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Weihnachten

22.12.2018

Herausforderung Predigt: Wie erzählt man die Weihnachtsgeschichte in acht Minuten?

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Jedes Jahr aufs Neue muss sich Pfarrer Bernd Weidner überlegen, welche Worte er verwendet, um die mächtigste Geschichte der Welt neu zu erzählen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Acht Minuten. Die sollten dann aber schon etwas Besonderes sein. So wie der ganze Tag. Die jährliche Herausforderung für einen Pfarrer also: Weihnachtspredigt!

Wie auch immer ein Jahr verläuft – eines bleibt doch gewiss: Am Ende kommt Weihnachten. Viele freuen sich darauf, manche fürchten es ein wenig. Und wieder andere sind professionell mit Weihnachten befasst. Weihnachtszeit zwischen Routine und Leidenschaft: Wie geht das, alle Jahre wieder? Davon erzählte unsere Serie im Advent. Heute Folge 4 – und Schluss. Wir wünschen: Frohes Fest!

Das ist die mächtigste Geschichte der Welt. Also nicht diese hier, aber die, um die es geht. Man kann sie in drei Worten erzählen: Gott wird Mensch! Aber drei Worte, die reichen nur selten. Vor allem nicht für eine Geschichte von dieser Wucht. Vor allem nicht an Weihnachten. Weil es dann nach dieser Geschichte ein großes Bedürfnis gibt, eine Sehnsucht, von der in deutschen Kirchen an all den anderen Tagen des Jahres oft wenig zu spüren ist.

Es bleiben dem Pfarrer etwa acht Minuten. So lange dauert in etwa eine Predigt in der katholischen Kirche, in der evangelischen ein paar Minuten länger. Zeit für 800 bis etwa 1500 Wörter. Die Deutung des Evangeliums. Was also packt man da rein? Wie erklärt man die bekannte Geschichte jedes Jahr aufs Neue? So, dass nicht nur ein schön samtiges Weihnachtsgefühl, sondern auch der eine oder andere Gedanke hängen bleibt … muss ja vielleicht fürs ganze Jahr reichen. Gott wird Mensch. Und? Das Gespräch darüber wird sich zwei Stunden hinziehen …

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Pfarrer Bernd Weidner, Ende vierzig, nie weit vom nächsten Lachen entfernt, wird Sätze sagen wie: „Ich bin nicht nett, weil Jesus war auch nicht nett.“ Oder: „Wir versammeln uns ja nicht unterm Regenbogen, sondern unterm Kreuz.“ Kein Wohlfühlweihnachtsprediger, so viel steht fest. Er kann es auch schon mal in den Ohren klingen lassen. Bevor er die Herzen weitet … Weihnachten eben. Was er auch sagen wird: Nein, es wird nicht langweilig. „Dass Gott Mensch wird, das ist eine so rahmensprengende Vorstellung, so großartig, verwirrend. Sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, kann nicht langweilig werden.“ Alle Jahre wieder.

Was also wird er diesmal in den acht Minuten sagen?

Es wird seine 24. Weihnachtspredigt sein. Seine erste aber vor der neuen Gemeinde. Seit Jahresanfang betreut Weidner die Pfarreiengemeinschaft Augsburg Oberhausen- Bärenkeller. Das ist heute so. Ein Pfarrer, viele Gemeinden, dennoch immer weniger Schäfchen. Die Sache mit dem Bedürfnis und der Sehnsucht eben. Vor neuem Publikum, da könnte er also eigentlich eine Weihnachtspredigt der letzten Jahre rausholen, ein wenig aktualisieren, es würde vermutlich keiner merken. „Das Motiv ist ja immer das gleiche“, sagt Weidner. Aber um Himmels willen, das tut er selbstverständlich nicht!

