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Weihnachts-Trilogie - Teil 1

12.12.2020

Ein Tag im Winter: Der Wintermorgen

Ofterschwang im Morgengrauen.
Bild: Ralf Lienert

Er ist ein Bummler, schläft länger als andere. Schon deswegen knirscht es in der Beziehung mit dem Menschen. An seinen guten Tagen aber versilbert er die Welt 

Wann beginnt eigentlich der Morgen? Erst dann, wenn die Sonne aufgeht? Dann beginnen Wintermorgen spät. Sie sind die Bummler unter den Morgen. Schlafen länger als die im Frühjahr, Sommer und Herbst, lassen sich auch mal Zeit bis halb acht, acht. Wenn die Menschen im Winter wie die Morgen auch länger schlafen würden, wäre alles gut. Aber weil die Menschen sich nach der Uhr richten und der Wintermorgen nicht, knirscht es in der Beziehung. Sie leidet am falschen Timing. Wenn einer nur aufstehen muss, der andere aber nicht, immer schwierig. Und so frühstücken die Menschen traumverloren bei Lampenlicht, während draußen noch der Mond am Himmel steht, packen sich in dicke Jacken, kratzen leise vor sich hin schimpfend das Eis von Autofenstern, stehen bibbernd an Bushaltestellen, atmen Wölkchen in die Luft.

"Mein lieber Scholli ..."

Und wäre die Beziehung zwischen Morgen und Mensch eine, bei der man reden würde, würde der Mensch spätestens dann sagen: „Mein lieber Scholli, so habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt.“ Wenn die Menschen wie der Wintermorgen nur einfach ein wenig länger liegen bleiben würden. Wenn nämlich der Wintermorgen erst einmal aufsteht…

…dann mit stiller Eleganz. Kein Getöse, wie im Frühling, wenn die Vögel den Sonnenaufgang gar nicht mehr abwarten können. Auch kein Baustellenlärm. Keine Ungeduld. Er schält sich so langsam aus der umhüllenden Nacht wie der müde Mensch aus dem warmen Bett. Gemach, gemach. Das liegt am Licht, das sich den langen Weg bahnen muss. Sich so langsam ausbreitet, als stände da oben irgendjemand am Dimmer. Wintermorgen mag die Lieblichkeit des Frühlingsmorgens fehlen, die Verheißung des Sommermorgens, die Melancholie des Herbstmorgens, aber was die Sanftheit der Farben betrifft, kann es kein anderer Morgen mit ihm aufnehmen. Wobei man fairerweise sagen muss: Wie der Mensch hat auch der Wintermorgen seine schlechten Tage. An denen es zum Beispiel regnet. Oder, noch schlimmer, der Himmel Graupelschauer schickt. An denen er in Grau- und Brauntönen versinkt wie eben auch der Mensch, wenn ihn die Wintertristesse packt. Das aber darf man ihm nicht vorwerfen, darauf hat jeder mal ein Recht. An guten Tagen aber versilbert er die Welt, gießt noch ein wenig roséfarbenes Licht darüber.

Für Schulkinder ist der Wintermorgen nichts

Merkwürdig, dass es nicht mehr Gedichte über ihn gibt. Vielleicht schlafen Dichter länger als der Wintermorgen. Wenn nicht, schreiben sie wie Rainer Maria Rilke: „Die Sonne küsst uns. Traumverloren schwimmt im Geäst ein Klang in Moll; und wir gehn fürder, alle Poren vom Kraftarom des Morgens voll.“ Vielleicht ist der Wintermorgen aber tatsächlich eher etwas für Maler. Die gelernt haben auf das Licht zu warten. Und dann sanft tupfen …

Für Kinder ist der Wintermorgen nichts. Falsch. Richtig hingegen: Für Schulkinder ist der Wintermorgen nichts. Weil sie rausgeschubst werden, aus den warmen Federn, aus den warmen Häusern, bevor die Wintersonne Zeit gefunden hat, ihnen den Weg zu leuchten. Weshalb es nötig war, Schulranzen mit weiß-blinkendem LED-Licht zu erfinden. Für all das kann der Wintermorgen nichts. Ferienkinder dagegen lieben ihn. Weil er keinerlei Ansprüche stellt. Weil er da draußen so vor sich hin morgend, während man im Schlafanzug bleiben kann, auf dem Sofa liegen darf, sich in Decken kuscheln. Weil er schön still warten kann. Sommermorgen sind fordernder. Sie ziehen einen raus aus dem Haus. Los, leben, los, leben!

