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August-Serie - Teil 1

02.08.2020

Ein Tag im Sommer - eine Hommage an den Morgen

So schön kann ein Sommermorgen sein - wie hier am Günzburger Marktplatz um 6.11 Uhr.
Bild: Bernhard Weizenegger

Eine Hommage an den Morgen, die schönste Möglichkeitsform des Tages, ohne Echo, Schmutzränder, Schrammen und Knitterfalten. Eins aber darf nicht fehlen zum Glück.

Morgens am offenen Fenster, der erste Blick hinaus, stumme Zwiesprache mit der Welt. Beruhigend, dass beide wieder da sind. Das kleine Ich mit den noch schlaftrunkenen Augen und das große draußen mit seiner noch stillen Erhabenheit. Es könnte schließlich auch anders laufen, wie jedes Kind aus dem Abendlied weiß – „morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt …“ Oder wie Schiller den Gesang des Pförtners in Shakespeares „Macbeth“ einst übersetzte:

Wohl mancher schloss die Augen schwer/ öffnet sie dem Licht nicht mehr;/ Drum freue sich, wer, neu belebt,/Den frischen Blick zur Sonn’ erhebt!

Noch mal gut gegangen, es geht weiter mit einem neuen Tagesanbruch. Ein wenig Demut ist keine schlechte Morgengabe. Ein bisschen erfüllt sein von der Gleichgültigkeit und Leere, bevor die Stunden abgefüllt werden mit dem, was dann zwölf, 14 Stunden später der Tag gewesen ist. Wann, wenn nicht am frühen Morgen, wünschte man sich, alle Zeit der Welt zu haben? Morgens sind wir empfänglich.

da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

dichtet Friedrike Mayröcker.

Kurz vor sechs hat der Tag noch kein Echo, noch keine Schmutzränder, keine Schrammen und auch keine Knitterfalten. Ein Sommermorgen ist die schönste Möglichkeitsform des Tages. Und immer ein großes Versprechen, auch wenn es dann nicht gehalten wird. Manchmal ist moosgrün mittags schon mausgrau.

Die Vögel sind die heimlichen Komplizen

Das Licht am Morgen ist wie die Oberfläche eines gerade frisch aufgeschraubten Honigglases. Samtig, edel. Die Luft ist noch nicht angereichert mit Geschäftigkeit und Gedöns, sondern durchlässig, atmend, duldsam. Der Sommermorgen ist kühl, noch bleicht die Hitze nichts aus. Die heimliche Komplizenschaft mit den Vögeln verschafft stille Genugtuung. Unter der Monotonie und Weite des Sommerhimmelblaus wirkt es erst mal noch lächerlich, dass alle Welt jetzt bald in die Gänge kommen zu müssen glaubt. Hochdruck baut sich auf, selbst wenn die Sonne noch ganz tief steht.

Wer Heißluftballon fährt, muss früh aufstehen.
Bild: pa/obs Deutscher Verband Flüssig

Zu den unvergesslichen, erhebenden Morgenbildern gehört der Ballon (Ballonfahrer sind extreme Frühaufsteher!), der lautlos wie eine kleine Wolke im Himmel steht und vielleicht, wenn er nah genug und kein runder Gasballon, sondern ein Heißluftballon ist, feuerspeiend wie ein Drache plötzlich in die Morgenandacht faucht.

Manchmal gibt's ihn aber auch mit Schmerzen

Verklären wir den Morgen nicht. Manchmal regnet es. Manchmal wacht man morgens verkatert auf oder mit Zahnschmerzen oder unter einer Dampfwalze. Morgenstund als Höllenschlund. Manchmal denkt man an die Zumutungen des Tages und wünschte sich, es sei mindestens schon übermorgen. Unverschämt gut gelaunte Radiomoderatoren haben den Morgen ebenso in Verruf gebracht wie rotwangige, glattrasierte Frühaufsteher, die um halb sieben pfeifend vorm Bäcker stehen und mit Schulterklopfen oder anderen Aufmunterungen drohen. Es gibt diese Typen, die wie aus dem Ringelnatz-Gedicht „Morgenwonne“ entsprungen scheinen:

Ich bin so knallvergnügt erwacht.

Ich klatsche meine Hüften.

Das Wasser lockt. Die Seife lacht.

Es dürstet mich nach Lüften.

( …)

Aus meiner tiefsten Seele zieht

Mit Nasenflügelbeben

Ein ungeheurer Appetit

Nach Frühstück und nach Leben.

Wer Frühschicht hat, zum Frühdienst raus muss, dem fehlt vermutlich sowieso der Sinn für die Feier des Morgens. Viele leben mit dem Morgengrauen. Pendler zumal sind im Tunnel – da ist wenig Zeit fürs Auskosten von Morgenfrische oder das Mystifizieren von Morgennebel. Vielleicht, im Winter, bei allem Zeitdruck dann doch eine kleine Freude über die eigenen ersten Fußspuren im Schnee, der über Nacht gefallen ist.

