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Interview

28.01.2019

Georg Ringsgwandl: "Humor ist ein Mittel, um Zumutungen zu überleben"

Georg Ringsgwandl hat ein neues Album veröffentlicht.
Bild: Uwe Zucchi, dpa (Archiv)

Kabarettist Georg Ringsgwandl erzählt, warum er kein Rüpel mehr ist, was er seiner schweren Kindheit verdankt – und wie eine Ehe gut funktioniert.

Sie haben im November Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Fühlt sich irgendetwas anders an mit dieser Null hinten?

Georg Ringsgwandl: Das war ein harter Schlag ins Kontor. Ich hatte das Gefühl, dass sich da jemand im Standesamt in Bad Reichenhall geirrt und das falsche Datum reingeschrieben hat. Es ist eine Gemeinheit, weil das nicht mein Lebensgefühl ist. Aber ich habe keinen Gegenbeweis – es steht so in meinem Pass.

Ist es mit 70 leichter, sein Temperament zu zügeln?

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Ringsgwandl: Mit 30, 40 war ich ein unberechenbarer Choleriker. Ich hatte Austicker, die das Publikum und die Musiker hart getroffen haben. Ich war damals ein gemeingefährlicher Bühnenrüpel, bösester Punk, halb wahnsinnig. Heute habe ich das mehr unter Kontrolle, habe mehr Selbstbeherrschung gelernt.

Sind Sie altersmilde?

Ringsgwandl: Ich hoffe, dass mein Blick immer noch so scharf ist wie früher, vielleicht an manchen Stellen schärfer. Aber ich denke auch, dass der Blick differenzierter werden sollte, wenn man älter wird. Ich glaube nicht mehr an den alten Rebellen, der auf Punk macht. Man hat mehr Respekt vor Leuten, die anders sind als man selbst. Jeder schleppt einen Rucksack mit sich rum. Man zeigt weniger mit dem Finger auf andere Leute, sondern neigt zur Selbstironie. Weil man erkennt: Ich bin mindestens so ein schräger Vogel, so eine Karikatur wie meine Nachbarn. Ich glaubte nie, dass die Künstler schlauer sind als ihre Umwelt. Und mittlerweile bin ich mir sicher.

Sie haben auf einen Chefarztposten verzichtet für die Musik. Fiel Ihnen die Entscheidung damals nicht sehr schwer?

Ringsgwandl: Ich war damals 43 oder 44. Ich hatte eine Familie mit drei Kindern und eine halbe Million Schulden wegen dem Hauskauf. Die Chance auf eine gut bezahlte Lebenszeitstelle sausen zu lassen ist eine Entscheidung, die man sich sehr gut überlegt. Aber die finanzielle Sicherheit ist nur eine Seite, das Leben besteht aus deutlich mehr als aus versichert sein und Miete bezahlen. So etwas wie Platten machen, Musik machen, Theaterstücke schreiben, das war eines der schönsten Dinge, die ich mir vorstellen konnte. Das kann man nicht auf den Ruhestand verschieben.

Was hat dann den Ausschlag gegeben?

Ringsgwandl: Ein Patient. Ein todkranker Manager, der immer wahnsinnig viel gearbeitet hatte. Er erzählte mir, dass er gern mehr mit seiner Familie machen und die schönen Seiten des Lebens genießen möchte. Er hatte Lungenkrebs und ich wusste, dass er nur noch sechs Monate zu leben hatte. Der war so alt wie ich. Das war es, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, was meine Entscheidung angeht.

Sie sind demnächst 35 Jahre verheiratet. Ihre Beziehungs-Tipps?

Ringsgwandl: Ich bin da kein guter Ratgeber. Es gibt da viele Bücher, aber ich glaube den ganzen Schmarrn nicht. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich nicht zu trennen, und die ist: zusammen bleiben. Wenn man nicht streiten will, ist die ganz einfache Lösung: nicht streiten. So einfach ist es. Und so kompliziert.

Der Kabarettist Georg Ringsgwandl ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden.
Bild: Armin Weigel, dpa (Archiv)

„I wui net Skifahrn aber I muass“ handelt von einer nörgelnden Partnerin – wie autobiografisch ist das?

Ringsgwandl: In allen langjährigen Beziehungen fängt man an zu nörgeln. Ich auch. Nicht immer, aber manchmal. Man meint immer, dass der andere nervt. Dabei nervt man auch selbst. Deswegen ist es gut, wenn der Mann auf Tour ist und wochenlang unterwegs.

