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250 Jahre Hegel

27.08.2020

Hat die Weltgeschichte ein Ziel? - Ein Versuch, Hegel zu verstehen

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, porträtiert im Sterbejahr 1831 von Jakob Schlesinger. 
Bild: Foto: Picture alliance

Plus Er war ein Zentralgestirn der Philosophie. Es dauerte aber, bis er akademische Karriere machte. Warum es sich lohnt, den komplizierten Denker verstehen zu wollen.

Es gibt nur eines, womit man es sich bei Hegel leicht machen kann: mit ihm selbst. Literatur-Nobelpreisträger Bertrand Russell schreibt im berühmten Überblickswerk „Philosophie des Abendlandes“ zu jenem Georg Wilhelm Friedrich, der am 27. August 1770 in einem pietistischen Stuttgarter Beamtenhaushalt geboren und am 14. November 1831 in Berlin nach einer Cholera-Erkrankung als „Zentralgestirn der Philosophie“ gestorben ist: „Sein Leben weist nur wenige bedeutende Ereignisse auf.“ Andererseits versichert der nachgeborene Brite: „Hegels Philosophie ist sehr schwierig – ich möchte behaupten, er ist von allen Philosophen am schwierigsten zu verstehen.“

Dabei sind Drama, Glamour und Witz in seinen 61 Jahren Leben durchaus zu finden, um bei der Annäherung an diesen Monolithen nicht gleich bei Sätzen wie jenem zu zerschellen: „Der germanische Geist ist der Geist der Neuen Welt, deren Zweck die Realisierung der absoluten Wahrheit als der unendlichen Selbstbestimmung der Freiheit ist, der Freiheit, die ihre absolute Form selbst zum Inhalte hat.“

Noch jung wurde er schon „der Alte“ genannt

Hegel jedenfalls hatte es nicht so leicht mit sich selbst. Davon zeugen zwei so launige wie prominente und zudem aufschlussreiche Anekdoten. Die erste zeigt ihn studierend in Tübingen mit den später ebenfalls berühmten Friedrich Hölderlin und Schelling – und schon da, mit 20, hatte er den Spitznamen „der Alte“ weg, im Stammbuch wurde gar als Greis am Stock dargestellt. Und stellvertretend für sein wohl nicht allzu jugendliches Temperament steht seine Reaktion auf die Französische Revolution. Auch Hegel freute sich, begeisterte sich für die Freiheit wie die Kommilitonen – aber nicht als Anbruch einer neuen Epoche. Sondern, weil er darin den Ausdruck einer in der gesamten Geschichte waltenden Kraft verstand. Schon der fleißige, aber als schwerfällig geltende Theologie-Student blickte also auf die Ewigkeit.

Die zweite Anekdote zeigt ihn, 15 Jahre und einige Hauslehrerstellen später, endlich erstmals an einer Universität lehrend. Wen sah Hegel da in Jena aus einem Versteck, während die in der Schlacht gegen Preußen siegreichen Franzosen beim Einzug in die Stadt auch seine Wohnung plünderten? Den verehrten Napoleon – und nannte ihn im Brief an einen weiteren Freund namens Friedrich, den Philosophen Niethammer, jene Geschichtskraft in Person: „die Weltseele zu Pferde“. Bis heute ein Zitat, mit dem man sich leicht über Hegel lustig macht.

Zu einem, über den es sich lohnt, Witze zu machen, weil ihn alle Welt kennt, weil Marx, Feuerbach, Kierkegaard von ihm lernten, weil sich Existenzialisten wie Sartre auf ihn bezogen, weil noch heute der Debattenkönig Zizek sich Hegelianer nennt – zu einem solchen wurde G. W. F. aber auch nicht ganz leicht. Immer wieder von Freunden wie Schelling, aber auch Goethe vermittelt, stand er trotz frühem väterlichen Erbe finanziell stets klamm in Frankfurt vor einem Drama: Die Tochter seines Hauswirts erwartete unehelich ein Kind von ihm. Erst als er nach weiteren Stationen und Verdienstversuchen – darunter als Bamberger Journalist – in Nürnberg landete, Gymnasiallehrer wurde, eine Frau aus gutem Hause heiratete und zwei eheliche Kinder hinzukamen, fand er in sicheres Fahrwasser. Mit 46 schließlich, für die damalige Zeit schon alt, machte er endlich auch akademisch Karriere, gelangte über Heidelberg nach Berlin – und all das, woran er all die Zeit gefeilt hatte, trug Früchte. Die 15 Jahre begannen, in denen Hegel berühmt, in denen er unsterblich wurde.

