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Jazz

20.12.2020

Jazz-Saxofonist: "Geld ist nicht der entscheidende Faktor"

Nun auch ein Jazz-Archäologe: der Saxofonist Branford aus der großen Musiker-Familie Marsalis.
Bild: Palma Kolansky

Plus Branford Marsalis blies sein Saxofon schon für Tina Turner, Sting und James Taylor. Jetzt komponierte er den Soundtrack zu einem Film über die Blues-Sängerin Ma Rainey, der schon als Oscar-Kandidat gehandelt wird.

Seine stürmischen Zeiten hat Branford Marsalis längst hinter sich gelassen. Das flippige Pop-Funk-Bandprojekt Buckshot LeFonque, seine Jobs bei Sting („Englishman in New York“), Tina Turner, James Taylor und Bruce Hornsby, die Jahre als Leiter der Tonight Show Band des amerikanischen Late-Night-Talkers Jay Leno: alles populärer Schnee von gestern.

Um die Jahrtausendwende herum begann sich Marsalis’ Perspektive zu verändern. Als der Hurrikan Katrina verheerende Schäden in seiner Heimatstadt New Orleans anrichtete, gründeten er und der Sänger Harry Connick jr. „Musicans’ Village“, eine Künstlerkolonie, in der Musiker angesiedelt wurden, die ihr Heim verloren hatten. Der Saxofonist wandte sich nun ganz dem Jazz zu, spielte viel, begann sich auch für Klassik sowie Oper zu interessieren – und begriff, dass man nicht hip sein muss, um gut zu klingen.

Der älteste Jazz-Musiker unter den Marsalis-Brüdern

Branford Marsalis ist heute ein anderer als zu Beginn seiner Karriere. Ein besonnener, reflektiert agierender Musiker, der nicht um jeden Preis Massen erreichen will, sondern eher Menschen, die zuhören. „Ich konzentriere mich inzwischen auf Dinge, die mich interessieren, die relevant sind und emotional berühren. Geld ist nicht der entscheidende Faktor. Es muss auch kein intellektueller Anspruch mehr sein, mit dem ich das Publikum beeindrucke“, bringt der älteste der Marsalis-Brüder bei sich zu Hause in Durham/North Carolina die zurückliegenden beiden Jahrzehnte auf den Punkt.

Es sind gerade bewegte Zeiten. Covid-19, Black Lives Matter, der bevorstehende Wechsel im Weißen Haus und ein tiefer Graben, der zwischen Arm und Reich, Demokraten und Republikanern, Schwarz und Weiß verläuft. Dass gerade das Netflix-Biopic „Ma Rainey’s Black Bottom“ unter der Regie von George C. Wolfe, produziert von Denzel Washington und basierend auf einem Bühnenstück von Pulitzer-Preisträger August Wilson, angelaufen ist, mag da wie ein willkommener Zufall wirken.

Heißer Kandidat für die Oscar-Verleihung 2021

Das Drama um eine Aufnahmesession der Bluessängerin Ma Rainey besitzt die Kraft eines starken politischen Statements, das vor einem Rückfall in Zeiten des Rassismus und Segregation mahnt und bereits jetzt als heißer Kandidat für die Oscar-Verleihung 2021 gilt. Der Film spielt 1927 in Chicago: Ma Rainey (verkörpert von Oscar-Preisträgerin Viola Davis) kommt mit einer Gruppe schwarzer Musiker ins Studio – alte Haudegen und junge Feuerköpfe. Die Spannungen lassen sich mit Händen greifen. Zum einen diktiert das weiße Management die Aufnahmebedingungen, zum anderen glaubt der ehrgeizige Trompeter Levee (Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle), die Session für den entscheidenden Sprung auf der Karriereleiter nutzen zu können – mit tragischem Ende. Für den Soundtrack zeichnet Branford Marsalis verantwortlich.

