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Bayern

06.07.2019

Große Zukunft für Cannabis? Warum dieser Bauer auf Hanf setzt

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Josef "Joe" Bayer glaubt an eine große Zukunft des Hanf in Deutschland.
Bild: Elisa Glöckner

Plus Lange galt er als Saat des Bösen, jetzt blüht der Hanf in Bayern. Die Justiz scheint damit überfordert zu sein. Über die Probleme von hoffnungsvollen Unternehmern.

Finola, die Finnin, flattert im Wind. Liebevoll sieht Josef Bayer zu ihr hinab. Er bückt sich, pflückt ein paar Blätter, schiebt sie sich in den Mund. Heute spiele er den Vorkoster, sagt der Landwirt und findet, dass die Finola in diesem Stadium ganz angenehm auf der Zunge liege und im Rachen gar nicht kratze. „Die beste Zeit, um den Hanf zu essen.“ Wieder beugt er sich nach unten, diesmal zupft Joe an der Santhica. „Etwas milder, Richtung Spinat oder Wirsing.“ Ganz nach seinem Geschmack.

Ein Bauernhof in Oberfranken, bilderbuchschön. Am Wegrand spreizen Blaufichten die Nadeln. Seit mehr als 30 Jahren verkauft die Familie Bayer hier, auf dem Anwesen in Bernsroth bei Kronach, ihre Erdbeeren. Der Sohn, Josef „Joe“ Bayer, 34, ist Produktionsleiter im Betrieb der Eltern, kümmert sich um 80 Hektar. Würden sie für eine Vorabend-Fernsehserie einen Landwirt casten, dann sähe er vermutlich ein bisschen aus wie Joe. Gebräunt, schlank, lässig. Fitnessstudio und Solarium, das Feld sei für ihn beides. Er lacht. Würden nur die Erdbeeren nicht so viel Zeit verlangen. Er könnte sich endlich auf das konzentrieren, was wichtig ist: das Cannabis. Der Stoff, glaubt Joe, aus dem die Zukunft gemacht ist.

Es ist Mitte Juni. Der gelernte Gärtner streift vorsichtig durch seinen Acker, um auf keines der Pflänzchen zu treten. Ocker staubt es ihm hinterher. Im zweiten Jahr baut er Hanf auf dem 1,5 Hektar großen Feld an, drei von insgesamt 50 in Deutschland zugelassenen Sorten wachsen hier. Finola, die gefragteste Art aus Finnland, und Futura zittern in der Brise nebeneinander. Ganz außen am Rand gedeiht die Santhica 27, deren Stauden gerne fünf Meter hoch werden. Bislang sind es nur 30 Zentimeter, „man sieht aber schon jetzt, dass sie ziemlich viel Bock hat“, meint Joe. Er neigt den Kopf, während er über die Knospen seiner Pflanzen streicht. Sanft, wie man eben mit Dingen umgeht, die man liebt – er den Hanf.

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Joe Bayer ist Teil einer „Graswurzelbewegung“, so könnte man es vielleicht nennen. Hanf, lange verpönt als Saat des Bösen, Teufelszeug. Und als Einstiegsdroge, für jemanden, der das Leben nicht verträgt. Dieselbe Pflanze wächst nun zu einem Trend heran – und zwar in zweierlei Hinsicht: als therapeutisches Marihuana in der Medizin und als Nutzhanf in fast allen Lifestyle-Bereichen. Beide Hanf-Arten waren lange Zeit verboten – seit 1996 dürfen Landwirte zumindest wieder Nutzhanf auf ihren Ländereien aussäen. Die Pflanze dient ihnen vor allem als Tierfutter und der Industrie als Material, um Häuser zu dämmen. Inzwischen haben sich die Einsatzbereiche von Cannabis, so der lateinische Name, immer weiter ausdifferenziert. Laut Bayerischem Landwirtschaftsministerium wird es zu Banknoten und Zigarettenpapier verarbeitet, gilt als Bioverbundwerkstoff, findet Verwertung in der Textilbranche und in den Ställen als Einstreu fürs Nutzvieh. Aus Hanf kann man Treibstoff machen und Schnaps. Auch Schuhe und Kleidung. Ja, sagt Joe, „die Möglichkeiten sind so vielfältig“. Sie würden nur viel zu selten ausgeschöpft.

