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Kritik

15.08.2019

In diesem „Orpheus“ geht der Unterleib auf Lustreise

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Yes we Can-Can: Offenbachs „Orpheus“ auf die Bühne zu bringen, ist eine lustvolle Unternehmung.
Bild: Monika Rittershaus/SF

Plus In Offenbachs Ur-Operette darf auch unter der Gürtellinie gelacht werden. Jetzt hat Barrie Kosky das Stück in Salzburg inszeniert. Das Publikum kringelt sich.

Kleines Quiz zum Einstieg dieser Kritik, die sich nicht wird anstrengen müssen, ein Loblied, einen Jubelgesang anzustimmen.

In welchem Stück der Gattung Musiktheater hat a) ein Solisten-Ensemble möglichst im Unisono zu schnarchen?, herrschen b) ausgedehnte Doppel-Rosenkriege statt Hürdenläufe zur finalen Doppelhochzeit?, ist c) ein Gatte heilfroh, dass seine Gattin in der Unterwelt brät und gesotten wird?, gibt sich d) eben diese Gattin allzu schnell den erotischen Verlockungen einer ordinären Stubenfliege hin?

Mancher Leser mag schon ahnen, dass hier kein Werk Richard Wagners in Frage kommt, weil er in seinen Opern eine etwas andere thematische Richtung einschlug, und selbst vom gewitzten Mozart ist derlei Defätismus vorerst noch nicht entdeckt. Und doch befindet man sich mit der Nennung Mozarts auf keinem ganz unrechten Pfad: Gesucht ist der kleine Mozart der Champs-Élysées beziehungsweise eines seiner Hauptwerke. Gesucht ist Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“, ein irrwitziges Stück Musiktheater, die Ur-Operette schlechthin. In ihren respektlosen Blödigkeiten wälzte sich jetzt das Salzburger Festspielpublikum, um mal einen zeitgenössischen Pariser Verriss zu einem seinerzeit vorausgegangenen Offenbach-Werk zu paraphrasieren. Es wälzte sich das Salzburger Publikum aber in lärmendem Vergnügen über diesen vierten Volltreffer des Festspielsommers 2019 – nach Münchens „Agrippina“, nach dem Bregenzer „Rigoletto“, nach dem Bayreuther „Tannhäuser“. Und es wälzte sich in kringelndem Vergnügen über verdammt viel köstlichen Dégoût im heiligen Haus für Salzburgs Hausgott Mozart.

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Skurril, dieser neue Salzburger "Orpheus": Max Hopp (Hans Styx), Marcel Beekman (Aristee/Pluton) und Martin Winkler (Jupiter, von links).
Bild: Leo Neumayr/APA/dpa

Angerichtet hatte diese Inszenierung zum 200. Geburtsjahr Offenbachs der genialische Barrie Kosky, genau der, dem auch die Münchner „Agrippina“ über die Maßen glückte, genau der, der Bayreuths aktuelle „Meistersinger“ auf deren antisemitischen Konnex stark abklopft. Jetzt nun erwies er als Generalintendant seines eigenen Esprits dem Deutsch-Franzosen Offenbach die Reverenz, jetzt nun macht der göttliche Spaßmacher uns lachen in Salzburg, weil er zwischen dem absoluten Überdrehen des komplett Albernen und der Treffgenauigkeit gesellschaftlicher Satire ebenso wenig unterscheidet wie zwischen Männlein und Weiblein und den diversen Diversitäten unserer sexuell kunterbunt orientierten Welt. Und so ist man ausnahmsweise auch mal wahnsinnig gerne bereit, herzhaft unter der Gürtellinie zu lachen. Der Abend surrt und schnurrt mit seinen niederen und höheren Blödigkeiten im Belle-Époque- und Höllenbühnenbild von Rufus Didwiszus wie eine frisch geölte Nähmaschine. Und manchmal stellt sich die Idee ein, die Wiener (Salon-)Philharmoniker sollten sich Offenbach doch wöchentlich widmen, auch wenn die solch freundlichen Hinweis womöglich als degoutant empfinden.