Womit es nun endlich und unweigerlich kompliziert wird. Denn wissenschaftliches Erkennen bedeutet für Hegel nicht, eine Sache von außen zu beschreiben, sondern „sich dem Leben des Gegenstandes zu übergeben“. Das markiert einen entscheidenden Unterschied zu Immanuel Kant. Der nämlich hatte – auch nicht eben leicht zugänglich – beschrieben, wie die Erkenntnis des Menschen funktioniert, wie seine Voraussetzungen des Verstehens das Verstehen selbst bedingen und damit begrenzen – und warum wir also unfähig sind, „das Ding an sich“ zu erkennen, die Welt unabhängig von unserem Blick. Hegel hebt diese Trennung wieder auf – mit entscheidender Bedeutung. Der Geist als Prozess des Erkennens nämlich ist nach ihm das, was Wahrheit erst entstehen lässt, die Welt in der Geschichte quasi konstituiert – denn im Menschen kommt die Natur zum Bewusstsein ihrer selbst. Und Hegels Philosophie ist der Vollzug dieses Erkennens. Man muss seine Bewegung darum von Anfang an mit durchlaufen.

Das Prinzip von These, Antithese und Synthese

Und diese Bewegung hat eine besondere Methode. Was Schülern als Grundgerüst einer Erläuterung beigebracht wird, hat hier seinen Ursprung: das Prinzip von These, Antithese und Synthese. Dass also, wer zu einer gereiften Aussage kommen will, das Gegenteil, den Widerspruch miteinbeziehen muss. Während Schüler in dieser „Dialektik“ das Argumentieren bis zu einem harmonischen Schluss erlernen sollen, geht es bei Hegel aber nicht um begründete Meinungen, sondern um absolute Wahrheit. Und da findet sich nicht so leicht ein abrundendes Ende. Die Widersprüche bleiben erhalten, rücken aber mit jedem neuen Schritt in eine höhere Komplexität – bis sie schließlich doch, in weiter Ferne, das Absolute, das Wahre erlangen.

Das ist Teleologie: Die Geschichte des Lebens und damit die Geschichte der Menschheit hat bei Hegel ein Ziel, das ihr notwendig eingeschrieben ist. Es ist ein dialektisches Fortschreiten der Vernunft, das dem Weltgeist „das Werden seiner Selbst“ ermöglicht. Nicht von ungefähr finden die Widersprüche, die da aufgehoben werden, ihre Entsprechung in einer Spaltung, die auch der Mensch in der Frage nach seiner Identität erlebt: Der, „ …weil er weiß, dass er Tier ist, hört auf, Tier zu sein, und (gibt) sich das Wissen seiner selbst als Geist“. Einerseits ist er Triebwesen, andererseits in der Lage, über sich selbst zu bestimmen, fähig zur Freiheit.

Diese Freiheit ist keine, die mit individueller Willkür zu verwechseln wäre. Der Einzelne ist Hegel sowieso so etwas wie eine Fiktion. Der Mensch existiert nur als Teil des Ganzen, das bei diesem Hauptvertreter des Deutschen Idealismus allein das Wahre ist. Sein Fortschritt ist immer einer im Umgang mit der Welt, auch im Sozialen, Politischen. So soll in der Entwicklung der Vernunft auch der Weg von der Herrschaft der Wenigen über die der Vielen zu der Herrschaft aller führen. An dieser Selbstgestaltung mitzuwirken ist, was die Freiheit des Menschen mit ausmacht.

Die Frage nach der Vernunft und  dem Ziel des Ganzen

Was abstrakt klar nach Demokratie klingt, ist bei Hegel allerdings im Konkreten ein Plädoyer für die Monarchie. Einerseits hat er in einer seiner vielen anderen Themenabhandlungen über das Wesen von Herr und Knecht beschrieben, wie sich die Abhängigkeit des vermeintlich Mächtigen zum Vorteil der vermeintlich Unterdrückten ausbilden könne. Andererseits ist da Hegels Begeisterung zunächst für Napoleon und dann die für die preußische Monarchie, zu deren Staatsdenker er auch wird. Und so wendet er sein großes Weltgebäude auch zum Lobpreis nationaler Größe an – und sieht im „germanischen Geist“ die dritte und endgültige Stufe auf dem Weg zur absoluten Wahrheit.

Hier wird es mit dem komplexen Hegel auf eine noch mal andere Art alles andere als leicht. Aber was das Konkrete angeht, sei, so schrieb er selbst, der Philosoph eh nicht dazu da, die Welt zu belehren – er bleibe auf Schlüsse aus der Dämmerung seiner eigenen Zeit beschränkt. Hegels große Fragen nach der Vernunft, dem Ziel des Ganzen und dem Zweck der Freiheit aber können auch in einer Welt noch fruchtbar sein, die er sich samt Künstlicher Intelligenz und unendlichen Weiten von Mikro- und Makrokosmos unmöglich hätte vorstellen können. Und Komplexität wieder denken zu lernen, wäre zum herrschenden Zeitgeist ja durchaus so etwas wie die notwendige Antithese. Der macht es sich mit dem Welterklären doch oft allzu leicht.

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