Die Vögel sind auch da, aber ohne die Wichtigtuerei des Frühjahrs

Wintermorgen sind deswegen auch am Sonntag am schönsten. Wenn wie gesagt die Sache mit dem Timing nicht sein muss. Wenn Morgen und Mensch einfach so vor sich hin leben dürfen. Wen kümmert es am Sonntag, wenn das Auto nicht gleich losfahren will, auf den stotternden Motor wartet. Wenn man Zeit hat, den Wintermorgen auch endlich mal zu bewundern. Den Raureif zum Beispiel, kalter Bruder des Taus, der Äste und vielleicht gar noch eine letzte stehen gelassene Winterrose umhüllt. Den zarten Dunstschleier, der über dem Boden schwebt. Draußen derweil die Krähe krächzt. Die Vögel sind ja übrigens da – nur ohne die Wichtigtuerei des Frühjahrs. Etwa 37 in jedem deutschen Wintergarten, das hat die letzte Zählung ergeben. Haussperling, Kohlmeise, Blaumeise, Feldsperling. Wie der Wintermorgen aber schlafen sie ein wenig länger. Klug, sehr klug, diese Vögel.

Kleiner Tipp, wie Sie richtig Autoscheiben kratzen

An dieser Stelle übrigens jetzt mal ganz pragmatisch ein Tipp des ADAC. Die meisten deutschen Autofahrer, man glaubt es kaum, machen immer noch immense Fehler an kalten Wintermorgen. Sie kratzen falsch! Merke: „Beim Kratzen nicht mit zu viel Druck hin und her kratzen, sonst wirken Schmutzpartikel wie Schmirgelpapier.“ Und noch immer gibt es solche, die heißes Wasser über die Scheiben schütten. „Keine gute Idee“, sagt da der ADAC: „Es besteht die Gefahr, dass die vereisten Scheiben aufgrund des Temperaturunterschieds Risse bekommen oder sogar springen. Zudem gefriert das Wasser auf der Scheibe wieder, sobald sie erkaltet.“ So. Damit wäre das auch mal weitergegeben.

Zurück zum Thema: Der schöne Wintermorgen! Sonntag also wäre gut. Oder Ferien. Wenn die Zeit sich ausdehnt und wächst wie Eisblumen an Fenstern. Dafür müssen die Fenster aber natürlich dünn und ein bisschen klapprig sein, Luft durchlassen. So etwas mag der Mensch aber auch nicht mehr, Wärmedämmung ist das Gebot der Stunde. Die Eisblumen hat er darüber fast schon ganz vergessen. Sie sind der Winterschmuck von gestern. Ein Zauber weniger, der Winter verliert ohnehin immer mehr davon. Der späte Herbst ist im Grunde genommen der neue Winter. Schlammfarbener Dauergast, den kein meteorologisches oder kalendarisches Datum mehr kümmert, einfach sitzen bleibt. Ach.

Es gibt kaum einen schöneren Morgen, als den ersten Wintermorgen mit Schnee

Wenn aber der Winter zum ersten Mal zaubert. Dann wacht man morgens auf, wundert sich über die noch stillere Stille, ahnt, was die Nacht gebracht hat: den Schnee. Es gibt kaum einen schöneren Morgen als den ersten Wintermorgen mit Schnee. Der Frühling und der Sommer mögen vielleicht unzählige wunderbare Morgen im Repertoire haben, Sonnenaufgang, aaah, oooh, und dann wieder und wieder, aber was sie nicht haben, ist diese Einmaligkeit: diesen einen Morgen, der Jahr für Jahr so etwas Märchenhaftes hat. Eben noch aschenbrödelige Tagesanbrüche, nun schneewittchenhafte Vollkommenheit. Hah, wer ist der schönste Morgen im Land…Wirklich schwierig, jetzt nicht sentimental zu werden. Vor allem, wenn so einen Text eine schlimme Schneeliebhaberin verfasst. Der englische Schriftsteller John B. Priestley war offenbar auch einer, er schrieb: „Der erste Schneefall ist nicht nur ein Ereignis, er ist ein magisches Ereignis. Du gehst zu Bett in einer Welt, und wachst in einer völlig veränderten wieder auf. Und wenn das keine Verzauberung ist, was dann?“