„Wos is mit de Leit los?“ oder „Bin i deppert in einer depperten Welt?“ fragen Sie in Ihren Texten. Fragen Sie sich das auch privat öfter als früher?

Ringsgwandl: Ich glaube nicht, dass die Leute heute wahnsinniger sind als vor achtzig Jahren. Die Zeiten ändern sich, entsprechend verhalten sich die Leute anders. Es ist ein Unterschied, ob man in Elend und Hungersnot lebt oder in einem üppig ausgestatteten Staat. Ich möchte nicht dabei sein, wenn die heutige Gesellschaft in Umstände rutschen würde wie in den 30er Jahren. Da wäre es mit dem demokratischen Getue gleich vorbei. Die Gesellschaft ist wohlhabender als jemals zuvor, aber die Leute sind seit Jahrtausenden ziemlich die gleichen geblieben.

„Die Zeit“ nannte Sie „Karl Valentin des Rock’n’Roll“ – passt das?

Ringsgwandl: Das rein Humorige und das rein Tragische ist beides gleich lächerlich. Wer immer nur einen Scherz nach dem anderen macht, ist genauso wenig glaubwürdig wie jemand mit permanenter Trauermiene. Karl Valentin ist insofern gut gewählt: Der war ja kein reiner Spaßmacher. Alles, was er gemacht hat, hatte einen tiefen Sinn, kam aus einer verzweifelten Existenz. Das hatten alle Großen, auch Woody Allen und Charlie Chaplin. Humor ist immer ein Mittel, um die Zumutungen der Existenz zu überleben. Das Leben ist manchmal so furchtbar und grausam, dass der Humor ein Mittel ist, das überhaupt zu überstehen.

Eine dieser Grausamkeiten in Ihrem Leben war der strenge Vater.

Ringsgwandl: Es war eine Kindheit in der man klein gehalten wurde mit drakonischer Strenge, teils mit Bösartigkeit. Das sind Nackenschläge, von denen man sich nicht ganz einfach befreit. Das heißt nicht, dass alles furchtbar war, es war auch schön und lustig. Beispielsweise hat mein Vater die gesundheitlichen Schäden aus dem Krieg mit Humor genommen, weil es anders nicht möglich ist. Das war eine zwiespältige Kindheit – mit unglaublicher Schönheit und Farbigkeit, auf der anderen Seite streng und düster. Das nimmt man beides mit.

Haben Sie Frieden mit Ihrer Kindheit geschlossen?

Ringsgwandl: Ich schuldige meine Eltern nicht an. Diese Dinge haben mir später im Leben extrem geholfen. Wenn man so etwas überwindet, gewinnt man eine Kraft im Leben, die unglaublich hilfreich ist. Gerade wenn man im Showgeschäft ist. Da kriegt man regelmäßig Prügel, da geht es auch nicht gerecht zu. Das ist keine Serie von permanenten Erfolgen, es gibt auch viele Niederschläge. Da ist eine schwere Kindheit ein Vorteil, denn im Showgeschäft ist eine gewisse Stehauffähigkeit sehr hilfreich.

„Digitales Proletariat“ heißt ein Stück des neuen Albums. Ist das digitale Zeitalter Fluch oder Segen?

Ringsgwandl: Es gibt viele, die darüber meckern. Das kann man natürlich, aber ich denke, dass das unglaubliche Fortschritte sind, Erleichterungen. Es ist wie mit allen Werkzeugen: Man muss damit vorsichtig umgehen und wissen, was man tut. Wenn man heute berufstätig und unterwegs ist, braucht man ein Smartphone. Selbst ein Holzknecht im Wald sollte unbedingt ein Smartphone dabei haben. Lamentieren braucht man nicht, ich bin froh, dass es das gibt.

Seine Karriere: „Andacht und Radau“ – der Titel des aktuellen Albums von Georg Ringsgwandl ist (Bühnen-)Programm. Mit bizarren Bühnenoutfits machte der mittlerweile 70-Jährige zu Beginn seiner Karriere als schillernde Persönlichkeit von sich reden. Doch hinter der knallbunten Fassade geht es steil in den Abgrund. Auf seiner Tour kommt er auch nach Lindau (4. 3.), München (17. 3. und 27. 12.) sowie Gersthofen (22. 3.).

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