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Interview
25.01.2021

Fotograf Jim Rakete über Klimaschutz und Überzeugungen

„Das Feld, das man bestellt, mag sich ändern – die Haltung bleibt“, sagt Jim Rakete.
Foto: Christian Charisius, dpa

Jim Rakete spricht über sein Engagement in der Klimabewegung, Impulse für seine Arbeit und schmerzhafte Veränderungen der Sprache.

In der Dokumentation „Now“, deren Start wegen des Kino-Lockdowns erneut verschoben wurde, zeigen Sie den Kampf der jungen Generation gegen die Klimakatastrophe. Ist diese Thematik für Sie neu?

Jim Rakete: Ich weiß nicht, wie oft mich die Klimafrage schon berührt hat. 1974/75 hatte man die große Energiekrise. Da fragte man sich, wird man Filme kaufen können, wird man Schallplatten zurückbringen müssen, wenn man neue Platten haben will. Es gab autofreie Sonntage. Es wiederholt sich alles.

Alles?

Rakete: Die aktuellen Proteste haben schon eine besondere Qualität. Einer der großen Unterschiede zur 68er-Bewegung ist es, dass wir ganz viele junge Frauen an der Spitze sehen. Die haben ein anderes Narrativ, die reiben sich nicht so auf in Konkurrenzkämpfen. Und der Protest damals war nicht so wissenschaftlich fundiert, es ging vielmehr um die Frage: Wollen wir weiterhin mit dem schmutzigen Gepäck der Kriegszeit leben? Und das war befeuert von einem Ereignis, der Tötung Benno Ohnesorgs. Jetzt ist der Protest wissenschaftlich fundiert und er geht von einer politischen Entscheidung aus. Denn die jungen Leute fragen sich, warum das Pariser Klimaprotokoll nicht eingehalten wird.

Aber was war für Sie das Motiv, diese neue Bewegung zu dokumentieren?

Rakete: Als mir das Thema vorgeschlagen wurde, bin ich auf die ersten Klimademonstrationen gegangen, um zu schauen, wie stark diese Bewegung ist. Und das hat mich zu den Anfängen meiner Laufbahn zurückgeführt. Bei den 68er-Unruhen war es auch so, dass ich mir das erst mal nur angeguckt habe, und dann wollte ich das fotografieren, weil man diese Bilder nicht in der Zeitung gesehen hat. Das war der Auslöser, warum ich Fotograf wurde. Und jetzt ist es am anderen Ende meines Lebens ähnlich: Ich finde vieles nicht in den Medien, also muss ich mit meinen Mitteln Verantwortung übernehmen. Aber ich wollte mich auch auf die Auswege und Lösungen der Problematik konzentrieren. Bilder vom Eisbär auf der Scholle haben wir genug gesehen.

Wie stark umweltbewegt waren Sie in jüngeren Jahren?

Rakete: Mitte der 70er habe ich als unmittelbare Konsequenz aus der Energiekrise meinen Volvo verkauft und mir einen R4 zugelegt. Ich fand es ganz skandalös, in der Situation weiterhin so viel Benzin zu verbrauchen. In Sachen Energie bin ich immer sparsamer geworden. In der Stadt fahre ich nur noch Fahrrad. Nur wenn ich aufs Land muss, nehme ich das Auto.

Trotz Ihres Namens fahren Sie also keinen schnellen Sportwagen.

Rakete: Das ist nicht in meiner Art. Langsam bin ich trotzdem nicht. Die Jüngeren laufen schneller, aber die Älteren kennen die Abkürzungen.

Das Wort "Promi-Fotograf" hört Jim Rakete gar nicht gerne.
Foto: Federico Gambarini, dpa

Wie sehen Sie denn die Generation der Neuen Deutschen Welle, die Sie als Manager entscheidend mitgeprägt haben?

Rakete: Ich würde sagen, dass die Neue Deutsche Welle deutlich nach meinem Engagement kam. Wir haben das zwar mit dem, was wir gemacht haben, verursacht, aber das war die Wetterscheide. Ob das die Ironie bei Spliff war oder der Perspektivwechsel von Nina Hagen, als sie in den Westen kam, das alles hatte ein Narrativ, und das war wuchtig. Bei Nenas „99 Luftballons“ flossen Motive der Friedensbewegung ein und gleichzeitig war das eine total schöne Erzählung. Und als die deutsche Sprache wider Erwarten gegen den Goliath der amerikanischen Popmusik reüssierte, war das wie ein Freifahrtschein. Da haben junge Bands gesagt: Ich kann jetzt auch einen Song auf einer Küchenmaschine singen, der hat nur drei Töne. Das war die Neue Deutsche Welle, aber die kam später. Und ab da hörte es auf, clever und raffiniert zu sein. Es ist eher kalkuliert gewesen. Oder wie das Ulla Meinecke ausdrückte, „vorher haben die Leute gespielt, dann haben sie gezielt“.