In Österreich wurde Cannabis 2018 zur Arzneipflanze des Jahres gewählt

Und dennoch pflanzt sich der Stoff allmählich in den Weltmarkt, er beliefert Bars mit High-Cuisine und die Mode mit High-Fashion. Marktforschungsunternehmen sagen voraus, dass sich die Umsätze mit Hanf in den nächsten Jahren verdoppeln oder sogar vervierfachen könnten. Gerade deshalb beschäftigen sich Jungunternehmer zunehmend auch mit Cannabis. „Bunte Blüte“ zum Beispiel ist ein Berliner Start-up, das „Spätis“, 24-Stunden-Kioske also, mit Nutzhanfblüten beliefert. In Österreich wurde Cannabis 2018 zur Arzneipflanze des Jahres gewählt, in Amsterdam hat ein neues Hanf-Museum eröffnet: Cannabis, so scheint es, ist raus aus der Schmuddelecke.

Im zweiten Jahr baut Josef Bayer Hanf auf einem 1,5 Hektar großen Feld an, drei von insgesamt 50 in Deutschland zugelassenen Sorten wachsen hier.
Bild: Elisa Glöckner

Hanf sei pflegeleicht, meint Joe, ganz anders als etwa Erdbeeren. Der 34-Jährige stützt die Arme in die Hüften. Er müsse nicht gedüngt werden, brauche keinen Pflanzenschutz und wenig Wasser. Hitze vertrage die Pflanze gut. Wunderbar sei sie auch, um den Boden zu verdichten. Der Gärtner geht in die Hocke, bis er mit dem Hanf auf Augenhöhe ist. Wer sie erntet, tue der Pflanze sogar etwas Gutes. „Dann macht sie richtig Fasching.“ Denn für jeden abgeschnittenen Headbud, für jede geerntete Blüte, wachsen drei oder vier Austriebe hinterher – wieder mit dickem Bud an der Spitze. Joe richtet sich auf und lächelt. Er beobachtet sie oft, seine Pflanzen. Wie sie reifen und duften, sich entfalten, sein Hanf im Glück.

Hanf-Joe, so necken sie ihn. Diejenigen, die ihn mögen, und auch die, die über ihn reden. Seit er im vergangenen Jahr zum ersten Mal 50 Kilo Samen in die Erde pflanzte, wird in Kronach getuschelt. Er weiß das. „Ach Goddala“, Joe winkt ab und lacht, „wenn es wieder heißt, der Bayer vertreibt sein Hasch-Gift.“ Das ist lustig, ja, aber nicht nur. Was nämlich den Hanf betrifft, gibt es viel Unwissen und auch Angst. Cannabis, das ist doch das Kraut, das man raucht? Das high macht und dumm?

Wer ihn fragt, den klärt Joe gerne auf. Dass es verschiedene Hanf-Arten gibt: Das medizinische Cannabis, das Patienten erst seit zwei Jahren in Deutschland konsumieren können. Das aber nach wie vor importiert werden muss, weil es in Deutschland bislang nicht angebaut werden durfte. Und dann eben gebe es da noch diesen anderen Hanf, den Nutzhanf, den Joe auf seinem Feld beackert. Dieses Cannabis, erzählt der 34-Jährige mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs, produziert vor allem Fasern und weniger Harz. Die ekstatische Wirkung fehlt ihm, weil der Anteil des Tetrahydrocannabinols, THC, unter 0,2 Prozent liegt. Von Joes Hanf torkelt niemand berauscht vom Feld.

