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Jazz
09.02.2021

Jazzpianist Marc Copland: Mit einem Hang zu sanfter Melancholie

Leicht wie Federn lässt der amerikanische Jazzpianist Marc Copland die Töne durch die Luft fliegen.
Foto: Copland

Pianist Marc Copland ist ein stiller Weltstar. Berühmte Weggefährten und ein Instrumentenwechsel prägten seine Karriere.

Sinnieren, suchen, nach den richtigen Tönen und Worten: Marc Copland war schon immer so. Es muss schon Hand und Fuß haben, was da aus dem Piano oder aus dem Mund kommt. Nicht, dass der 72-Jährige, der normalerweise im Städtchen Pelham etwa 14 Meilen nordöstlich von Manhattan lebt, aber wegen der Pandemie und der Liebe seinen Lebensmittelpunkt in den Großraum Bonn verlegt hat, die Kunst des Pianospiels und des Interviews neu erfinden möchte. Er will nur weg von all den Phrasen und Belanglosigkeiten, die viele benutzen, um einen Job herunterzureißen.

Für viele gilt Marc Copland als Nachfolger von Keith Jarrett

Für Copland galt das noch nie. Der Pianist, der eigentlich Anfang Februar als Stargast beim 30-jährigen Jubiläum in seinem deutschen Lieblingsclub im Hofapothekenkeller in Neuburg hätte auftreten sollen, liebt seine Leidenschaft und Profession. Und deshalb lautet seine oberste Maxime: Weiter aufrichtig sein, zum Publikum wie zu sich selbst, auch wenn ihn manche schon als zweiten Bill Evans hochschreiben wollen und viele nach dem krankheitsbedingten Karriereende von Keith Jarrett als dessen legitimen Nachfolger sehen. „Als Improvisator möchte ich aber meine eigene Geschichte erzählen. Die Geschichte, die mich dorthin brachte, wo ich jetzt bin“, sagt er.

Dabei bewegte sich Marc Copland nie auf der Hauptstraße, sondern bevorzugte eher den Seitenpfad. Und er würde es wieder tun. Auch weil es auf seinem langen, mittlerweile 50 Jahren dauernden Weg Helfer gab, die in den entscheidenden Momenten da waren und ihm unter die Arme griffen. Bereits 1971 spielte er mit dem Gitarristen John Abercrombie. Das Bemerkenswerte: Copland agierte in jenen Jahren noch als Altsaxofonist. Irgendwann kam der Punkt, an dem er spürte, dass die Musik, die er spielte, nicht mehr mit dem zusammenpasste, was ihm im Kopf und im Herz herumschwirrte. Von einem Tag auf den anderen legte er das Horn zur Seite, verschwand und kehrte 1985 genauso überraschend wieder zurück – als Pianist.

Gitarrist John Abercrombie prägte Marc Copland wie kein anderer

Normalerweise kräht kein Hahn nach einem derart radikal konvertierten Instrumentalisten. Doch als erste Anlaufstellen fungierten die altbekannten, vertrauten Gesichter. Keiner half Marc bei seiner künstlerischen Wiedergeburt jedoch so sehr wie John Abercrombie. „Ohne ihn hätte ich keinen Fuß in die Szene setzen können. Sein Tod im August 2017 war für den Jazz und für mich persönlich ein riesiger Verlust.“

Eine Reihe von Tonträgern dokumentiert die ungewöhnliche Männerbeziehung, die über all die Jahrzehnte wie ein stabiles Band hielt. Beide nutzten jede sich bietende Gelegenheit, um miteinander zu spielen, auf „Speak To Me“ (Pirouet) von 2011 wie auf „39 Steps“ (2013) und „Up And Coming“ (2017), den letzten ECM-Alben des Gitarristen.

Wie viel Abercrombie steckt in Marc Copland? „Ziemlich viel. Obwohl wir musikalisch völlig unterschiedlich ausgerichtet waren, verstanden wir uns auf eine ganz spezielle Weise. Was ich aber am meisten an ihm bewunderte, war die Tatsache, dass er nie ein Star sein wollte, sondern einfach nur ein Musiker. So wie er lebte, so komponierte und spielte er auch. Da waren wir beide uns schon sehr ähnlich.“ Dieser gemeinsame Hang zur sanften Melancholie, zur verschlungenen Linienführung, bei der Töne leicht wie Federn durch die Luft fliegen, verwirbeln, kippen und sich leise entfernen, wird vor allem dann deutlich, wenn Copland einige Kompositionen seines Freundes zu einem sperrig-faszinierenden Solo-Werk verwebt, das den kargen Namen „John“ (InnerVoiceJazz/Galileo MC) trägt. Ein kompliziertes Unterfangen.

Marc Copland: Ich kann mir meine Soloaufnahmen nicht anhören

Bei derartigen Herzensprojekten steigt der Druck von ganz allein. Etwas ganz Spezielles soll es werden, wie schon die Hommage auf den anderen verstorbenen Weggefährten „Gary“ Peacock aus dem Jahr 2018, den legendären Bassisten des Keith Jarrett Trios. „Gary konnte das Ergebnis noch hören. Bei John ist das nicht mehr möglich.“ Zumal in dem Moment einmal mehr der Copland'sche Perfektionismus die Oberhand gewann. Copland: „Normalerweise kann ich mir Soloaufnahmen nie sofort anhören, anfangs hasse ich sie sogar. Es braucht immer eine gewisse Zeit, bis ich mich daran gewöhnt habe, manchmal ein paar Wochen, manchmal Monate, es ist wie ein langsames Herantasten. Bei „John“ war das anders. Schon nach ein paar Tagen fühlte es sich irgendwie stimmig an. Ich war tatsächlich zufrieden. Ich kann nur hoffen, John wäre es auch gewesen.“

Wenn es eine Entwicklung in der Konstante Marc Copland gibt, dann wird sie durch diese offene, unverkrampfte Herangehensweise sichtbar. Er veröffentlicht mit bemerkenswert hoher Frequenz und tourt unvermindert mit Kollegen wie Drew Gress, Joey Baron, Dave Liebman, Randy Brecker, Ralph Alessi, Daniel Schläppi oder Riccardo del Fra.

Der Versuch einer Positionsbeschreibung klingt so: „Manchmal komme ich mir wie in einem Labor vor. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, möchte ich eigentlich sofort ans Klavier und dort weitermachen, wo ich am Abend zuvor aufgehört habe. Insofern hat sich eigentlich nichts im Vergleich zu der Zeit geändert, als John und ich in der Loft Scene von New York anfingen.“ Das Leben um ihn herum passiert eben, Freunde sterben, Lebensräume verschwinden, Partner gehen, neue kommen, die Kinder werden erwachsen. Nur die Musik und Marc Copland bleiben gleich. Eine qualitative Konstante in schwierigen Zeiten.

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