Was also wird er diesmal in den acht Minuten sagen? Um es kurz zu machen: Er weiß es noch nicht! Zumindest nicht an diesem grauen Wintertag, an dem man sich mit ihm im Pfarrbüro St. Peter und Paul trifft. Drinnen Baustelle, weil gerade renoviert wird, draußen ebenso. Er schaut direkt in die Baugrube neben dem Josefinum, eine der größten Geburtskliniken Deutschlands im Übrigen. Und im Laufe des Gesprächs wird er ein bisschen vor sich hinsinnierend zur Frage kommen, wenn Jesus Christus wiedergeboren werden würde, wo das dann wäre. Oberhausen, einer der ärmsten Stadtteile Augsburg, oder Dom? Er glaubt: eher Oberhausen.

Aber zurück. Es kommt immer ein bisschen auf den Advent an, sagt er. Wie vollgepackt der ist. Wie viel Zeit bleibt. Aber spätestens in der Woche vor Weihnachten beginne er, sich Gedanken zu machen, zwei Tage vorher setze er sich dann an den Schreibtisch. Also heute! Also kann er auch noch nichts sagen über die Weihnachtspredigt 2018. Er verspricht aber, einem die Predigten der letzten Jahre zu schicken. Gespeichert alle auf dem Server des Bistums. In der E-Mail schreibt er dann: „Überdosis Weihnachten. In der Fülle vielleicht nicht einfach zu verkraften.“ Mal sehen.

Wie riecht Weihnachten? Welchen Duft haben Sie in der Nase, wenn Sie an Weihnachten denken? Riecht Weihnachten für uns nicht nach Bratapfel und Tannengrün, nach Plätzchen und Glühwein, nach Zimt, Anis, Lebkuchen oder Weihnachtsgans? Und jetzt überlegen Sie mal, wie Weihnachten wohl für Josef, Maria und das Jesuskind gerochen hat? Der beißende Geruch von Blut und Schweiß und Schafstall. Da war nichts vom Weihnachtsduft in jedem Raum.

So hat er 2005 begonnen. Das Jahr, in dem das Land eine Kanzlerin und einen deutschen Papst bekam. Irre lang her. Aber das ist eine Predigt, an die er sich erinnert. Der Idee wegen. Die Vorstellung ist ja auch zu schön: Wie sich die Menschen das Wohnzimmer an Weihnachten mit Schafsköttel-Raumspray beduften. Und es reicht tatsächlich, diese eine kleine Komponente in der großen Inszenierung zu ändern, und schon fühlt sich Weihnachten anders an. Rauer.

Wie kommt man jetzt aber über „Schafscheiß“ zur Frohen Botschaft?

Weidner ist ein Entromantisierer. Er mag die klebrige Gefühlspaste nicht, die dick übers Fest gestrichen wird. Die Art von Berührtheit, die allein durch Glockenklang und Lichterglanz entsteht. Was Weidner aber während der Christmette unbedingt möchte: „Eine Berührtheit, die nicht sentimental ist, sondern existenziell.“ Er sagt: „Wenn der Mensch, das Gefühl hat, dass er auf seine Sehnsüchte von Gott eine Antwort bekommt, dann ist viel passiert. Das würde mich freuen.“

Wie kommt man jetzt aber über „Schafscheiß“ zur Frohen Botschaft? Predigerhandwerk oder, wenn man so sagen will, -kunst. Er hat dann damals schon die Frage gestellt, ob diese weihnachtliche Emotionswoge, die bis in den November hineinschwappt, nicht total daneben sei? Und hat sie dann selbst mit Nein beantwortet.

