Felsenreitschule entsteht ein sich zeitlupenhaft entfaltendes Personen- und Symbol-Tableau, darinnen Oedipus als ein Boxer in Boxershorts und als ein Stehaufmännchen gegen das Verhängnis anzukämpfen versucht. Immer wieder strauchelt er, rafft sich auf, gibt sich in Siegerpose – und wird doch immer tiefer in sein Schicksal hineingezogen. Man mag die Boxer-Metapher als gesucht modernistisch ansehen und sowohl den Selbstmord von Jocaste (Sturz auf die Bühne) als auch die Blendung von Oedipus als szenisch etwas hilflos empfinden (fortan baumeln ihm Blutrinnsale wie Fransen vor dem Gesicht), aber insgesamt ist Achim Freyer mit all seinen erprobten Mitteln wieder ein eindrucksvoller Abend gelungen: düster, stringent, unausweichlich.

Oedipe in Salzburg: Freyers Bildwelt entfaltet sich langsam

Und gerade in seinem Zeitlupenhaften lenkt er zumindest den Zuhörer von der Musik nicht ab, der sich nicht ablenken lassen will von Freyers Illustrationen. Der Ertrag ist das hörende Erkennen einer mitfühlend-emotionalen, aber nicht suggestiv-gefühligen Partitur, die originär und autonom unter anderem rumänische Volksweisen, französischen Impressionismus und quasi-sakrale Chor-Klagen verknüpft. So, wie sich Freyers Bildwelt langsam entfaltet, so entfaltet sich Enescus melosreiche Klangwelt im stark epischen Libretto von Edmond Fleg.

Die katastrophische Orchester-Ballung bleibt Ausnahme einen Abend lang – und man darf froh sein, dass sich die Wiener Philharmoniker und der Wiener Staatsopernchor unter Dirigent Ingo Metzmacher dem französischsprachigen Werk angenommen haben: Ihr kultivierter Schönklang auch gegenüber dieser Oper der klassischen Moderne weckt Mitgefühl speziell gegenüber Oedipus, den Christopher Maltman, ein in der Maske hergerichtetes Muskelpaket, baritonwuchtig und entsprechend kraftverströmend sang. Aufhorchen ließen neben dieser Zentralgestalt: Anaïk Morel als Jocaste sowie Ève-Maud Hubeaux als Sphinx. Und ein Wiederhören gab es mit einem ganz Großen der internationalen Opernszene, in Salzburg aber mit leicht brüchigem Bass: John Tomlinson als blinder Seher Tiresias. Festspieljubel bei zwei, drei zaghaften Buhs gegen Achim Freyer.

Termine Weitere Aufführungen am 14., 17. und 24. August. Der Hörfunksender Bayern Klassik bringt am 17. August um 19.30 Uhr eine Aufzeichnung.

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