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Interview

28.09.2020

Heike Makatsch: "Der Gedanke an den Tod wird stärker"

Mag den Gedanken an einen unveränderbaren Wesenskern: Schauspielerin Heike Makatsch.
Bild: Imago Images

Plus Der neue Film mit Heike Makatsch ist eine Komödie mit ernsten Tönen. Mit der Schauspielerin kann man reden übers Älterwerden, das Lebensende – und auch über Gott.

Ihr neuer Film „Gott, du kannst ein Arsch sein“ beruht auf der wahren Geschichte von Stefanie Pape, die nach einer Krebsdiagnose erfuhr, dass sie nur noch wenige Monate zu leben hat und das Leben so richtig auskosten wollte. Ist das für Sie ein spezieller Anreiz, für so ein Projekt zuzusagen?

Heike Makatsch: Diese Geschichte als solche ist ja eigentlich universell. Dafür braucht man kein Buch als Vorlage. Trotzdem ist das Projekt etwas Besonderes, da wir hier reale Tagebuchaufzeichnungen haben, die die innere Befindlichkeit dieses Mädchens zeigen. Außerdem war Steffis Vater an dem Projekt beteiligt und hat den Prozess begleitet. Das gibt dem Ganzen eine andere Substanz oder man könnte auch Gütesiegel sagen. Wir haben nicht einfach eine Geschichte erfunden, die die tragische Emo-Keule schwingt, sondern basieren sie auf etwas, das real passiert ist. Das gab uns also eine spezielle Berechtigung, diesen Film zu drehen.

Der Film hält sich allerdings nicht ganz getreu an die reale Vorlage.

Makatsch: Ja, da gibt es Handlungsstränge, die vom Drehbuchautor dazu erfunden wurden. Teilweise weicht der Film somit von der Vorlage ab. Das Ganze wurde dadurch ein „Road Movie“, weil unsere Figur mit einem Freund nach Paris aufbricht. Aber aus meiner Sicht helfen diese Änderungen, die Erkenntnis, die wir aus der Geschichte ziehen wollen, noch zu betonen. Und die heißt: Wir lieben das Leben und feiern es, weil uns niemand versprechen kann, dass es währt, bis wir 80 oder 70 sind.

Sie spielen darin die Mutter des Mädchens. War das auch Ihre Wunschrolle in dem Szenario?

Makatsch: Ich hätte ja sonst keine andere Rolle spielen können. Der Zirkusdirektor in der Geschichte hätte nicht wirklich gepasst (lacht). Ich wollte auf jeden Fall mitwirken, weil mich das Thema des Loslassens sehr bewegt hat.

Können Sie das genauer erklären?

Makatsch: Als Mutter von drei Töchtern konnte ich sofort nachvollziehen, was es bedeutet, loszulassen – und zwar als Mutter, Fürsorger, erste Bezugsperson. Dass es im Fall dieser Filmgeschichte ein endgültiges Loslassen ist, das ist für mich und meine Identifikation zweitrangig. Zuerst versucht man festzuhalten und will kontrollieren und dann begreift man für sein Kind: Nein, du bist deshalb glücklich, weil ich dich liebe und nicht, weil ich überwache, was du tun sollst und wie dein Leben zu verlaufen hat. Damit konnte ich viel anfangen. Ich bin froh, dass mir Auseinandersetzungen mit den Filmstoffen, an denen ich arbeite, immer wieder derartige Denkanstöße geben.

"Bei meinen Eltern setze ich manchmal eine Unsterblichkeit voraus"

Der Film stellt das Thema Tod und Sterben in den Mittelpunkt, um das unsere Gesellschaft lieber einen Bogen macht. Wie ist es bei Ihnen: Versuchen auch Sie, dem aus dem Weg zu gehen, oder sehen Sie den harten Tatsachen des Lebens ins Auge?

Makatsch: Ich würde das Zweitere von mir behaupten. Aber ich habe noch keine Menschen verloren, die mir wirklich sehr nahestanden. Meine Eltern leben noch. Auch alle nahen Verwandten und Bekannten sind zum Glück gesund. Sprich: Tod und Krankheit haben in meinem Leben noch keine so große Rolle gespielt.

Aber wie konfrontieren Sie sich mit diesen grausamen Wahrheiten?

Makatsch: Ich spreche natürlich aus einer Position, die theoretisch ist. Ich sage: Ich möchte mich mit diesen Themen mutig auseinandersetzen, also mit Tod, Loslassen und der Akzeptanz, dass die Strecke auf dem Erdball nur ein Teil von etwas Größerem ist. Ich musste das praktisch einfach noch nicht tun. Natürlich weiß ich nicht, wie ich damit umgehe, wenn es so weit ist. So eine Schockdiagnose wie in dem Film würde ich auch nicht besonnen annehmen. Aber ich werde auch nicht jünger, und die Menschen um mich herum ebenso wenig. Das heißt, der Gedanke an den Tod wird stärker, und wenn das Ganze noch ein bisschen anzieht, werde ich mich noch mehr damit beschäftigen.

Wobei man ja hofft, dass das Leben nie vorbeigeht …

Makatsch: In der Tat, bei meinen Eltern setze ich manchmal eine Unsterblichkeit voraus. Im Herzen ist dieses Gefühl immer noch ganz stark.

Wie würden Sie Ihre Befindlichkeit zwischen theoretischem Erkennen der Situation und emotionaler Bindung beschreiben?