Es gibt zwar schon vieles, was mir am heutigen Weihnachtstrubel nicht gefällt. Aber wenn wir heute Weihnachten feiern, dann geht es nicht darum, die Ereignisse von damals nachzuspielen. Das christliche Weihnachten ist keine Reality-Show. Wir spielen es nicht nach, wie es sich anfühlt, vor 2000 Jahren in einem Stall ein Kind bekommen zu haben, damit wir dann einen möglichst realistischen Eindruck haben. Nein, wenn wir Christen Weihnachten feiern, dann feiern wir, was die Geburt Jesu für uns bedeutet. Und das ist etwas zutiefst Emotionales. Etwas, was den gläubigen Menschen, aber nicht nur ihn, zutiefst und zuinnerst berührt …

Der gläubige Mensch. Noch immer gehören etwa 55 Prozent der Deutschen einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Das kann man schreiben. Aber sicher nicht, dass 55 Prozent der Deutschen regelmäßig in die Kirche gehen. Einmal pro Woche gerade noch etwa fünf Prozent. In einer anderen Zeitung stand einmal der schöne Satz: „Wenn ein Stadion nur einmal im Jahr ausverkauft ist, macht dann nicht die Mannschaft, die darin spielt, etwas verkehrt?“ Anderes, großes Thema. Nur muss man den Satz eigentlich aktualisieren: Mittlerweile ist das Stadion mancherorts sogar am Heiligen Abend nicht ausverkauft. Aber wenn wenigstens immer Weihnachten wäre …

Auch der beste Prediger kann es nicht allen recht machen

Manchmal packt die Pfarrer landauf, landab deswegen die Wut. Dann scheren sie in der Christmette ihre Schäfchen, die so selten kommen. Die nicht mehr mitsingen können bei den Advents- und Weihnachtsliedern. Oder bestenfalls die erste Strophe. Die durch die Liturgie stolpern. Und vielleicht zwischendurch auf die Uhr schauen, wann denn nun die Lichter ausgehen und „Stille Nacht“ angestimmt werden darf. Gerne auch die Traditions-, Weihnachts-, Saison- oder Folklore-Christen genannt, wobei alle Bezeichnungen nach nicht ganz vollwertig klingen. So nach halber Christ. Bernd Weidner packt bei der Christmette eher die Freude. Darüber, dass die Sehnsucht zumindest an Weihnachten da ist. „Schön zu erleben“, sagt er und: „Platzende Kirchen könnte ich öfter haben.“ In seiner Predigt 2014 hieß es:

Gott hat bei aller Hinwendung zu dieser Welt und zum Menschen Platz gelassen für den Zweifel. Und ich nehme an, dass nicht wenige Zweifler heute, an Weihnachten, unter uns sind. Schön, dass Sie auch da sind!

Es gab im Übrigen in diesem Jahr eine Predigt, die eine Milliarde Menschen weltweit gehört haben. Aber vor allem deswegen, weil sie das Drumherum nicht verpassen wollten. Die große Show. Und die dann hingerissen waren. Berührt. Sie handelte von der Kraft der Liebe und wurde so kraftvoll vorgetragen, dass es der Queen fast den Hut vom Kopf gefegt hätte. „Wir wurden von einer Liebes-Kraft geschaffen. Und unsere Leben wurden und sind geschaffen, um in dieser Liebe gelebt zu werden“, predigte volltönend der amerikanische Bischof Michael Bruce Curry bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Um sich danach aber von einigen Kritikern anhören zu müssen, er habe dem Brautpaar die Show gestohlen. Auch der beste Prediger kann es nicht allen recht machen.

Ein bisschen besser geht es in vielen Fällen aber schon. Im Jahr 2015 kam jedenfalls Papst Franziskus zu diesem Schluss und ließ deswegen einen 150-seitigen Leitfaden herausgeben. „In Bezug auf diesen wichtigen Dienst gibt es viele Beschwerden, und wir dürfen unsere Ohren nicht verschließen“, erklärte der Papst und bekannte, wie traurig er darüber sei, dass Priester und Zuhörer oft leiden müssen, „die einen beim Zuhören, die anderen beim Predigen.“ Wobei ja schon die ersten Prediger nicht immer Rücksicht auf ihr Publikum nahmen. In der Apostelgeschichte, Kapitel 20, wird ein Zwischenfall während einer Predigt von Apostel Paulus erwähnt. Da sank ein junger Mann in den Schlaf, „weil Paulus so lange redete  … und fiel hinunter vom dritten Stock.“ Alle hielten den Armen für tot. Paulus aber warf sich über ihn und sprach: „Macht kein Getümmel, denn es ist Leben in ihm.“ Dann predigte er weiter... Unmöglich heute!