Schnee altert wie der Mensch

Nichts jedenfalls lässt sich mit frischem Schnee am Morgen vergleichen. Ganz sachlich nun, weil das sagt auch die Wissenschaft. Die Nivologen. Schnee nämlich ist nicht Schnee. Kaum ist er gefallen, altert er wie auch der Mensch. Verliert seine Form, seine Leichtigkeit. Den Flaum. Morgens aber liegt der frische Schnee ausgebreitet über der Welt wie ein neu gekauftes Kleid auf dem Bett. Noch perfekt. Selbst in der Stadt. Keine Falten, keine Flecken, keine Schmutzränder. Vielleicht nur verziert mit ein paar Ornamenten von zarten Vogelfüßen. Später dann stapft der Mensch hindurch, schaufelt Gehwege frei, flucht, sitzt im Auto, hoffentlich gleich das richtige freigeschippt, dreht das Radio an: Dichtes Schneetreiben auf der A8! Auf schneeglatter Fahrbahn sind mehrere Fahrzeuge…Spätestens dann hat der Wintermorgen schon wieder verloren. Unfair.

Der gleiche Wintermorgen nämlich in den Bergen an einem Ferientag, und der Mensch jubelt: Kinder, wird das heute wieder ein Heidenspaß. Und während die einen noch beim Frühstücksei sitzen, kommen die anderen schon wieder zurück, stellen die Bretter in die Ecke. Echt, da habt ihr aber was verpasst, kein Mensch vor uns unterwegs, wir haben die ersten Spuren gezogen…Dann muss man aufpassen, dass man nicht neidisch wird, weil man den Morgen verschlafen hat und die anderen nicht. Dann darf man nicht an Wolfgang Ambros denken: In der Fruah bin i der Erste, der wos aufefoart, damit i ned so long auf’s Aufefoarn woart…

Verrückt: Mal flucht der Mensch, mal ist er verzaubert

Jedenfalls: So verrückt ist die Sache mit dem Wintermorgen. Mal flucht der Mensch über ihn, dann ist er ganz gerührt, verzaubert. Der Wintermorgen ist verhasst und geliebt. Gefürchtet und herbeigesehnt. Wenn es nach dem Menschen ginge, dann würde es nur dann einen Wintermorgen geben, wenn es ihm passt. Wenn der Mensch ihn fürs kuschelige Wohlgefühl braucht. Vor allem aber fürs Weihnachtsgefühl. Kaffee aus der Rentiertasse schmeckt nur dann besonders gut, wenn der Wintermorgen draußen performt: Schnee glitzern lässt. Der wichtigste Morgen des Jahres ist deswegen ein Wintermorgen. Auch das übrigens wieder ein Alleinstellungsmerkmal! Weihnachtsmorgen nämlich. Die amerikanische Filmindustrie hat sich derart am Weihnachtsmorgen abgearbeitet, dass man manchmal erst all die fremdproduzierte Rührseligkeit, dieses Kevin-allein-wo-auch-immer-Gedöns, wegschippen muss, damit man ihn sich wieder zu eigen machen kann. Weihnachtsmorgen also. Am schönsten, wenn alle anderen noch froh schlafen. Wenn man ihn noch ganz alleine für sich hat. Alle Karten geschrieben. Keine Besorgungen mehr. Keine Erwartungen. Einfach sitzen, vielleicht ins neue Buch blättern. Was kümmert einen dann die Gans. Der Wintermorgen aber macht auch an diesem Tag alles wie immer. Weiß nichts von den Wünschen der Menschen nach weißer Weihnacht. Erfüllt sie manchmal doch.

Hier finden Sie alle Artikel unserer fünfteiligen Journal-Sommerserie "Ein Tag im Sommer":

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