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Die August-Serie - Teil 2
10.08.2020

Ein Tag im Sommer: Der Mittag

Günzburger Marktplatz, 12 Uhr mittags.
Foto: Bernhard Weizenegger

Eine Hommage an den Sommermittag, der ein freundliches Delirium ist. Leider haben wir es aber nicht so mit der Siesta. Über eine Tageszeit, die oft als bloße Durchgangsetappe missachtet wird.

Ein Mittag im Sommer kann sehr grausam sein. Etwa im Karst, durch den unbedarfte Urlauber stolpern, kein Schatten in Sicht, die Sonne unbarmherzig. Oder für die arbeitenden Daheimgebliebenen: in der Kantine, Kalbsgulasch aus dem Konvektomat bei draußen über 30 Grad, das darauffolgende Eis schon im Aufzug free zerlaufend.

Ein Mittag im Sommer kann aber auch ganz zauberhaft sein, vor allem, wenn weder karstiger Urlaub noch garstige Kantine – nämlich wenn einfach frei. Denn frei, das ist der Mittag, im Sommer, wenn die Sonne am höchsten steht und einfach scheint. Scheint und scheinen darf und das Sein sich darunter verstecken. Weil: Der Mittag im Sommer als Siedepunkt desselben exkulpiert einen von allem.

Also eigentlich.

Also fast, weil es muss ja beispielsweise auch dieser Text geschrieben werden. Jetzt, an einem Sommermittag. Und nur so zum Beispiel, und vor allem aber noch viel mehr. Denn man muss leider festhalten: Der Mittag, er wurde in der Moderne, zuerst von der Dampfmaschine, dann dem Desktop, Stück für Stück geschliffen, egal ob Frühjahr, Winter, Herbst. Am schmerzhaftesten aber ist der Verlust im Sommer, wenn dieses irre Licht seltsam gleichgültig triumphierend von seinem Tageshöhepunkt herunterknallt und alles brütet, wenn man es denn brüten lässt.

Für diese Eigenheit bewundern wir den Süden an vierzehn Tagen im Jahr

Im Süden, der sich noch so manche Eigenheit bewahrt hat und wofür wir ihn an vierzehn Tagen im Jahr bewundern, ansonsten aber bitteschön Reformen und Zinsen fordern für unser sauer verdientes Geld, im Süden also, wo mittags bisweilen selbst die Zykaden schweigen und die Landschaft daliegt wie sediert, da gibt es noch so etwas wie Siesta. Und wer beispielsweise vor 15 Uhr eine Briefmarke kaufen mag (wobei: Wer kauft heute noch Briefmarken, wenn dauernd on und am Insta-Urlaubs-Pics-Profil aktualisieren?), der steht vor verschlossener Tür und oder erntet einen müden Blick.

Eine Siesta aber, die kennt der Schwabe, der in diesem Fall und ausnahmsweise (Franken oder andere Landsmannschaften mögen es einem verzeihen) pars pro toto für ganz Deutschland stehen soll, ja nicht mehr, der Mittagsschlaf, besser: dieses wohlige, vormals und in agrarischen Frühaufsteher-Gesellschaften auch wohlverdiente Vorsichhindösen, es wurde ausgemerzt. Überall. Weil wer schläft, der schafft und shoppt nicht. Weil selbst die brütendheißen Mittagsstunden beitragen müssen zum Bruttosozialprodukt – oder zumindest persönlichen Mehrwert.

Stattdessen also: Ruinen abklappern selbst im Urlaub und mittäglich-erhitztem südlichen Gebirg’ („Elfriede, schau, da oben muss er irgendwo gestanden haben, der Tempel des Apollon!“), oder wenigstens ein Eis schlutzen in glühend-leeren Gassen zwischen heruntergelassenen Rollladen. Stattdessen auch und oft und hier: in der kurzen Mittagspause noch schnell in Geschäften irgendwelchen Geschäften nachgehen, mindestens aber ein Business-Lunch, die Schweißperlen auf der Stirn und dahinter nicht viel mehr.

Dabei wäre der Sommermittag viel viel mehr. Oder weniger, je nachdem.

Am nächsten kommt man ihm vielleicht noch auf dem Land, ein Samstag eignet sich ganz gut, wo’s schon ab acht geschäftig krachend-kärchernd zugeht und der Geruch von Waschmaschine in der Luft steht, während man selbst noch in den schwarzen Kaffee schaut. Man tut dann irgendwann mal mit, und es gibt ja auch zu tun – bis dann der Kirchturm schlägt und alle Rasenmäher Ruhe geben (sei’s aus Tradition, sei’s wegen der kommunalen Lärmverordnung oder beidem).

12 Uhr.

Mittag.

Die Bienen summen weiter rum, die Vögel picken in den ersten reifen Trauben, eine Hummel gibt in der Blüte einer Herbstanemone Zwischengas, ein Rasensprenkler sprenkelt Rasen.