Aber der Papst sagt auch: Bitte keine Unterhaltungsshow!

Dass der eine oder andere schon bei acht Minuten leidet, merkt Pfarrer Weidner daran, dass die Husterei beginnt. Das Geraschel. Wenn die Menschen anfangen wegzuschauen. „Du siehst es an den Blicken.“ An Weihnachten kann es aber auch einfach daran liegen, dass der Tag schon zu voll war. Und beim guten Essen das eine oder andere Gläschen Wein getrunken wurde. „Die Menschen sind dann oft schon ein bisschen müde.“ Also muss die Predigt eigentlich noch ein bisschen besser sein! Origineller. Mitreißender. Bruce-Curry-hafter. Aber der Papst sagt auch: Bitte keine Unterhaltungsshow!

Deutschland sucht mehr denn je! Deutschland sucht den Superstar. Deutschland sucht das Super-Model. Deutschland sucht das Super-Talent. Deutschland sucht den Super-Irgendwas. Ich weiß nicht, was sie alles suchen. Aber sie suchen und suchen …

So begann Weidner seine Predigt vor neun Jahren, 2009. Auch das gefühlt ewig lang her. Heidi Klum war da noch mit Sänger Seal verheiratet. Aber gesucht wird munter weiter – demnächst zum Beispiel Germanys Next Topmodel zum 13. Mal. Über die Castingshows, die Erniedrigungen, denen sich die Kandidaten und Kandidatinnen aussetzen, kam Weidner dann auf die Kirche zu sprechen. Ein weiter Sprung.

Da kann ich nur sagen: Jede Gesellschaft sucht sich offenbar die Vorbilder und die Maßstäbe, die sie verdient hat! Und wenn dann immer wieder die Leute zu mir sagen: Herr Pfarrer, die Kirche müsste mehr mit der Zeit gehen, dann denke ich mir: Mit dieser Zeit, nein, wirklich nicht! Die Kirche muss mit Jesus gehen und nicht mit der Zeit. Und Jesus ist da einen ganz anderen Weg gegangen …

Im Jahr 2018 ist es so: Man sehnt sich fast ein bisschen nach der Zeit, als man sich über Castingshows aufregen konnte. Als Castingshows überhaupt noch jemanden aufregten. Der Mensch gewöhnt sich an die krudesten Sachen. Und vergisst auch wieder. Wenn man die Weihnachtspredigten von Pfarrer Weidner durchblättert, hat man manchmal einen Aha-Effekt. Stimmt, so war das ja damals, die berühmte German Angst zum Beispiel. 2008 ein Thema. Da hat er einen Zeitungsartikel gleich zu Beginn zitiert. Er liest gerne Zeitung, er findet dort Anregungen. Ideen. Ein Gefühl dafür, was die Menschen gerade umtreibt. „Die Welt verändert sich ständig, der Kontext ist immer ein anderer“, sagt Weidner und seine Aufgabe sei es, das Evangelium so zu übersetzen, dass es Relevanz hat. Manche Sätze könnten daher auch in einem Leitartikel stehen. Aber da fehlt meist die Frohe Botschaft!

