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Documenta

11.01.2021

Erst verfemt, dann gefeiert: Fritz Winters großer Auftritt

Fritz Winter, Komposition vor Blau und Gelb, 1955 Öl auf Leinwand, bei der ersten documenta in Kassel.
Bild: Fritz-Winter-Haus, Ahlen

Plus Fritz Winter, der Maler aus Dießen am Ammersee, durfte von 1933 an nicht mehr ausstellen. Danach wurde er zum documenta-Künstler der ersten Stunde.

Wie konnte Fritz Winter (1905 – 1976) zum documenta-Künstler der ersten Stunde werden? 1935 hatte er sich in ein Bauernhaus in Dießen am Ammersee zurückgezogen. Seit 1933 durfte er nicht mehr ausstellen. 1937 wurden zwei seiner Werke als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt. 1939 folgte die Einberufung zur Wehrmacht, 1944 wurde er schwer verwundet, erst 1949 kehrte er aus fünfjähriger russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Da war er 43.

Und trotzdem: Winter hatte in diesen schweren Jahren Kunstkapital angesammelt. Dazu zählt zunächst sein Studium am Bauhaus Dessau bei Klee und Kandinsky. Mehr noch schlägt sein Zyklus „Triebkräfte der Erde“ zu Buche, den er 1943/44 nach einem Lazarettaufenthalt in Dießen schuf. Die Serie, ein früher Höhepunkt seines Werks, wurde nach 1945 in vielen Ausstellungen gezeigt. Die farbig subtilen Blätter, die Wachstumsvorgänge in unterirdischen Räumen heraufbeschwören, trugen entscheidend zu Fritz Winters Ruhm in der Nachkriegszeit bei. Diese Ruhmeskurve führte der Kunsthistoriker Werner Haftmann auf einen Zenit, als er sich 1957 in einem Piper-Bändchen den „Triebkräften“ widmete. 1960 waren bereits 70 000 Exemplare in Umlauf!

Fritz Winter wuchs in die Rolle eines deutschen Abstrakten der ersten Stunde

Winters Karriere wurde außerdem befördert durch den Preis auf der Biennale in Venedig 1950. Zudem hatte er ein Jahr zuvor u. a. mit Rupprecht Geiger und Willi Baumeister in München ZEN 49, die „Gruppe der Gegenstandslosen“, gegründet und Kontakt zu Hans Hartung und Pierre Soulages in Paris aufgenommen.

Portrait von Fritz Winter, um 1950.
Bild: Fritz-Winter-Haus, Ahlen

So wuchs Winter in die Rolle eines deutschen Abstrakten der ersten Stunde, der auf der ersten documenta 1955 in Kassel einen herausragenden Auftritt hatte. Dass dies mit politischen Vorzeichen verbunden war, veranschaulicht die von Dorothee Gerkens und Anna Rühl kuratierte Ausstellung der Museumslandschaft in Kassel (zusammen mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und der Fritz-Winter-Stiftung). Die Neuland betretende, bis 21. Februar terminierte Schau (mit 86 Winter-Werken) ist zur Zeit geschlossen, kann aber dank des vorzüglichen Katalogs (im Buchhandel 29,90 ¤) studiert werden.

Fritz Winter trat im documenta-Jahr 1955 eine Professur in Kassel an

Just im documenta-Jahr 1955 trat Winter eine Malerei-Professur an der Werkakademie Kassel an. (Er hatte sie bis 1970 inne.) Seine Pädagogik orientierte sich an den Bauhaus-Konzepten von Klee und Kandinsky, außerdem an seinem Dessauer Studium in der Bühnenabteilung von Oskar Schlemmer. Ein Glücksfall für Winter war, dass der documenta-Gründer Arnold Bode ebenfalls an der Kasseler Akademie lehrte. Vermutlich haben beide die Idee zu dem eigens für die documenta-Premiere entstandenen Moumentalbild „Komposition vor Blau und Gelb“ entwickelt.

Noch nie hatte der Dießener Künstler ein solches Format bewältigt: Das Ölgemälde misst 3,81 mal 6,15 Meter. Es dominierte das Kopfende im Großen Malereisaal, dem damals größten Raum im Fridericianum. Ihm gegenüber hing Picassos „Mädchen vor dem Spiegel“ (1932) aus dem New Yorker Museum of Modern Art. Dazu gesellten sich seitlich Arbeiten u.a. von Braque, Juan Gris, Matisse und Arp. Diese Inszenierung hatte – politische – Methode: Die zeitgenössische deutsche Kunst reihte sich wie selbstverständlich in die internationale Moderne ein, der („unschuldigen“) Weltsprache der Abstraktion sei Dank! Die documenta 1955 hob zumal Fritz Winter, neben seiner außergewöhnlichen Blau-Gelb-Komposition mit weiteren sechs Gemälden am Ort, aufs Podest.

Der d 1-Eröffnungsredner Werner Haftmann hat die Trias der deutschen Nachkriegskunst – Neuanfang, Abstraktion, Freiheit – maßgeblich promoviert. Von Krieg, Massenmord und verfemter Moderne war in dieser Erzählung kein Platz. Haftmann, der den ersten documenta-Ausgaben als geistiger Berater sekundierte, 1954 das Standardwerk „Malerei im 20. Jahrhundert“ vorlegte, 1967 Gründungsdirektor der Neuen Nationalgalerie in Berlin war, eben dieser Kunsthistoriker, Jahrgang 1912, war 1937 der NSDAP beigetreten, außerdem SA-Anwärter. Das freilich wurde erst spät bekannt. (Haftmann hat sich übrigens später von Winter und seinen Farbfeldbildern der 1960er-Jahre distanziert.)

Der Kasseler Katalog weist auf Winters Versuche in den 30er Jahren hin, zu Ausstellungen zu kommen

Die Kasseler Ausstellung zeichnet Fritz Winters „zentrale und zugleich prekäre Rolle“ in den Jahren 1955ff. nach. Auf der documenta 2 im Jahr 1959 war er mit neun Siebdrucken in der Grafik-Abteilung vertreten. Sie löste einen Boom druckgrafischer Blätter in der Nachkriegszeit aus. Bezeichnenderweise kamen seine Werke aus dem Jahr 1933 erst auf der documenta 3 (1964) zum Zug. Die Arbeiten hatte der Künstler während des Nationalsozialismus auf dem Dachboden in Dießen versteckt, später eigenhändig restauriert und auf Leinwand aufgezogen.

Gleich einer salvierenden Vokabel war in Deutschland lange Zeit der Begriff der „inneren Emigration“ in Umlauf. Daran knüpfen sich nach wie vor viele Fragen. Der Kasseler Katalog weist auf Winters Versuche in den 30er Jahren hin, zu Ausstellungen und öffentlichen Aufträgen zu gelangen und in die Reichskammer der Bildenden Künste aufgenommen zu werden. Einen Beleg für die Aufnahme gibt es im Bundesarchiv Berlin jedoch nicht. Im Juni 2021 ist im Deutschen Historischen Museum Berlin die Ausstellung „Die politische Geschichte der documenta“ geplant. Ob sie mit neuen quellenkritischen Forschungen aufwartet?


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