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Ihr Weicheier!

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Kommentar Von Stefanie Wirsching
06.06.2019

Bret Easton Ellis galt einmal als Skandalautor. In seinem Buch „Weiß“ mokiert er sich jetzt über die Millenials, die Opferkultur, die Trump-Hysterie. Kein Skandal, aber ein Aufreger.

Bret Easton Ellis galt einmal als Skandalautor. Es ist mit diesem Ruhm so wie mit jedem Ruhm: Will man ihn erhalten, muss man ihn im Grunde ständig füttern. Das hat Ellis zuletzt nicht mehr so richtig getan. Zu viel klein-klein. Der Amerikaner, Jahrgang 1964, schrieb Drehbücher, machte ein Podcast, für den er Künstler zum Widerstreit zwischen Ideologie und Ästhetik in der Kunst befragte, twitterte viel. Manchmal nachts, manchmal nach dem einen oder anderen Drink zu viel. Nicht gut.

Aber: kein großer Roman. Nun hat er zumindest wieder dies geschafft: Mit seinem jüngsten Buch „Weiß“ hat er Bari Weiss, Kolumnistin der New York Times so weit gebracht, dass sie das Buch am liebsten durchs Zimmer geschleudert hätte. Wow!

Das ist natürlich nichts im Vergleich zu den Reaktionen auf seine ersten beiden Bücher. 1985 erschien sein Roman „Unter Null“, in dem er ein Psychogramm seiner Generation zeichnete. Er machte aus dem Collegestudenten über Nacht einen Kultautor. 1991 dann kam sein verstörendes Buch „American Psycho“ über einen jungen Wall-Street-Banker, der nachts zum mordenden Monster wird. Sein Verlag wollte es nicht drucken; ein anderer sprang ein. In Deutschland war das Buch zeitweise wegen seiner Gewaltexzesse verboten. Es ist mittlerweile längst verfilmt und gilt als Klassiker.

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Halb Erinnerung,halb Streitschrift

Man muss das vielleicht noch einmal erzählen, um die Reaktionen zu verstehen. Bret Easton Ellis, der jüngere Kollegen prägte, ist jemand, an dem man in Amerika nicht vorbeikommt, dessen neues Buch, halb Memoir, halb Streitschrift, man nicht ignorieren kann – als ein Lamento dieser desillusionierten Generation-X-Typen. Sondern über das man sich als Teil der linksliberalen Kulturelite aufregen muss. Er schreibt jetzt Sätze wie diese:

„Es gab einmal eine magische Zeit, so scheint es aus heutiger Sicht, als man seine Meinungen einfach öffentlich sagen und damit eine echte Diskussion anregen konnte, doch heute scheint die Kulturszene solche Angst vor echtem Diskurs zu haben, dass jede direkte Meinungsäußerung sofort wieder einen persönlichen Angriff provoziert.“

Solche Sätze. Und davon noch viel mehr. Über Millenials schreibt Ellis: Es seien übersensible Weicheier, die keine Gegenmeinung zulassen, nur noch gelikt, gekuschelt und getröstet werden wollen. Er findet den Film „Moonlight“ überschätzt und mit einem Oscar wohl nur prämiert „weil er alle Kriterien unserer derzeitigen Besessenheit von Identitätspolitik erfüllt. Die Hauptfigur war schwul, schwarz, arm gemobbt und ein Opfer.“ Er kritisiert die Mainstream-Medien, auch die New York Times, weil die im Wahlkampf „eindeutig parteiisch und systemtreu geworden waren.“ Er beschreibt, wie zahlreiche Freunde nach der Wahl Trumps unfähig waren, das Ergebnis zu akzeptieren.

Sein Lebenspartner, Generation Weichei, gab danach offenbar für Monate das Rasieren auf und ging nicht mehr aus dem Haus. Seine Meinung: „Man konnte auf jeden Fall unzufrieden über seine Wahl sein und dennoch verstehen, warum er gewählt worden war, ohne dabei einen völligen geistigen und seelischen Zusammenbruch zu erleiden.“ Und so weiter und so weiter.

Von der Gesinnungsdiktatur in den Sozialen Medien

Bret Easton Ellis nimmt also kein Blatt vor den Mund. Aber weil es Bret Easton Ellis ist, der da austeilt und äzt, sich über die Opfer- und Empörungskultur, die fehlende Diskursbereitschaft, über politisch korrekte Tugendwächter, schwule Spießer und die Gesinnungsdiktatur in den Sozialen Medien mokiert, handelt es sich eben nicht um dumpfes Provozieren. Er wirft sich lustvoll in die Pose des Außenseiters, gibt sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit und des offenen Diskurses – aber analysiert dabei tatsächlich oft klug, anschaulich und ziemlich unterhaltsam Zeitgeist und Gegenwartskultur.

Dabei zitiert er kurios anmutende Fallbeispiele: Wie er beispielsweise erst zu einer Gala von einem Schwulenverband eingeladen, dann wieder ausgeladen wird, weil die Organisatoren sich durch seine Tweet-Vergangenheit gelesen haben und nun Sorge haben, der Rest der Gäste könnte sich durch die Anwesenheit von Ellis im harmonischen Miteinander gestört fühlen.

Die Tweets. Es gibt etliche auf seinem Account, die man als nicht gelungen bezeichnen kann, die auch durch seine seitenlangen Rechtfertigungen nicht besser werden. Beispiel: „Kathryn Bigelow würde als einigermaßen interessanter Regisseur gelten, wäre sie ein Mann; aber da sie eine gut aussehende Frau ist, wird sie echt überschätzt.“ Die Reaktionen waren erwartbar. Sein nächster Tweet dazu: „Dauerbeschuss von Leuten, die mich sexistisch und toxisch finden...“

Im Grunde ist er sauer, dasser nicht bösartig sein darf

Ellis gebärdet sich wie ein Herrchen, das über sein herumkläffendes Twitter-Ich sagt: „Es will doch nur spielen.“ Bei Bisswunden abwinkt: „Hab dich doch nicht so.“ Und dann ziemlich beleidigt ist, wenn niemand mit seinem Twitter-Ich mehr spaziergehen will. „Wenn man sich nicht brav an die neuen Spielregeln des Systems hält, wird man verbannt, ausgewiesen, aus der Geschichte gelöscht.“ Im Grunde ist er sauer, dass er nicht so bösartig sein darf, wie er möchte ... und deswegen heult!

Was sich Bret Easton Ellis wünscht: Dass sich „alle mal ihre Erwachsenenkleider anziehen“ und sich an der Bar bei einem steifen Drink richtig miteinander unterhalten. Das Buch auf jeden Fall bietet Gesprächsstoff! Auch über den Autor selbst. Er schreibt über seine Kindheit in Los Angeles, wie er sich mit Horrorfilmen abhärtete, während die Eltern ungestört von Kindergedöns ihr Leben mehr oder minder verpfuschten, was der Erfolg mit ihm machte, er also zu dem wurde, der er nun ist: ein Typ aus Generation X, der sich denkt, da ging doch schon mal mehr, und dabei die breite Brust reckt. Einer, den Trump nicht schocken kann. Er hat ihn nicht gewählt, er hat gar nicht gewählt, weil ihm die Alternative missfiel.

Gegen Trump hilft nur eines, findet Ellis: ein besserer Gegenkandidat.

Bret Easton Ellis: Weiß. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro

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