Manchmal braucht es klare Kante

Manche seiner Weihnachtspredigten klingen aber doch so, als könnte er sie so Wort für Wort wieder halten – weil sie von der ersten bis zur letzten Zeile von nichts anderem handeln als vom Menschsein. Von Angst, Ungewissheit, Not. Von der Sehnsucht nach Erlösung. Heute würde er vermutlich dennoch andere Worte wählen. Weil sich nicht nur die Welt verändert. Auch der Pfarrer selbst ist Jahr für Jahr ein anderer. Nur die Botschaft nicht:

Alle, die heute auf Neuigkeiten hoffen, muss ich leider enttäuschen. Es gibt hier nichts Neues zu berichten. Die Botschaft, die ich Ihnen heute verkünden darf, ist die gleiche wie letztes Jahr. Sie ist 2000 Jahre alt. Und sie hat sich im Wesentlichen, also in ihrem Kern, nicht verändert. Alle Jahre wieder erzähle ich Ihnen die Botschaft von der Menschwerdung Gottes mit unterschiedlichen Worten. Was sich allerdings deutlich verändert hat, das sind Sie!

Das war 2011. Weidner damals gestandene Anfang vierzig. Als junger Pfarrer, direkt nach dem Studium, habe er sich so voll mit neuem Wissen gefühlt. „Das willst du den Menschen mitteilen.“ Und dann kommt der Alltag und die Menschen, mit Sorgen und Nöten. Und dann vielleicht auch erst das Verständnis, wie schwer und komplex das Leben ist. Dann klappt der moralische Zeigefinger ein. Weidner sagt: „Ich bin barmherziger geworden.“ Das verlangt aber ebenfalls manchmal klare Kante. Vor zwei Jahren verkündete er an Weihnachten:

Wir brauchen keine Religionen, bei denen es nur um den Selbsterhalt von Institutionen geht. Wir brauchen keine Religionen, die andere herabsetzen, erniedrigen oder diskriminieren: sei es aufgrund ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes oder ihrer sexuellen Neigungen. Das sage ich ganz ausdrücklich. Was wir brauchen, ist Religion als Hilfe, um Menschen in Beziehung zu Gott zu bringen.

So kann man, wenn man die Predigten von Bernd Weidner liest, Weihnachten für Weihnachten Revue passieren lässt, auch etwas über ihn erkennen. Den Prediger. Was ihn umtreibt. Seine Sorgen. Einmal sagte er, das war 2010, und in seiner damaligen Pfarrei grummelte es gewaltig wegen des geplanten Abrisses eines Pfarrhauses:

Mir geht es in diesen Tagen nicht sonderlich gut.

Manchmal erkennt man auch, dass er gerne noch mehr gesagt hätte. Dass acht Minuten ziemlich kurz sein können, weil man da neben der Frohen Botschaft doch ziemlich wenig reinpacken kann. Zum Beispiel, wenn so ein großes Thema vor einem steht. 800 Wörter über die Flüchtlingskrise …

Man könnte versucht sein, zu glauben, viele Deutsche haben in den letzten Monaten ihre Liebe zu den Armen neu entdeckt. Denn immer wieder habe ich Sätze gehört wie: „Wir haben genug Arme bei uns. Wir müssen uns erst einmal um unsere eigenen Armen kümmern!“ Nun. Gesagt wurde das natürlich im Blick auf die vielen Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind. Und ich frage dann im persönlichen Gespräch immer gleich nach: Wie haben Sie sich denn bisher für diese Armen eingesetzt? Oder was werden Sie denn jetzt und in Zukunft für diese Armen tun, wenn sie Ihnen so am Herzen liegen? Und die Antwort darauf war bisher immer nur Schweigen.

2015. Das Jahr, in dem die Pastorentochter Angela Merkel predigte: „Wir schaffen das.“ Und: „Ich muss jetzt ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Worte, die der Kanzlerin seitdem immer wieder um die Ohren gehauen werden. Wie christlich kann Politik sein? Und wie politisch die Kirche?

Wie politisch darf Kirche sein?

