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Literatur

05.12.2019

Heruntergedimmtes Drama des Lebens: Stewart O‘Nans neuer Roman

Stewart O‘Nan beschreibt in seinem neuen Roman das häusliche Leben eines Rentnerpaares in den USA. Langweilig? Das täuscht.
Bild: Foto: Getty Images

Der US-Autor erzählt erneut meisterhaft vom Rentnerdasein. Nach „Emily, allein“ widmet er sich nun einem Jahr im Leben ihres verstorbenen Mannes Henry

Vor sieben Jahren haben wir an dieser Stelle den Roman „Emily, allein“ vorgestellt. Die Besprechung begann so: Kann das gut gehen? Ein Roman über das ruhige und gesittete Leben einer Witwe jenseits der 75, die allein mit ihrem altersschwachen Hund in Pittsburgh in einem Haus lebt, ab und zu etwas mit ihrer Schwägerin unternimmt und sich noch einmal ein neues Auto leistet? (...) Ja, das geht gut. Denn der, der von diesem durchschnittlichen Mittelklasse-Seniorenleben erzählt, ist Stewart O’Nan.

Jetzt legt der US-Schriftsteller mit „Henry persönlich“ nach. Ein Roman über ein Jahr im Leben Emilys, als Henry, ihr Mann, noch an ihrer Seite lebte. Wieder besticht der Roman – erzählt aus der Sicht des 75-jährigen Henry Maxwell – durch ein großes Gespür für das heruntergedimmte, gewöhnliche Drama des alltäglichen Lebens, das im Rentenalter zwischen Unbeschwertheit, Ratlosigkeit, Ritualen und verdrängter Todesnähe changiert. Geht das wieder gut? Ja, das geht wieder gut.

Ein Hund, zwei Kinder und vier Enkelkinder

O’Nan zieht aus den alltäglichsten Begebenheiten wie Einkaufen, Hausarbeit, Restaurantbesuchen und Wintersonntagen daheim den Stoff für einen bewegenden Roman. Wie er das Rentnerleben mit seiner Wiederholungsbeflissenheit zu Literatur macht, wie er fein dosiert Betrachtungen über die Vergangenheit, die Familie, die Vergänglichkeit und die Lebenslust einflicht – das ist von einer stillen Meisterschaft, die niemals auftrumpft.

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Der Roman erzählt also ein Jahr im Leben von Henry Maxwell, der in Pittsburgh eine gut eingespielte Ehe mit Emily führt, mit der er seit 49 Jahren verheiratet ist. Im Haus lebt nur noch Rufus, ihr Hund. Das Paar hat Kinder, Kenny (verheiratet mit Lisa, zwei Kinder) und Margret (verheiratet mit Jeff, zwei Kinder), wobei Margret das Sorgenkind ist: Pechvogel, Alkoholikerin, Süchtige, ihre Ehe steht vor dem Scheitern, ständig braucht sie Geld... Zur Familie gehört auch Arlene, Henrys ältere Schwester, alleinstehend.

Henry ist Ingenieur, ein passionierter Heimwerker, einer, der seine Tage ruhig verbringt, mit Basteln, Spaziergängen mit dem Hund, Einkaufsfahrten, ab und zu einer Runde Golf mit drei alten Kollegen. Er macht die Steuer im Arbeitszimmer, sorgt sich um den Rasen im Garten, bekämpft Mäuse und hält alles in Schuss. Emily regiert im Haus und in der Küche. Sie ist bestimmend, zupackend – und Henry gibt oft nach, geht aus dem Weg, ist einer, der sich ihrer Resolutheit und ihren Regeln mit melancholischer, fast weiser Nachgiebigkeit anpasst.

Henry wird ab und an heimgesucht von Kriegserlebnissen, er war als Soldat in Frankreich und Deutschland, er hat Schlimmes erlebt und zu verdrängen versucht. Ansonsten stellt er sich dem Leben, das für ihn vor allem Routine und nur kleine Triumphe bereithält. Er führt Erledigungslisten, er hat Angst, schwach und vergesslich zu werden, er genießt es manchmal, wenn die Familie zusammen ist (im Sommerhaus oder bei Festen) – auch wenn er und Emily Bammel davor haben, weil es knirscht... Henry lebt so dahin, ordentlich, gewissenhaft, abgesichert.

Zum Ton von Stewart O‘Nangehört ein feiner Humor

O’Nan blickt mit Sympathie und unerbittlicher Beharrlichkeit auf seine Figuren. Er braucht weder spektakuläre Ereignisse noch Abgründe – ihm genügt der ruhige Fluss des beschaulichen Daseins, um in die Tiefe des Menschseins zu loten. O’Nan beschreibt die stillen Abenteuer des Rentnerlebens geduldig, altersmilde und undramatisch. Feiner Humor gehört zum Ton des Romanciers, der aber nie denunziert und vor allem vollkommen kitschfrei bleibt. Er lässt immer wieder feine Risse entstehen, die den Blick freigeben auf Grundfragen der Existenz. Tod, Krankheit, Leid, Erinnerungen, Zaghaftigkeit, die absehbare Begrenztheit des Lebens, das noch bleibt, Wünsche, die man nur noch denkt, sich nicht mehr erfüllt. Das ist souverän, ohne Häme, klug und wahr geschrieben.

Wie O’Nan das Große mit dem Banalen verbindet? Ein Moment aus dem Roman, in dem Henry sinnierend spazieren geht: „Das hier waren dieselben Häuser, dieselben Straßen, vielleicht sogar dieselben Kirchenglocken, die sein Onkel Henry, seine Eltern und Großmutter Chase mit ihrem Missionarskreuz vor einem Jahrhundert gehört hatten, alle tot, wie auch er es bald sein würde, ein Grabstein die einzige Spur, die er hinterließ. Als Kind hatte er sich gefragt, warum sich jemand wünschen sollte, ewig zu leben. Doch inzwischen fand er die Verheißung notgedrungen verlockend, auch wenn er immer noch nicht verstand, wie es funktionieren sollte. Rufus musste kacken und hockte sich vorsichtig ins nasse Gras.“

Stewart O’Nan: Henry persönlich. Übersetzt von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, 480 Seiten, 24 Euro

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