Landwirte müssen ihren Nutzhanf den zuständigen Behörden melden

Es ist nicht das THC, das Joe aus seinen Pflanzen filtern lässt, sondern ein anderer Wirkstoff: das Cannabidiol oder CBD. Dieses Cannabinoid aus dem weiblichen Hanf wirkt ähnlich dem körpereigenen Endocannabinoid-System, wie der US-amerikanische Professor Allyn Howlett 1987 herausgefunden hat. Es kann Stimmungslagen und Ängste, den Appetit und die Schmerzwahrnehmung beeinflussen. Es gilt als beruhigend und entkrampfend. Vor allem Muttermilch, das belegen klinische Studien, ist eine reichhaltige Quelle an Endocannabinoiden. Joe hebt die Schultern. „Damit fängt alles an, damit werden wir groß. Und wir schimpfen auf den Hanf.“ Das aber ändert sich gerade.

Die traditionelle Landwirtschaft ist, was das Cannabis betrifft, offener geworden. Auch wenn die Pflanze stark reguliert wird. Denn nur Landwirte dürfen die Saat auf ihren Feldern aussäen. Schrebergartenbesitzer zum Beispiel dürfen das nicht. Allerdings, und das ist wichtig, müssen Landwirte ihren Nutzhanf den zuständigen Behörden melden. Und dürfen nur EU-lizenzierte Sorten verwenden mit einem THC-Wert von unter 0,2 Prozent.

Nicht weit vom Feld duckt sich eine alte Scheune unter der Landschaft. Joe klemmt sich die Sonnenbrille hinter die Ohren und zieht das Tor auf. Dunkel und kühl ist es an dem Ort, wo mehrere hundert Kilo Hanf aus der Saison 2018 lagern. Der Gärtner atmet ein und greift in den weißen Sack, um eine Blüte herauszufischen. Er reibt sie zwischen den Fingern, riecht daran: „Leicht erdige Noten und etwas Pinie, manchmal auch frisch und zitronig.“ Minutenlang kann er darüber sprechen, über den Duft seiner Pflanzen, über Hanf als Philosophie, seine vielseitige Verwendung. Dass er auf seinen Feldern Interviews für Journalisten gibt, gehört für ihn mittlerweile zum Alltag. Findet er ja auch gut. Der Hanf, sagt Joe Bayer, verdient alle Aufmerksamkeit. Ob man ihn eigentlich schon einmal als Salat probiert habe?

Dass sein Geschmack eine Marktlücke trifft – das haben die Branchen erkannt. Wer möchte, kann heute Cannabis basierte Kochkurse belegen, den Hanf als Aroma inhalieren, als Kaugummi kauen. Hanf ist so schick wie Chia, Tesla und Jutesack. Das zeigt sich vor allem in Großstädten, wo Geschäfte mit Cannabis-Artikeln regelrecht aus dem Boden schießen. In Bayern existieren rund 50 solcher Unternehmen. Eines davon befindet sich in Augsburg. „Hanf – der etwas andere Bioladen“ gehört zu einer Kette von Wenzel Cerveny, der ähnliche Läden auch im Raum München betreibt. Die Einrichtung ist cool, Industriehallenflair in hip. Dazwischen Glasvitrinen mit Zahnpasta, Parfum, Limonade und Tee. An der Wand reihen sich Regale mit Schuhen. In einem anderen türmt sich der Pferdebalsam. Alles mit Hanf. „Der Trend ist nicht neu“, sagt Robert Majetic, Geschäftsführer des Augsburger Ladens. Alles muss mehr Bio, Öko und Fairtrade sein, der Hanf passe da prima in den Zeitgeist. Und werde in einigen Jahren so etabliert sein wie Dinkelmehl. Glaubt Majetic.

CBD – der neue Wunderstoff?

Seit Januar führt er den Shop im Helio-Einkaufszentrum in der Viktoriastraße. Die Produkte, die Robert Majetic verkauft, bezieht er aus ganz Europa. „Kaffee und Käse bestellen wir aus Italien, viel Kosmetik aus Tschechien.“ Daneben arbeitet er mit regionalen Anbietern zusammen. Ein Hanfbier, das „Sprengstoff“, kommt direkt aus Augsburg. Andere Produkte wie den Trink-Hanf oder eine vegane Barbecue-Soße kreiert er mit seinem Team selbst. Nachgefragt seien vor allem Öle mit CBD. Einige Momente darauf betritt eine ältere Kundin das Geschäft. In den Händen hält sie eine Anweisung ihres Arztes mit der Bitte, man möge sie in Bezug auf Cannabidiol beraten. „Sie ist nicht die erste“, versichert Majetic.