Als im vergangenen Jahr der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, zu Weihnachten die Amerika-first-Politik von Donald Trump geißelte, der die Welt „nur noch als Kampfplatz von Interessen“ sehe, meldete sich daraufhin die CDU-Politikerin Julia Klöckner zu Wort. In der Bild-Zeitung beklagte sie, dass sich Kirchen mancherorts zu sehr über Windenergie und zu wenig über die Glaubensbotschaft verbreiteten. Und Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte noch an Heiligabend: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er habe einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht.“

Frage also an Bernd Weidner: Wie politisch darf Kirche sein? Gerade auch an Weihnachten? Wenn viele der Schäfchen, die kommen, sich doch eher ausgemerkelt fühlen. Und im Grunde nur ein bisschen singen, ein bisschen Rührung fühlen, ein bisschen Christentum genießen wollen. Das feierliche Topping nach Weihnachtsgans und Geschenken. Prompte Antwort: „Das Evangelium ist nicht parteipolitisch, aber zutiefst politisch.“ Es erhebe den Anspruch, dass die Menschen in der Welt das Reich Gottes bauen sollen. Was bedeutet: „Wir dürfen uns doch nicht raushalten aus der Gesellschaft.“ Er wäre froh, wenn die Menschen die Christmette verlassen und sagen: „Die Kirche ist nicht komplett verrückt.“

Vor zwei Jahren hat Weidner an Weihnachten über den Krieg in Syrien und den in der Ukraine, über die Deutsche Bank als Symbol für zügellose Gier und den Volkswagenkonzern als Symbol für zerstörtes Vertrauen gesprochen. Alles in einer Predigt und Trump kam auch noch vor. Und dann hat er gefragt:

Sind Sie schon deprimiert genug, oder soll ich noch weitermachen?

Er hat dann natürlich nicht so weitergemacht. Sondern in den übrigen Minuten über Unbestechlichkeit und Solidarität mit den Opfern dieser Gesellschaft gesprochen. Und darüber, dass die Welt so, wie sie jetzt ist, nicht bleiben kann. Und dass eine Revolution wichtig wäre, eine Revolution der Liebe. Für seine Predigten gilt, was er über das Evangelium sagt: „Es reibt und kratzt.“

Worüber also wird er in diesem Jahr predigen?

„Verwaschene Kernbotschaften“, das ist übrigens eine der zehn Problemzonen, vor denen im Ratgeber „Vom Text zur Predigt“ gewarnt wird. Ebenso wie vor „Sterile Schreibe“ oder „Sprache Kanaans“. Aber, das kann man sicher sagen, verwaschen ist bei Weidner nichts. 2015, noch ein Auszug daher:

Von einem Christentum, das sich zu Weihnachtsfeiern bei Punsch und Plätzchen versammelt und rührselige Geschichten vorliest, haben sich die meisten Menschen doch eh schon verabschiedet. Aber ein Christentum, das „das radikale Ja Gottes zu allen Menschen“ in diese Welt hinein trägt, ein Christentum, das nicht mitmacht bei Hass und Ausbeutung, das nicht schweigt, sondern aufschreit, wenn Menschen Unrecht geschieht, ein solidarisches Christentum, das wird immer attraktiv sein.

Worüber also wird er in diesem Jahr predigen? Es treibt ihn gerade das Thema Hoffnung um. „In dieser Welt, die unbeherrschbarer wird, wer gibt mir da Hoffnung …“ Zwei Tage sind noch bis Weihnachten. Drei Gottesdienste wird er halten, einen frühen am Nachmittag, dann die Kindermesse – „Die muss toll sein, mit Krippenspiel“ –, und abends dann die Christmette. Er wird auch diesmal in seiner Predigt wohl nicht dahin kommen, wohin er gerne kommen würde. „Zum tiefsten Punkt vorzudringen.“ Alle Jahre wieder, ein Versuch. Alle Jahre wieder, die mächtigste Geschichte der Welt! Christ der Retter ist da. Es gibt da noch immer eine Sehnsucht. Frohe Weihnachten!

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