Ansonsten aber: nichts.

Bis auf die Geräusche und das Gemurmel von der Terrasse nebenan, wo punkt zwölf brav gegessen wird und selbst das aber irgendwie behutsam, das Klappern des Geschirrs gedämpft.

Mittag ist quasi der Mittwoch im Tagesverlauf

Man könnte sich jetzt hinlegen, man möchte sich jetzt hinlegen, man legt sich hin, das Fenster offen, die schweren Vorhänge die Sonne (von der man eh weiß, dass sie scheint) draußen haltend. Drinnen hingegen ein nach und nach tagträumender Gedanke oder gedankenverlorener Traum … Zykaden kochen Pasta, ein Rasenmäher fährt nach Fürth, Apollo trägt die Teller ab, die Menschen haben sich plötzlich lieb.

Doch ein bisschen zu viel Hitze?

Mittag!

So unwirklich die dösträumenden Gedanken, so unwirklich auch er, der irgendwie dazwischensteht, zwischen geschäftigem Morgen und lahmen Nachmittag, oder umgekehrt, egal. Der Mittag ist jedenfalls so etwas wie eine neutrale Zone, von der sich niemand was erhofft oder erwartet, außer vielleicht eine Currywurst und dass schnellstmöglich die restlichen Stunden rumgehen mögen und Feierabend ist, der Mittag quasi der Mittwoch im Tagesverlauf: übersehen, nicht wertgeschätzt, als bloße Etappe missachtet.

Teil 3 der Sommer-Serie: eine Hommage an den Nachmittag - wo unser Fotograf auch um 16 Uhr auf dem Marktplatz in Günzburg ein Bild geschossen hat.
Foto: Bernhard Weizenegger

Dabei müsste man ihn eben nur achten. Gerade wenn die Sonne brennt und jedes vernünftige Lebewesen ein bisschen Ruhe gibt – und sich auch hin an diesen leeren Raum, diese raren Stunden frei von irgendwelchem Erwartungs- oder Verwertungsdruck. In Wahrheit ist der Mittag, der sommerliche zumal, nämlich eher so was wie die Tage zwischen den Jahren, in denen keiner denkt, dass der andere denkt, man müsste jetzt … Man muss nämlich nix. Kann genau deswegen aber auch alles. Zumindest träumen. Daran erinnert der Mittag, und deswegen haben manche vielleicht auch Angst vor ihm – angefangen schon beim „Mittagsdämon“ und Pan mit seiner Pfeife – und müllen ihn deshalb zu mit Gewese, Überweisungen, Wurst, Gedöns.

Der Mittag aber ist keine Durchgangsstation, gerade gut genug zur Nahrungsaufnahme und Tätigung irgendwelcher Bankgeschäfte. Der Mittag ist vielmehr die unkonkrete Hoffnung, dass alles (oder wenigstens der Tag) vielleicht noch anders wird.

Die Menschen fahren nach Fürth?

Ein Rasenmäher lärmt um zwei.

Teil 4 der Journal-Sommer-Serie: der Abend. Dieses Bild entstand um 21.30 Uhr auf dem Günzburger Marktplatz.
Foto: Bernhard Weizenegger

Man sollte jetzt aufstehen, man möchte nicht aufstehen, man steht jetzt auf. Reibt sich die Augen und schaut – ganz kurz – auf die Welt, als wär sie neu. Die Sonne brennt, die Hummel brummt, ein Vogel lacht. Auf dem Handy eine Eilmeldung.

Lachen über manchen Schmarrn zuvor

Aber egal, ein bisschen Süden ist jetzt da, und man macht also pfeifend weiter. Weiter in diesem Text und was sonst noch ansteht (Altglas, Giersch, Küche, Dings...) und irgendwie ist es okay. Ich rupfe also Unkraut singend und sitz dann unterm Apfelbaum, schreib diesen Absatz, muss lachen über manchen Schmarrn zuvor und schieb es auf den Mittag, die Hitze, die einen so damisch und empfänglich macht zugleich, mit anderen Worten: seltsam wach.

Ein Sommermittag ist ein freundliches Delirium.

Und gleich ist es und er ja auch zu Ende, die Sonne längst nicht mehr am höchsten Punkt, der kühle Wein des Abends rückt in Nähe und ebenso die Pizza vom Apollo, und Montagsmenschen sind noch fern. Wobei: die Möglichkeit eines Mittags selbst da.

Also eigentlich.

Also fast.

Letzter Teil der Journal-Sommerserie: die Nacht. Unser Fotograf nahm dieses Bild daher gegen 2 Uhr nachts auf.
Foto: Bernhard Weizenegger

Lesen Sie auch die Hommage an den Morgen von Michael Schreiner.


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