„Hanf – der etwas andere Bioladen“ gehört zu einer Kette von Wenzel Cerveny, der ähnliche Läden auch im Raum München betreibt. Robert Majetic ist Geschäftsführer des Augsburger Ladens.
Bild: Elisa Glöckner

CBD – der neue Wunderstoff? Eine Studie des amerikanischen National Institute of Health hat gezeigt, dass CBD bei einer Herzkrankheit, der diabetischen Kardiomyopathie, Behandlungspotenzial besitzt. Helfen soll der Wirkstoff auch bei Multiple Sklerose, Schizophrenie oder Epilepsie. Unter anderem Andreas Schulze-Bonhage von der Uniklinik Freiburg behandelt Patienten damit, warnt aber gleichzeitig vor zu hohen Erwartungen: „Die Wissenschaft hat bisher bei weitem nicht vollständig verstanden, wie der Stoff im Körper wirkt“, sagt er. Der CBD-Anteil in den Produkten, die man in Hanfläden oder im Internet kaufen kann, sei ohnehin so gering, dass man kaum von pharmakologischen Effekten sprechen könne.

Seit der Hanf in den Fokus von Medizin und Wissenschaft gerückt ist, hat sich sein Image gewandelt. Politiker diskutieren sogar, den Konsum von THC-haltigem Hanf freizugeben. Für viele wäre das ein Traum, für einige der Albtraum – für wiederum andere nur ein kurzer Rausch. Joe schweift über sein Feld und nimmt einen Zug. Ihr Duft, das Aroma, das war schon immer das, was er am meisten an der Pflanze bewundert hat. „Nicht das High-Sein.“ Einen Zustand, den er aber kennt. Joe und der Hanf, es gibt da nämlich noch eine andere Geschichte: Vom 17-Jährigen, der Weed, wie er sagt, nur ausprobieren wollte. Irgendwann stand die Polizei vor der Tür, durchforstete das Zimmer des Teenagers, wurde fündig. Joe gestand und leistete 80 Sozialstunden, womit für die Justiz der Fall erledigt war. Aber nicht für die Bayers. Weil es „die Stimmungslage nicht erlaubte“, schlief der Junge mehrere Wochen außer Haus – dasselbe Haus, um das er heute seinen Hanf anbaut. Andere Zeiten.

Heute ist der Joint für ihn wieder ein Thema – aus anderen Gründen. Seit er zählen kann, leidet Joe an einem Reizdarmsyndrom. Ein ständiges Ziehen, Sodbrennen, der Blähbauch. Und nichts, sagt er, konnte ihm helfen. Keine Therapie, keine Diät, kein Medikament. Nach mehreren Klinikaufenthalten und Fehldiagnosen stieß er vor vier Jahren bei seinen Recherchen im Internet auf Cannabis. Joe besorgte sich zunächst das CBD-Öl und merkte, dass es nicht mehr so zwickte in seiner Körpermitte. Immense Verbesserungen spürte er, als er an berauschendes Marihuana kam. Die Wirkung kannte er noch von früher. Er schluckte also die Tropfen und rauchte das Gras, ein halbes Jahr lang – bis die nächste Kontrolluntersuchung bevorstand: Sein Blutbild, die Entzündungswerte seien in Ordnung, resümierte der Arzt zufrieden, nicht ahnend, dass sich Joe schon lange selbst behandelte. Seither war er nie wieder wegen seines Reizdarms in dieser Praxis, geschweige denn im Krankenhaus.

Hanf: Die Rechtslage ist kompliziert

Kiffen, das tut der Landwirt auch heute noch. Doch wenn er kifft, dann medizinisches Marihuana, nicht die eigenen Pflanzen, die könne man nicht rauchen, sagt er. Seit ein neues Gesetz im März 2017 verabschiedet wurde, kann man Cannabis auf Rezept konsumieren. Da Joes Reizdarm als „nicht austherapiert“ gilt, übernimmt die Krankenkasse die Kosten dafür nicht. Seine Drogen muss Joe selbst zahlen. 40 Gramm Gras bekommt er im Monat für 500 Euro aus der Apotheke. Der Schwarzmarkt wäre billiger.