War das der Grund, weshalb Sie sich dann aus dem Musik-Management zurückgezogen haben?

Rakete: Ich wollte das viel früher tun. Als Nina Hagen 1979 ihre Band verließ, wollte die Band sich eine neue Sängerin suchen. Da habe ich gleich gesagt „Das könnt ihr vergessen. Ihr werdet keine solche Sängerin finden, die die stimmliche Kapazität hat, solche Texte rüberzubringen.“ Und schwupp, war ich in der nächsten Herausforderung und wir haben die Rockoper „Spliff Radio Show“ geschrieben. Das war erfolgreich, und dann machten die Spliffer ihr erstes deutschsprachiges Album. „8555“, dafür bekamen sie Doppelplatin. Dann kam die Nummer 1 mit Nena in Amerika. Ich hatte nie gedacht, dass wir das hinkriegen würden. Ich habe einfach weitergemacht, weil der Zeitpunkt dazu immer falsch zu sein schien. Und es klappte ja alles prima.

Aber dann...?

Rakete: Der Himmel wurde grau, als alle Musiker, die ich so schätzte, Produzenten sein wollten. Die haben nicht mehr so sehr das Musikmachen im Vordergrund gesehen, sondern die wollten im Studio sitzen und große Klangkünstler werden. Das war der Teil, der mich nicht so wahnsinnig interessiert hat. Das Andere war mir viel wichtiger: Worum geht es? Wie kriegt man das auf die Bühne? Wie kriegt man das in die Medien? Wie wird es verstanden? Darüber habe ich mir immer viele Gedanken gemacht. Ich war eher derjenige, der gesagt hat: „What’s the beef? Worüber reden wir? Was wollen wir sagen? Nenn mir die drei Sachen, die du rüberkriegen willst, denn vier kriegst du nicht.“

Das alles ist ja nun lange her. Stört es Sie, wenn Sie immer noch auf diesen Aspekt Ihrer Karriere angesprochen werden?

Rakete: Sagen wir es so: Es hat fast 30 Jahre gebraucht, bis die Leute nicht mehr „Rakete, Nina, Nena“ in einem Satz sagen. Als ich „Now“ gedreht habe, kam ein Team von Arte, und die brachten es fertig, zweimal in vier Minuten das Wort „Promi–fotograf“ zu sagen. Man sollte diese Tafel abwischen. Darauf kann man auch andere Dinge schreiben. Das Feld, das man bestellt, mag sich ändern – die Haltung bleibt. Ich möchte jedenfalls nicht mein Leben lang darauf reduziert werden, dass ich mal dies oder das gemacht habe, nur weil die Leute zu faul sind, sich etwas anderes als den Erfolg zu merken.

Aber können Sie abschließend sagen, was für Sie die wichtigste Leistung Ihrer Musiker war?

Rakete: Dass wir es geschafft haben, das auf Deutsch hinzukriegen. Das hat vieles verändert. Ich habe festgestellt, dass Deutschland sich immer verändert, wenn sich die Sprache weiterbewegt. Das hatten wir schon vorher mal beim Neuen Deutschen Film erlebt.

Jim Rakete mag es analog - in der digitalen Welt fühlt er sich nicht so wohl.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Wie nehmen Sie die jüngsten Veränderungen der deutschen Sprache wahr?

Rakete: Sehr schmerzlich, auch wenn Sprache lebendig ist und sich gerne verändern soll. Ich nenne mal ein Beispiel – und zwar das Wort „zeitgleich“. Das bedeutet eigentlich: Zwei Vorgänge nehmen die gleiche Zeit in Anspruch. Das ist der Reichtum der deutschen Sprache, die zwei ähnliche Wörter hat, um Verschiedenes auszudrücken, nämlich „zeitgleich“ und „gleichzeitig“. Aber jetzt sagen alle neuerdings, um sich interessant zu machen, „zeitgleich“, wenn sie „gleichzeitig“ meinen. – Wir verlieren das eine sehr präzise Wort zugunsten von Angeberei. Und dafür gibt es noch viele Beispiele. Letzte Woche hat unser Wirtschaftsminister allen Ernstes die Formulierung benutzt, die neue Impfphase werde jetzt ausgerollt. – Hm.