Orpheus hat es nicht leicht mit seiner Eurydice

Yes, selbst Salzburg kann Can-Can, möchte man ausrufen, wenn hier mit Frauen- und vor allem anzüglichem Männerballett urkomisch-originelle Tanz-Rasanz wirbelt (Choreografien: Otto Pichler); ja, selbst Salzburg kann sich entfesseln und entgrenzen, wenn es die höchsten Götter rund um Jupiter auf eine auch durch Audi gesponserte Lustreise in die Unterwelt schickt und die ganze Partie und Chose mit vergoldeten Schniedelwutzen in Rausch und Bacchanale endet; ja, selbst Salzburg kann sich königlich amüsieren, wenn sämtliche Dialoge hier zusammengefasst sind in der Figur des Hans Styx, lüsterner Gehilfe des Unterweltgottes Pluto, den die leicht mannstolle Eurydice genauso empfängt wie Jupiter, eben als Stubenfliege. Dieses untraurige Erdenkind weiß halt sein Liebesleben einzurichten. Nur Orpheus, ihren Mann, den sie als einen lausigen Musiker mit widerlichen Tonschöpfungen ansieht, kann sie nicht ab.

Orphée geigt, Diane (Vasilisa Berzhanskaya) und Venus (Lea Desandre) sind skeptisch: Szene aus Barrie Koskys Offenbach-Inszenierung.
Bild: Leo Neumayr/APA/dpa

Aber zurück zu Hans Styx respektive Max Hopp. Er ist an diesem Abend die Granate. Spricht jeden Dialog-Part in allen notwendigen Höhen (Koloratursopran bis Bass), singt selbst und gibt auch noch den Geräuschemacher zu allen Comic-, Comedy- und Slapstickszenen. Ihn hat Barrie Kosky als Zentralfigur zum Vorantreiben der haltlosen Geschehnisse angeheuert, und man weiß nicht recht, ob man mehr seine Gedächtnisleistung, seine Reaktionsschnelligkeit oder seine Bühnenpräsenz bewundern soll, wenn er wie eine gebeugte Karl-Valentin-Gestalt die gesamte satirische Süffisanz bündelt. Aus ihm spricht die infantil-debile Plemplem-Hautevolee, er kennt die Unterleibswünsche in- und auswendig, die der „Offenbock“ (Paul Verlaine) dem Götterkreis um Jupiter – gemeint war Napoleon III. – in die Wiege und ins Bett gelegt hat.

Ist doch interessant, dass diese geniale Genital-Sause, diese frivole Parodie-Travestie voller tiefer anatomischer Einblicke das in aller Regel sich der Etikette verpflichtet fühlende Salzburger Publikum außer Rand und Band vor Begeisterung bringt, deutlich mehr jedenfalls als bei den diesem Satyrspiel vorausgegangenen mythologischen Tragödien „Idomeneo“, „Medée“ und „Oedipe“. Es soll ja das Lachen des Erkennens geben.

Die Öffentliche Meinung ist das Gegenteil von sexy

Gesprochen wird deutsch, gesungen und geliebt wird französisch. Kathryn Leweks überschießende Eurydice-Hormone gehen Hand in Hand mit ihren quiekend-überschießenden Soprankoloraturen, während Anne Sofie von Otter in ihrem streng-schwarzen Gouvernanten-Gewand eindringlich, doch ungeliebt-unsexy als „Öffentliche Meinung“ mahnt. Martin Winkler als Jupiter und Marcel Beekman als Pluto erreichen das Klassenziel sowohl vokal wie sexuell: Bei geistiger Unterbelichtung besitzen sie doch mehr Ausstrahlung, Macht und Power als Orpheus (Joel Prieto), der zwar wunderschön singt und geigt, aber seine Frau damit nicht wirklich im entscheidenden Punkt beglückt.

Enrique Mazzola aber, den Kosky als ständigen ersten Gastdirigenten der Komischen Oper Berlin mitgebracht hat, brennt mit den Wiener Philharmonikern auf die Sekunde genau ein Präzisionsfeuerwerk ab, in dessen funkelndem Lichtschein wir noch Stunden später nette Konstellationen und Kopulationen zu sehen vermeinen.

  • Weitere Aufführungen am 17., 21., 23., 26. und 30. August.
  • Der TV-Sender-Arte zeigt die Inszenierung am 17. August um 20.15 Uhr.
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