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Münchner Kammerspiele

24.10.2020

Erstmals eine Intendantin: Was Barbara Mundel an den Kammerspielen plant

Barbara Mundel leitet jetzt die Münchner Kammerspiele – sie ist die erste Frau an der Spitze des renommierten Theaters.
Bild: Patrick Seeger, dpa

Barbara Mundel steht seit kurzem an der Spitze der Münchner Kammerspiele. Sie setzt auf zeitgemäße Stoffe und ist eine Vorreiterin in Sachen Inklusion.

Als Barbara Mundel den Zuschlag bekam, Intendantin an einem der renommiertesten Theater des deutschsprachigen Raums zu werden, hätte wahrscheinlich so gut wie kein Mensch für möglich gehalten, wie radikal der Ausbruch einer Pandemie das öffentliche Leben verändern kann. Soeben hat nun Mundels erste Spielzeit an den Münchner Kammerspielen begonnen. Obwohl wegen der Abstandsregeln viele Sitzplätze in den Spielstätten gesperrt sind und nur ein Teil des Publikums, das sonst gekommen wäre, die ersten Premieren sehen konnte, ist die Intendantin froh, dass überhaupt gespielt werden kann. „Dass wir es geschafft haben, unsere ersten Produktionen in Zeiten der Corona-Pandemie auf die Bühne zu bringen, ohne künstlerische Kompromisse trotz Beachtung der Hygienekonzepte – darüber bin ich total glücklich“, sagt Mundel.

Theater heute zeichnet die Münchner Kammerspiele als "Theater des Jahres 2020" aus

Sie und ihr Team haben in diesem Sommer Matthias Lilienthal abgelöst, der fünf Jahre lang das Haus geleitet hat und selbst die Reißleine gezogen hat, als die Münchner CSU-Stadtratsfraktion den Beschluss gefasst hat, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Mit seinem Konzept, das Haus auch für die freie Szene zu öffnen, viele Kooperationen einzugehen, Tanz und Performances verstärkt auf den Spielplan zu nehmen, um auch ein neues Publikum anzusprechen, war Lilienthal vor allem zu Beginn heftig angegriffen worden. Auslöser dafür waren namhafte Abgänge aus dem Ensemble, die mit der neuen Ausrichtung unzufrieden waren. Sowohl 2019 als auch 2020 sind Lilienthals Kammerspiele allerdings bei der Kritikerumfrage des Magazins Theater heute als Theater des Jahres ausgezeichnet worden; den Theaterkritikern, die diese Auszeichnung jährlich vergeben, gefielen die Lilienthal-Kammerspiele also richtig gut.

Nun steht den Münchner Kammerspielen erstmals eine Intendantin vor. Wer auf Mundels ersten Spielplan blickt, entdeckt, dass sie einiges von dem, was Lilienthal angestoßen hat, fortsetzen wird. Schon in ihrer Zeit als Freiburger Intendantin hat Mundel für Aufsehen gesorgt, weil sie dort das Konzept eines Stadttheaters radikal anders gedacht hat. Ihr war wichtig, das Haus zu öffnen, mit der freien Szene zu kooperieren, andere künstlerische Ansätze zu verfolgen, gesellschaftlichen Debatten einen Raum zu geben, ein neues und jüngeres Publikum anzusprechen.

Intendantin Mundel will verstärkt Kooperationen eingehen

Einen solchen Zugriff merkt man auch den ersten Produktionen an den Kammerspielen an: In „Habitat“ sind es Münchner, die sich dem Publikum im Rahmen einer Performance nackt und schutzlos zeigen (Choreografie Doris Ulrich), in „The Assembly/Das Abendessen“ haben die Kammerspiele mit der kanadischen Gruppe Porte Parole zusammengearbeitet, in „Ich bin’s Frank“ steht mit Julia Häusermann eine umwerfende Spielerin auf der Bühne, die Trisomie 21 hat.

Anders als Lilienthal möchte Mundel weniger Gastspiele, sondern verstärkt Kooperationen eingehen. „Dazu haben wir unser Ensemble vergrößert“, sagt sie. Und eine Schauspielerin mit einer Behinderung auf der Bühne soll keine Ausnahme darstellen, sondern ist Programm. „Inklusion im Ensemble stellt uns vor ganz neue Herausforderungen“, so Mundel, auch architektonische. In ihrer Freiburger Zeit habe Mundel dieses Thema und diese Öffnung des Theaters noch gar nicht so im Blick gehabt. „Das ist doch der Beweis, wie großartig es ist, ständig weiterzulernen.“

In ihrem ersten Spielplan sind Werke des klassischen Theaterkanons nicht zu finden. „Aber nicht aus dogmatischen Gründen“, wie Mundel im Gespräch sagt. Im Augenblick interessiere sie und ihr Team die Gegenwart stark. Deshalb arbeiten die Kammerspiele auch mit Dramatikern wie Wolfram Lotz, Falk Richter undSivan Ben Yishai eng zusammen. Und Mundel hofft, dass diese Zusammenarbeit auch in Zukunft fortgesetzt wird. „Es gibt im Team ein großes Interesse an starken Texten.“ Und es sei gut möglich, dass in den kommenden Spielzeiten auch einmal ein Theaterklassiker auf den Spielplan komme, wenn sich das richtige Team und der richtige Zugriff dafür finden. Für sie persönlich gehören Kleist und Shakespeare zu den Lieblingsautoren.

„Eine Jugend in Deutschland“ überzeugt durch Gegenwartsbezug

Wesentliche Fragen bei der Gestaltung des Spielplans sind für Mundel auch, neue Publikumskreise anzusprechen. Mit ungewöhnlichen, mutigen Ästhetiken möchte sie das angehen. Die Intendantin findet, dass sie sich damit ähnlich wie ihr direkter Vorgänger Lilienthal ganz in der Tradition der Münchner Kammerspiele bewege, die seit ihrer Gründung genau dafür eingestanden sind.

In dem Ernst-Toller-Abend „Eine Jugend in Deutschland“ von Jan-Christoph Gockel kann man auch exemplarisch sehen, wie Mundel das meint, wenn sie Stücke und Stoffe in die Gegenwart holt. In den dreieinhalb Stunden wird der ganze Toller, sowohl dessen Leben mit den Stationen als Soldat im Ersten Weltkrieg, als Revolutionär der Räterepublik, als Dramatiker, als politischer Gefangener, später als Exilant, der sich selbst 1939 in New York umbringt, als auch seine wichtigsten Stücke auf die Bühne gebracht. Gleichzeitig wird der Bogen geschlagen, was Revolution heute bedeutet, warum sie eigentlich immer scheitern und was sie der Menschheit trotzdem bringen. Dieser Abend ist ein sehenswerter, durchaus lustvoll in Szene gesetzter Hybrid, für den Puppen, Kurzfilm-Einblendungen und die Kamera zum Einsatz kommen.

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