Sein Nutzhanf jedenfalls birgt viel Potenzial, das weiß Joe, nur das System müsse es noch begreifen. Mit dem System ist es aber zum Beispiel so: Mitte April filzten 180 Münchner Polizisten, elf Staatsanwälte und weitere Beamte acht Läden sowie neun Privatwohnungen von Beschuldigten in Süddeutschland. Sie konfiszierten: 60 Kilogramm CBD-Blüten, 370 Kilogramm Hanf-Tee, 530 Gramm CBD-Haschisch, 40 Liter CBD-Öl, 44.000 Euro Bargeld, 2,1 Kilogramm Gold – und zwei geladene Schusswaffen. Von der Razzia betroffen war auch das Unternehmen von Wenzel Cerveny. Produkte im Wert von mehreren tausend Euro haben die Ermittler bei ihm sichergestellt, darunter Cremes, Cookies und Öle. Ware, die laut Hanf-Händler ordentlich ist, aus EU-zertifiziertem Anbau stammt und den erlaubten THC-Grenzwert einhält. Zudem nahmen die Beamten Laptops und Handys mit.

„Die ganzen Kontakte, Lieferdaten, alles weg“, bekräftigt Robert Majetic, dessen Shop in Augsburg von der Durchsuchung zunächst verschont blieb – bis fünf Beamte und ein Staatsanwalt Ende Juni auch bei ihm aufschlugen, um Hanfblütenartikel in Höhe von 50.000 Euro mitzunehmen. Klar, meint der Geschäftsführer nüchtern, nach München habe man damit gerechnet. Trotzdem ist Robert Majetic verärgert. Die Lage sei unsicher. Gerade deshalb, fordert er, müsse die Politik klare Verhältnisse schaffen. Viele Ladenbesitzer hätten Schwierigkeiten, ihr Geschäft weiter zu betreiben. „Die meisten davon sind kleine Familienunternehmen wie wir. Eines musste schließen.“

Hanf sei pflegeleicht, sagt Josef Bayer, er müsse nicht gedüngt werden, brauche keinen Pflanzenschutz und wenig Wasser. Hitze vertrage die Pflanze gut.
Bild: Elisa Glöckner

Die Rechtslage ist kompliziert, weil viele Verordnungen, Vorschriften und Gesetze ineinandergreifen. In Deutschland unterliegt THC dem Betäubungsmittelgesetz. Ein darin verankerter Passus besagt, dass man Cannabis-Produkte mit weniger als 0,2 Prozent THC verkaufen darf. Allerdings nur, wenn es gewerblichen oder wissenschaftlichen Zwecken dient. Außerdem muss der Missbrauch damit ausgeschlossen werden. Das heißt, Verkäufer müssen gewährleisten können, dass ihre Kunden die Artikel nicht dazu verwenden, um sich zu betäuben. Das aber komme allenfalls bei „unbedenklichen Produkten“ wie Papier oder Textilien in Betracht, erklärt Ulrike Roider vom Justizministerium in Bayern. Alles andere müsse im Einzelfall geprüft werden. Dabei gilt: Sobald nur der Verdacht eines Verstoßes besteht, sind die Staatsanwaltschaften dazu verpflichtet, die Ermittlungen einzuleiten.

Da wundert es nicht, dass Drogerieketten wie Rossmann und dm ihre CBD-Öle vorsichtshalber wieder aus dem Sortiment genommen haben. Für die Hanfläden geht es allerdings um ihre Existenz. Die Unternehmer sind irritiert – irritiert darüber, dass viele Dinge nicht geklärt sind. Da sprießen seit mehr als 20 Jahren die Nutzhanf-Wiesen aus dem Boden, nachdem das Cannabis lange Zeit verboten war. Nun dürfen Händler die Pflanze kaufen und sie dürfen sie auch verarbeiten – zu Bonbons zum Beispiel. Sobald sie aber reine Blüten anbieten, könnten sie sich strafbar machen. Der Hanf – eine rechtliche Grauzone.