„Als mich George Wolfe fragte, ob ich mir vorstellen könne, die Musik zu komponieren, habe ich sofort zugesagt“, erzählt Branford, der im August seinen 60. Geburtstag feierte. „Denn für mich bot sich die einmalige Chance, eine Lücke in meinem Erfahrungsschatz zu schließen. Es ging ja um die Musik der 1920er Jahre mit all den großen Musikern wie Ethel Waters, die Dixieland Jug Blowers, Annette Hanshaw, The Charleston Chasters, Fletcher Henderson, Duke Ellington und Louis Armstrong, die ich unbedingt einmal studieren und verinnerlichen wollte.“

Branford dürfte in den Augen von Wynton auf dem rechten Weg sein  

Bislang oblag der Part des Noten-Archäologen innerhalb der Marsalis-Familie Branfords jüngerem Bruder Wynton, 59, der sich als künstlerischer Leiter des New Yorker „Jazz at Lincoln Center“ in der Rolle eines Lordsiegelbewahrers gefällt – eines Lordsiegelbewahrers des noch nicht von Funk, freier Improvisation und ähnlichem modernen Zeug kontaminierten Jazz. Er war nicht erfreut gewesen damals, als Branford sich mit Sting zusammentat. Umso mehr dürfte es ihm nun gefallen, dass der Bruder quasi wieder auf den rechten Weg findet.

Dass der Älteste der sechs Marsalis-Jungs durchaus über profunde Qualitäten als Noten-Restaurator verfügt, weiß inzwischen auch George C. Wolfe: „Wenn Sie mit Branford, dem Komponisten und Arrangeur, zusammenarbeiten, taucht automatisch Branford, der Historiker, Musikwissenschaftler, Dramatiker und Autor, auf.“ Und der verstehe nun mal die Natur des Blues, weshalb seine Arrangements nicht nur die kulturelle und regionale DNA in Ma Raineys Liedern erfassten, sondern auch den Witz und die Wut, die in jeder Note, jedem Schrei, jedem Stöhnen enthalten seien, schwärmt Wolfe. Und Hollywood-Luft durfte der Saxofonist bereits während seiner Arbeit für Spike Lees „Mo Better Blues“ sowie als Schauspieler in „Schmeiß die Mama aus dem Zug!“ und „School Daze“ schnuppern.

Ein Meisterwerk entstand unter den Augen von Ellis Marsalis

Nach längerer Auszeit folgt nun also der Soundtrack zu „Ma Rainey’s Black Bottom“ (Sony), der mit seinen 24 längeren und kürzeren Stücken neben Marsalis’ Kompositionen auch Originalsongs aus dem Repertoire der legendären „Mother of Blues“ umfasst, wie „Those Dogs Of Mine“. Gerade wegen seiner Akkuratesse ist es ein Meisterwerk, das dem Streifen eine besondere authentische Tiefe verleiht und mit dem Branford Marsalis auch eine persönliche, tröstende Erinnerung verbindet: „Mein Vater war noch bei den Aufnahmen im Januar dabei und mochte sie, obwohl er mehr auf Post-Bop stand.“ Am 1. April starb Familienpatriarch Ellis Marsalis mit 85 – einer der über 310.000 Corona-Toten in den USA.

„Der Film hat eine klare Botschaft“, betont Branford. „Ich nenne sie die alte und die neue Realität, der sich die Leute endlich bewusst werden müssen. Die Situation, in der schwarze Menschen bei uns leben, ist nicht erst seit dem Tod von George Floyd miserabel. Nur ist das vielen erst jetzt bewusst geworden.“ Joe Biden als Hoffnungsträger? „Nicht wirklich“, antwortet Marsalis ruhig. „Die Leute, die sich auf intellektueller und nicht auf emotionaler Ebene mit Politik beschäftigen, hatten ja quasi keine andere Wahl. Was soll er schon groß verändern? Die Vereinigten Staaten werden immer ein Land bleiben, in dem die weißen Männer das Sagen haben. Die 70 Millionen, die Trump gewählt haben, verschwinden nicht einfach so über Nacht.“

Wie nahezu alle Künstler sitzt Branford gerade zu Hause oder unternimmt Spaziergänge mit seiner Frau Nicole und den Töchtern Payton, 19, und Thaïs, 15 – wartend auf den Tag, an dem es weitergeht.

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