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Erster Weltkrieg

12.11.2018

Die Geschichte des Admirals, der seine Schiffe versenkte

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Das deutsche Kriegsschiff Köln liegt bis heute bei Scapa Flow auf Grund. Mit moderner Sonartechnik haben es Wissenschaftler untersucht.
Bild: dpa

Wie ein Mann zum Kriegsheld wurde, ohne einen Schuss abzufeuern.

Konteradmiral Ludwig von Reuter hing fest – fernab seiner deutschen Heimat in einem kargen nordischen Idyll, in dem sich einst die Wikinger tummelten. Selbst was sich dort oben „Mainland“, also Festland nannte, war kein Festland, sondern nur der Hauptfelsen einer verlorenen Inselgruppe.

Ringsum gesellten sich Burray, South Ronaldsay, Flotta, Fara, Hoy und Graemsay. All diese nördlich von Schottland gelegenen Orkney-Inseln umgeben ein Gewässer, das Schauplatz eines ungewöhnlichen Weltkriegsereignisses war: Scapa Flow. Der Name dieses natürlichen Hafens steht für den freiwilligen Untergang eines stolzen Teils der kaiserlichen Kriegsflotte.

Erster Weltkrieg: Der Admiral, der seine Schiffe versenkte

Ludwig von Reuter war kein ungeduldiger Mann. Er war Kommandant einer Hochsee-Flotte von 74 Kriegsschiffen und durchaus in der Lage, in den Wirren und Gefahren des Ersten Weltkriegs einen kühlen Kopf zu bewahren. Jetzt aber wurde seine Geduld auf eine harte Probe gestellt.

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Der Krieg war im November 1918 zu Ende gegangen und die Herren Sieger und Verlierer hatten sich bei ihren Friedensverhandlungen in Versailles festgebissen. Inzwischen war ein halbes Jahr vergangen. Der Admiral dümpelte seither auf Befehl der Briten, denen er sich hatte ergeben müssen, mit seinen 74 Schiffen auf den Wellen von Scapa Flow. Er hatte keine Ahnung, wie lange die Unterhändler auf dem fernen Festland noch zu reden gedachten. Lange konnte er nicht mehr warten.

Die Briten hatten ihm einen Termin gesetzt, den 21. Juni 1919. Als der Morgen dieses Tages dämmerte, war man in Versailles immer noch nicht fertig. Man lag zwar in den letzten Zügen, aber das wusste Ludwig von Reuter nicht, der dort oben im Nordatlantik von solchen Informationen abgeschnitten war. Er musste handeln und das tat er auch. Sein ganz persönliches Kriegsziel: Seine Schiffe durften nicht in die Hände der Sieger fallen.

Er hatte schon von langer Hand Vorsorge getroffen. Jetzt musste nur noch der Geheimbefehl gegeben werden, und die Aktion konnte beginnen. Da die kaiserlichen Offiziere allesamt ehemalige Korps-Studenten waren, nutzte man ein Code-Wort aus der Welt der Studentenverbindungen: „Paragraf elf!“ Für Kenner war das ein klarer Fall. Paragraf elf des Biercomments deutscher Verbindungen bedeutete: „Es wird weitergesoffen!“ Vom Weitersaufen zum Absaufen war es sprachlich kein weiter Weg.

Und dann öffnete man die Luken. Die Sache dauerte einige Stunden, aber es gelang dem Admiral und seinen Mannen, 15 große Schiffe, fünf kleinere Kreuzer und 32 Torpedo-Boote im Scapa Flow absaufen zu lassen. Die Selbstversenkung war ein eindrucksvoller, aber kein perfekter Erfolg. Als die Briten etwas merkten, konnten sie immerhin noch die SMS Baden, mehrere Kreuzer und ein gutes Dutzend Torpedoboote konfiszieren.

Das ging nicht ohne Gefechte ab. So fielen ein halbes Jahr nach Kriegsende vor der schottischen Küste noch neun deutsche Seeleute. Eine letzte Kriegs-Tragödie in einem merkwürdigen Nachkriegs-Akt. Rund 1700 deutsche Seeleute überlebten und kamen in britische Gefangenschaft. Der Konteradmiral, der seine Schiffe unter den Augen des „Feindes“ versenkt hat, wurde nach seiner Rückkehr in die Heimat als Kriegsheld gefeiert und zum Admiral ohne „konter“ befördert.

Wie Kriegsschiffe zu archäologischen Monumenten wurden

Zurück blieben seine Schiffe, eine ganze Flotte. Das war natürlich eine Attraktion für Glücksritter. Ein gewisser Ernest Cox erwarb dann ein paar Jahre später die meisten Schiffe im Dutzend billiger von der britischen Marine und ging in die Geschichte als der Mann ein, „der eine Kriegsmarine kaufte“. Mit großem Aufwand und viel Geld ließ er viele der Schiffe heben. So erblickten die Schlachtkreuzer Seydlitz, Moltke, Von der Tann und andere Kriegsschiffe wieder das Licht der Oberfläche. Dann musste das Rettungsunternehmen unterbrochen werden. Deutschland und England befanden sich mal wieder, diesmal im Zweiten Weltkrieg.

Etliche Schiffe blieben bis heute auf dem Meeresgrund und haben dort den ehrenvollen Status von „archäologischen Monumenten“ erreicht. Das bedeutet in der Praxis, dass Taucher sich ihnen nur mit besonderer Sorgfalt nähern dürfen.

Die versunkenen Restbestände sind bis heute eine Attraktion für Einheimische, Touristen und natürlich für Historiker. Die können sich zum Beispiel mit der Frage beschäftigen, warum die Briten so lange gebraucht haben, bis sie die Selbstversenkung dieser großen Flotte bemerkten. Könnte es sein, dass sie es zunächst gar nicht bemerken wollten?

Schließlich hätte man bei frühzeitiger Entdeckung und Kaperung die Beute und all ihre technisch wertvollen Informationen mit den befreundeten Siegermächten teilen und womöglich über die Beute streiten müssen. Gesichert ist, dass die Franzosen über die unbemerkte Selbstversenkung der deutschen Flotte in Scapa Flow durchaus verärgert waren. Das alles ist lange her. Aber so lange auch wieder nicht. Claude Choules, der letzte Augenzeuge der Selbstversenkung, ist erst 2007 im Alter von 110 Jahren verstorben.

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