Ist Hanf doch die Saat des Bösen?

Wie rigoros die Justiz dabei sein kann, hat Joe mehrfach erlebt. Sein Feld war als Hanf-Selbstpflücke gedacht – die erste in Deutschland überhaupt. Menschen sollten Cannabis sehen, riechen, spüren können, ganz privat. Doch auch der junge Landwirt muss sicherstellen, dass sich niemand an seinen Pflanzen berauschen kann. An sich ist das zwar unwahrscheinlich, allerdings nicht unmöglich. Man könnte den Hanf kiloweise alkoholisch einkochen, separieren und das THC extrahieren. Absurd? Auf jeden Fall. Denn selbst mit diesem Aufwand, murrt Joe, könnte man den THC-Gehalt auf höchstens 0,5 Prozent anheben.

Es ist kurios: Auf Jeans-Jacken kleben Hanfblatt-Prints, im Reformhaus haben geschrotete Hanfsamen längst das Matcha-Pulver verdrängt, während Burger vielerorts von fruchtigen Hanf-Emulsionen gekrönt werden. Landwirtschaft sowie Justiz haben sich auf Cannabis eingelassen. Die Gesellschaft hat einen Hype darum gebastelt. Jetzt, da der Hype seinen Gipfel erreicht zu haben scheint, wird es für alle Beteiligten prekärer. Prekärer, die Pflanze anzubauen, zu pflücken und zu verkaufen. Hanf – doch die Saat des Bösen?

Nein, Joe ist sich sicher. Hanf ist der Stoff der Zukunft. Derzeit aber dürfen seine Pflanzen nur Gewerbetreibende pflücken. Doch trotz der Mühen, die er auf sich genommen hat, trotz des Geldes, das er investiert hat, ist der Gärtner nicht sauer. Auch nicht auf die Polizei. Im Grunde genommen, schildert er, habe sie ihn lediglich vor Anzeigen geschützt. „Mein Gott, ich hätte in den Knast kommen können.“

Dann würde es eben kein Selbstpflückfeld geben. Jedenfalls nicht so, wie er es sich ausgemalt hatte. Mit dieser Situation hat sich Joe abgefunden – und dabei ein Schlupfloch entdeckt. Um weiter an den Hanf zu kommen, melden seine Kunden neuerdings Kleingewerbe an. „In diesem Fall dürfen sie die Pflanze legal ernten, bekommen eine Rechnung ausgestellt und müssen nur aufpassen, dass sie den unverarbeiteten Hanf nicht an Privatpersonen weitergeben.“ Seine Pflücker sind jetzt Autowäschereien, die Werbegeschenke an ihre Kunden verteilen, und Bauern mit Solaranlagen, die mit Hanf-Tee ihre Arthroseschmerzen lindern. Erst für den Juli hat sich ein ganzer Bus bei ihm angemeldet: Gärtnerfrauen, die mit Neugier anreisen – und Gewerbescheinen. „Eigentlich ist es haarsträubend, was die Leute tun, um an die Pflanzen zu kommen.“

In der oberfränkischen Sonne vibrieren die Hanf-Pflanzen im Acker. Joe sieht ihnen zu, er grinst breit – aber nicht vom Joint. Noch viel hat er mit seinem Cannabis vor, sich selbst sieht er erst am Anfang. Zunächst müsse er aber zusehen, wie er die Ernte abarbeiten, trocknen und lagern kann. Denn das Feld, auf dem er steht, ist nur eines von vielen. Auf 15 Hektar floriert sein Hanf insgesamt – im Vergleich zum vergangenen Jahr hat Joe verzehnfacht. Obwohl er nicht weiß, was mit den Gesetzen passiert. Ob die Pflanze legal bleibt, ob CBD weiterhin extrahiert werden darf. Hanf-Joe will volles Risiko gehen. Der Sommer verspricht berauschend zu werden.

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