Makatsch: Ich erstarre jedenfalls nicht vor Angst – warum nicht, das verstehe ich selbst nicht so recht. Bei mir ist es entweder Verdrängung oder Akzeptanz. Eines von beidem, ich bin mir da nicht schlüssig. Jedenfalls genieße ich die Zeit, die ich mit ihnen habe, mit einer gewissen Gelassenheit und nicht mit der Prämisse: „Weil sie bald vorbei ist“. Es ist einfach Genießen. Aber ich weiß, dass ich eines Tages Abschied nehmen muss, und das wird eine große Trauer nach sich ziehen. Das ist Teil des Kreislaufs, und ich will dem Ganzen auch ins Auge blicken.

Im Herzen hoffen Sie ja auf Unsterblichkeit, wie Sie sagten. Aber inwiefern haben Sie sich schon mit der Frage beschäftigt, ob es nach dem Tod irgendwie weitergehen kann?

Makatsch: Diese Gedanken drängen sich immer mehr in mein Leben hinein.

Wie sehen diese Gedanken aus?

Makatsch: Die Frage ist, ob es eine Energie gibt, die bestehen bleibt und die sich in einen Kreislauf einfügt. Wie dieser aussieht, da habe ich noch kein Bild vor Augen. Ich glaube jedenfalls nicht daran, dass man als Wesen mit seinen eigenen Gedanken oder Gefühlswelten oben an der Decke sitzt und auf die Welt herunterguckt. Aber ich öffne mich immer mehr dem Gedanken, dass es einen größeren Kreislauf gibt als den, den wir im Hier und Jetzt verstehen können. Wenn ich Genaueres herausgefunden habe, sage ich Ihnen Bescheid.

Oder ich Ihnen. Das hängt davon ab, wer von uns beiden als Erster die Erfahrung macht.

Makatsch: In der Tat, man weiß nie, wer zuerst zu gehen hat. Aber ich mag den Gedanken, dass es einen unveränderbaren Wesenskern gibt, der nie vergeht.

Abgesehen von diesem schweren Thema ist Ihr neuer Film aber auch eine Geschichte über Eltern und Kinder. Hat Ihnen diese Geschichte da neue Erkenntnisse vermittelt?

Makatsch: Wie schon gesagt, ist Loslassen ein zentrales Thema der Mutter in diesem Film. Das heißt, das Vertrauen in etwas, das nicht in unserer Hand liegt.

Wie schafft man es, dieses Vertrauen zu bekommen?

Makatsch: Man muss sich bewusst machen, dass jeder Mensch, der erwachsen wird, seine eigene Kraft hat. Diesen Gedanken genieße ich. Und so fällt es leicht, Kinder in die Welt hinauszuschicken.

Müssen Sie dabei auch mit gutem Beispiel vorangehen?

Makatsch: Natürlich. Ich frage mich, wie ich mein Leben so gestalte, dass ich eine Vorbildfunktion für die heranwachsende Generation haben kann. Ich möchte jungen Frauen zeigen, was es bedeutet, als Frau in dieser Gesellschaft stark zu sein für sich selbst, und für sich einzustehen. Und ich möchte auch die Selbstverständlichkeit dafür vermitteln, was sie als Frauen alles verdient haben.

 Heike Makatsch: "Man hat das Gefühl, wir sind alle auf der Suche"

Finden Sie denn, dass sich unsere Gesellschaft bei diesen Themen in die richtige Richtung bewegt? Speziell 2020 geht es ja auf der Erde bewegter zu denn je.

Makatsch: Es ist alles sehr komplex. Man hat das Gefühl, die Erde rennt unaufhaltsam dem Abgrund entgegen, und währenddessen reiben wir uns an dieser und jener Thematik kurz auf. Mir fehlt manchmal die Kontinuität in den Themen, die von den Medien hochgepuscht werden und dann schon wieder nichts mehr bedeuten. Das macht es manchmal schwer, daran zu glauben, dass wirkliche Veränderung möglich ist.

Sind Sie da wirklich pessimistisch?

Makatsch: Natürlich denke ich, dass so etwas wie #MeToo, Black Lives Matter oder die Fridays-for-Future-Bewegung die Sensibilitäten und unser Bewusstsein schärfen. Man kann nicht mehr einfach zu den früheren Zuständen zurückkehren, wo viele Dinge nicht hinterfragt, sondern einfach akzeptiert wurden. Auf diese Weise werden Machtverhältnisse infrage gestellt, vielleicht werden sie sogar gekippt.

Sind so radikale Schritte nötig?

Makatsch: Ja, manchmal muss man übers Ziel hinausschießen, um dann eine neue Realität möglich zu machen. Das ganze auf Gewinnmaximierung beruhende System macht eine Gleichheit oder Gerechtigkeit auf diesem Erdball unmöglich. Das müsste komplett verändert werden. Doch ich habe da keine Lösung parat, denn die Situation ist sehr komplex. Man hat das Gefühl, wir alle sind auf der Suche. Die Menschen müssen neu ankommen, sei es in den Umweltfragen, sei es in Genderfragen, sei es im Nord-Süd-Gefälle auf der Erdkugel. Es gibt so viele Fragen, und die Ungleichheiten sind so gravierend – wie heißt der Filmtitel: „Gott, du kannst ein Arsch sein“.

Aber im Ernst – gibt es Gott und ist er gelegentlich ein Arsch?

Makatsch: Sollte es einen Gott geben, dann ist er auf keinen Fall ein Arsch.

Zur Person: Heike Makatsch gehört zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Films. Ihre Karrie startete sie zu Beginn der 1990er Jahre zunächst als Moderatorin beim Musiksender Viva. Im Kino sah man sie wenig später erstmals in der Komödie „Männerpension“. In die vordere Liga der deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation spielte sie sich 2009 mit dem Hildegard-Knef-Biopic „Hilde“. Ihr neuer Film „Gott, Du kannst ein Arsch sein“ startet am 1. Oktober in den Kinos.

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