Philosophen raten zum Frühaufstehen

Auch wer kein „Morgenmensch“ ist (wie jene genannt werden, die notorisch und bewusst „früh aus den Federn kommen“), wird sich an große Morgenmomente erinnern. Und sei es unfreiwillig erlebte. Der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg erinnert uns daran, dass der Morgen nur ein Angebot ist, das man eben annehmen kann oder nicht: „Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?“ Auf einem gekrümmt unter einem Deckenknäuel im Halbschlaf verdösten Nachtflug das Hochschieben des ovalen Fensterrollos – und plötzlich draußen dieser erste Streifen Tageslicht, der Himmel wie dünnes Glas, das rötlich bis blau schimmert ... Oder der Aufbruch zum Tagesausflug in die Berge, früh dran sein müssen: In solchen Momenten staunen auch die Genötigten über die einladende Stimmung der „Herrgottsfrühe“, wie es in Bayern heißt. Alles schaut wie neu aus, und jeder fühlt sich irgendwie als ein Erstbegeher im Frühtau.

Cat Stevens singt in seinem wunderbaren „Morning has broken like the first morning“ genau davon: Jeder anbrechende Morgen sieht aus wie der erste Morgen. Der Morgen ist wie der frische Teig, er duftet und ist noch weich. Dann kommt er in den Ofen, wo der Tag ihn mit Ober- und Unterhitze formt und festigt. Arthur Schopenhauer sagt es in anderen Worten als Cat Stevens, meint aber irgendwie doch dasselbe: „Der Morgen ist die Jugend des Tages; alles ist heiter, frisch und leicht; wir fühlen uns kräftig und haben alle unsere Fähigkeiten in völliger Disposition. Man soll ihn nicht durch spätes Aufstehen verkürzen, noch an unwürdige Beschäftigungen oder Gespräche verschwenden, sondern ihn als Quintessenz des Lebens betrachten und gewissermaßen heilig halten.“ Philosophen raten zum Frühaufstehen …

Für den passionierten Morgenspaziergänger ist das Unterwegssein immer auch Zeugenschaft all der Geräusche, mit denen das Alltagsleben sich in den Tag müht. Das gilt umso mehr an Sonntagen, an denen die Erhabenheit des Morgens sich besonders lange hält. Schon von Weitem hört man da die Straßenbahn rumpeln. Das rasselnde Geräusch ruckartig hochgezogener Rollläden hallt durch menschenleere Straßen. Und immer ist hinter einem gekippten oder offenen Fenster ein Morgenhuster auszumachen. Man hört alles, weil so wenig zu hören ist. Manchmal begegnen sich in solcher Stille nicht nur Morgenmenschen mit und ohne Hund, sondern auch Morgenmenschen und Nachtmenschen, die vom „Durchmachen“, wie es so treffend heißt, nach Hause streben.

Einer stand da in der Früh - schlafend

Einmal, zu Volksfestzeiten, sah ich morgens um viertel nach sieben vor einer Pfarrkirche einen Mann in Lederhose und in Socken, der, mit hängenden Armen, ein Lebkuchenherz um den Hals, schlafend dastand wie ein Denkmal. Etwa hundert Meter entfernt, fein säuberlich nebeneinander, fanden sich die Haferlschuhe – mitten auf der Straße abgestellt. Es ist sozusagen eine bayerische Variante der wunderbaren Morgenhymne aus dem Chanson-Klassiker „II est cinq heures, Paris s’éveille“ – es ist fünf Uhr morgens, Paris erwacht. Darin singt Jacques Dutonc: „Der Kaffee ist in den Tassen, die Cafés putzen ihre Scheiben“ und „Der Eiffelturm hat kalte Füße und der Obelisk steht schön aufrecht zwischen der Nacht und dem Tag“.

Der frühe Morgen ist Eigenzeit. Nichts schöner, als wenn er einem ganz gehört (ja, ja, Luxus: die Kinder, die viel zu früh aufwachen und Hunger haben auf Fruchtzwerge und Vorlesegeschichten, die Schlange vorm Bad …) und um acht schon was auf der hellen Habenseite ist, was der Tag nicht mehr vereiteln oder nehmen kann. Tagebuch geschrieben, gejoggt, Yoga gemacht …

Für viele der wichtigste Begleiter am Morgen: der Kaffee.
Bild: Ulrich Perrey, dpa

Manche Orte haben morgens eine sehr eigene Atmosphäre. Arztpraxen zum Beispiel. Da geht es oft ziemlich früh los, und man wundert sich, wie geölt und geschäftig so eine Maschinerie schon läuft, Telefone klingeln und der Nächste bitte, während die Patienten im Wartezimmer noch in Morgendämmerung und Schweigen gehüllt dasitzen. Man sieht den Leuten selten an, was ihnen fehlt. Im Zweifelsfall mindestens Kaffee, weil sie gehalten sind, nüchtern zu kommen. Womit wir beim wichtigsten Elixier des Morgens angelangt sind, ja seiner Essenz: Kaffee.

Der erste Kaffee! Ohne den, bitte um Nachsicht, werter Friedrich Schiller, wird’s nichts mit dem frischen Blick zur Sonn’. Ohne den, lieber Cat Stevens, bricht das feierlichste Morgengefühl in sich zusammen. Und von wegen wir haben alle unsere Fähigkeiten in völliger Disposition, Herr Schopenhauer. Ohne Kaffeetasse stehen wir mit leeren Händen da – schönste aller Tageszeiten hin oder her.

Guten Morgen allerseits.

Und wie geht's weiter? Nächste Woche lesen Sie die Hommage an den Mittag.
Bild: Bernhard Weizenegger
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