Gibt es denn Musik, die Sie noch beeindruckt?

Rakete: Jedes Jahr kommt etwas raus, was mich interessiert oder begeistert. Gerade eben bin ich begeistert von dem neuen Album von Bruce Springsteen. Da schreiben die Kritiker, das sei kalter Kaffee. Aber wow, was für eine unfassbare Energie. Und das alles in fünf Tagen eingespielt, weil er und seine Band die Kompetenz haben, dass sie das in fünf Tagen können.

Springsteen ist mit 71 ein Jahr älter als Sie. Passen diese Zahlen überhaupt zu der Energie, die Sie in sich spüren.

Rakete: Weiß ich nicht. Ich bin Nassrasierer und gucke schon, wie ich aussehe. Ich kann nicht überrascht tun. Aber ich will mich nicht beklagen. Rein physisch kann ich alles machen, was ich machen will. Energie zeigt sich nicht darin, dass man vom 10. Stock in den Swimmingpool springt, sondern indem man die Sachen durchzieht, die man sich vornimmt. Und das tue ich mit meiner Kamera und meiner Schreibmaschine, egal, welche Position ich dabei bekleide.

Sie sprechen von Schallplatten und Schreibmaschinen und fotografieren noch auf Film. Wie wohl fühlen Sie sich in der digitalen Welt?

Rakete: Nicht so sehr. Ich fühle mich sehr wohl hinter der Schreibmaschine. Die, auf die ich jetzt gucke, ist auf den Tag genauso alt wie ich. Ich habe ungefähr 40 mechanische Schreibmaschinen, Tom Hanks hat, glaube ich, hundert.

Ist es nicht lästig, ständig mit Tipp-Ex zu korrigieren?

Rakete: Das brauche ich nur noch, wenn ich etwas aufgeregt aufschreibe. Wobei das wirklich die Pointe darstellt: Maschinengeschriebene Notizen kann ich hinterher lesen, handschriftliche sind bei meiner Handschrift Dechiffrierarbeit.

Was möchten Sie denn mit Ihrem Werkzeugkasten noch bewegen?

Rakete: Ein größeres Thema als die Klimaherausforderung kann ich mir im Moment nicht vorstellen, aber es gibt viele kleinere Themen. Die meisten Sachen, die ich gemacht habe, habe ich gemacht, weil ich dachte, das muss irgendwie besser gehen. Diesen Impuls habe ich jetzt auch in diesem Corona-Lockdown. Da haben alle auf dem Sofa gesessen und in den aufgeklappten Computer gestarrt. In der Zeit haben wir in meinem Studio einen kleinen Film mit der Schauspielerin Susanne Wolff und dem Regisseur Stephan Kimmig gedreht. Da war ich aber nur Hausmeister und habe die Kameras bedient.

Wenn Sie einen Wunschzettel an die deutsche Regierung schreiben könnten, was würde da draufstehen?

Rakete: n der ganzen Zeit, in der ich mich sehr stark mit der Klimageschichte befasst habe, habe ich mir folgende Frage gestellt: Warum haben wir keinen Energieminister? Das ist eine so fantastische Managementaufgabe, diesen Wechsel von fossilen zu regenerativen Rohstoffen zu vollziehen. Das ist die entscheidende Frage, ob wir Menschen das nächste Jahrhundert erleben werden. Aber dafür ist niemand zuständig. Denn der größte natürliche Gegner des Klimas ist der Energiehunger des Menschen. Dafür bräuchten wir jemanden, und die oder der müsste sehr belastbar sein.

Würden Sie diesen Job auf Ihre „Tafel“ schreiben wollen?

Rakete: Nein, nein. Gute Männer kennen ihre Grenzen.

Zur Person Als Fotograf und Manager war Jim Rakete, geboren am 1. Januar 1951 in Berlin, einer der Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle. Für seine Fotografien wird der 70-Jährige weiterhin gefeiert. Mit seiner ersten Langfilmdokumentation „Now“ hat er sich nunmehr einer gesellschaftlichen Revolution verschrieben – der weltweiten Bewegung gegen den Klimawandel. Während der Film bereits auf verschiedenen internationalen Festivals zu sehen war, ist der deutsche Kinostart wegen des Lockdowns nun aktuell auf den 11. März verschoben worden. Wer mit dem Künstler spricht, kann erahnen, dass seine Laufbahn in der Popkultur von der gleichen Energie und Kompromisslosigkeit getragen ist wie sein gesellschaftliches Engagement.

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